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Literatur. Fantasy. Fandom.

John Garth: Forscher zu Tolkiens Leben und Werk

English (original) version below

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John Garth: “Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich das Gefühl hatte, dass [im Herrn der Ringe] eine ganze Welt auf ihre Erkundung wartet.”

John Garth, Autor der von der Kritik bejubelten Biografie Tolkien und der Erste Weltkrieg, wird auf dem Tolkien Thing vom 18.-20. Juli 2014 auf Burg Breuberg Ehrengast sein. In einem wunderbar umfangreichen Interview erzählte er uns über sein Werk, die neue deutsche Übersetzung und seine erste eigene Begegnung mit Tolkien.

Tolkien and the Great War wurde übersetzt von Birgit Herden und DTG Gründungsvorsitzendem Marcel Aubron-Bülles, der uns erzählte, dass er Garth bei der ‚The Ring Goes Ever On‘ Konferenz 2005 traf. Die Geschichte von der anderen Seite klingt so: „[Marcel] hielt den ersten Vortrag des Abends, und der war über Tolkien als Schriftsteller in Kriegszeiten, also bin ich hingegangen. Er hatte keine Ahnung, dass ich da war oder wie ich aussah, aber ich freute mich sehr, dass mein Buch Tolkien und der Erste Weltkrieg oft in seinem Vortrag auftauchte, und er sprach sehr wohlwollend davon. Während der Fragen am Ende dankte ich ihm. Es war wunderbar seinen Gesichtsausdruck zu beobachten als er realisierte, dass ich da war. Vielleicht erwartete er jemand älteres, verschrumpelt und bucklig von Jahren der Forschung!“

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Die deutsche Übersetzung ist seit März im Handel

Tolkien und der Erste Weltkrieg wurde nun von Klett-Cotta auf deutsch veröffentlicht, aber es gab weitere Übersetzungen ins Italienische, Chinesische (Mandarin) und Französische. „Eine spanische Übersetzung erscheint diesen Sommer“, erzählte uns Garth. Während der Arbeit an der Übersetzung hat er Aubron-Bülles und Herden ermutigt, alle möglichen Fragen an ihn zu schicken. „Wir diskutierten am Ende über englische Idiome von vor Jahrhunderten. Ich vergewisserte mich außerdem, dass sie über einige kleinere Korrekturen der jüngsten Zeit wussten, die noch nicht im englischen Text erscheinen – die deutsche Übersetzung wird also in diesen Punkten sogar noch korrekter sein.“ Garth hatte keinen Einfluss auf die Auswahl der Übersetzer, sagte aber, dass er sich über die Auswahl gefreut habe.

Im Vereinigten Königreich bereits erschienen im Jahr 2003, entstand das Buch aus der Kombination zweier Dinge, sagte Garth: „der genauen Untersuchung des Buchs der verschollenen Geschichten für ein Projekt über die Geschichte der erfundenen Sprachen und dem Lesen einiger Bücher, die zur Zeit des Ersten Weltkriegs spielen – die Niemandsland Trilogie von Pat Barker und Birdsong von Sebastian Faulks. Einige von Tolkiens frühesten Mittelerde-Gedichten wurden in Militärtrainingscamps geschrieben und ‚Der Fall von Gondolin‘ wurde im Krankenhaus, direkt nach der Schlacht an der Somme, geschrieben. Ich musste einfach mehr darüber herausfinden. Zufällig nur etwa eine Woche nachdem ich angefangen hatte mich damit zu beschäftigen, gab das Britische Nationalarchiv bekannt, dass es die Wehrpässe des Offizierskorps im Ersten Weltkrieg zugängig machen würde, welche Forschern nie zuvor zur Verfügung gestanden hatten. Ich war der erste, der durch die Tür ging in Kew, im Westen Londons, an dem Tag als sie freigegeben wurden, und der erste, der sich Tolkiens Pass anschaute.“

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J.R.R. Tolkien in Uniform 1916

Zu den Hauptunterschieden zu Humphrey Carpenters früherer Biografie erklärte Garth: “Er erzählt die Geschichte aus der Distanz und gliedert Tolkiens Kriegseinsatz und seine ersten Schriften über Mittelerde in verschiedene Kapitel. In der Realität waren beide stark miteinander verflochten, und genau das wollte ich vor allem untersuchen. Ich benutzte dazu öffentliche Aufzeichnungen, Carpenter tat das nicht. Neben Tolkiens Wehrpass, schaute ich mir auch die der anderen TCBS Mitglieder und die derer Freunde an. Ich schaute mir handgeschriebene Kriegstagebücher seines Bataillons, den 11. Lancashire Füsilieren, an und die seiner Freunde, und viele andere, wie die der Fernmeldetruppe, mit der Tolkien als Fernmeldeoffizier des Bataillons gearbeitet hat. Natürlich habe ich viel über den Krieg und dessen Hintergrund gelesen, besonders genau über die Handlungen, in die Tolkien an der Somme involviert war. Ich fand sowohl unveröffentlichte Briefe und Tagebücher als auch vergriffene Bücher, die fast direkt Licht auf das warfen, was Tolkien und seine Freunde erlebt haben müssen.“

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Straße nach Bapaume (Bild: Imperial War Museum)

Nachdem Garth einen ersten Entwurf geschrieben hatte, reiste er an die Somme, um die Plätze ausfindig zu machen, an denen Tolkien gekämpft hatte, und um die Genauigkeit seiner Landschaftsbeschreibungen zu überprüfen. „Ich besuchte außerdem Roos und die umgebende Holderness Halbinsel an der Nordwestküste Englands, wo Tolkien zwischen 1917-1918 stationiert war, und machte den wahrscheinlichsten Ort für den Spaziergang mit Edith Tolkien ausfindig, der ihn zur Geschichte von Beren und Lúthien inspirierte.“

Einer der befriedigendsten Aufgaben für ihn war es, die Familie von Tolkiens TCBS Freund R.Q. Gilson ausfindig zu machen, und dabei herauszufinden, dass „er viele Briefe hinterlassen hat, geschrieben zwischen 1910 und seinem Tode an seinem ersten Tag an der Somme. Die Familie willigte ein, dass ich sie frei nutzen konnte und so bereicherten sie das Buch und mein Verständnis von der Schule und dem Krieg, die die beiden teilten. Der Tolkien Estate gab mir Zugang zu den Papieren, die Tolkien aus seinem Kriegsdienst aufbewahrt hatte. Aber das schlagende Herz des Buches kam von der Erlaubnis des Estates, die Korrespondenz der vier zentralen TCBS Mitglieder zu begutachten, die bisher nur Carpenter und ein paar andere Wissenschaftler gesehen hatte. Da gab es so viel, was Carpenter in seiner relativ kurzen Biografie weggelassen hatte: die Papiere zeichneten ein sehr bewegendes Bild einer Gruppe junger Freunde, die in den Krieg ziehen. Ich habe sie durch mein Buch sprechen lassen.“ Er fügte hinzu, dass er außerdem Tolkiens kreative Arbeit viel genauer untersuchte, indem er „das Fundament Mittelerdes Stein um Stein untersucht hat und sie mit dem kontrastierte, was andere Soldatenschriftsteller zu der Zeit produzierten.“

Garths eigene erste Berührung mit Tolkien, über den Herrn der Ringe, kam als er neun Jahre alt war. „Es stand schon lange auf dem Bücherregal meiner Mutter und ich hab es oft aufgemacht und mir die Karten, die Türen von Durin und das Tengwar und die Runen angeschaut. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich das Gefühl hatte, dass darin eine ganze Welt auf ihre Erkundung wartet. Aber es war so ein dickes Buch, fünfmal solang wie die, die ich bisher gelesen hatte, also habe ich gewartet.“ Eines Abends wartete er darauf, dass ein Film im Fernsehen begann. Er fing an zu lesen und war eingefangen. „Die Details und die Tiefe der Welt faszinierten mich, insbesondere die erfundenen Sprachen; ich war aber auch sehr bewegt von der Geschichte voll Heldentum und Härte. Das Buch hat mein Leben mitgeformt. Das Silmarillion kam einige Jahre später heraus und wahrscheinlich war ich einer seiner jüngsten Leser.“

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Exeter College, Oxford (Bild: Simon Q)

Garth arbeitet im Moment an einer Broschüre über Tolkiens Zeit als Student vor dem Vordiplom, welches vom Exeter College in Oxford dieses Jahr veröffentlicht wird, und einem größeren wissenschaftlichen Werk über Tolkien, das noch nicht weiter bekanntgegeben wurde. „Ich bin auch journalistisch tätig, einschließlich über Tolkien und andere literarische Dinge, die man auf meiner Website sehen kann. Außerdem habe ich gerade ein Blog gestartet, in welchem es weiterhin neue Forschung und Reflexionen über Tolkien geben wird.“

Beim diesjährigen Tolkien Thing wird Garth über seine Forschung sprechen und Bücher (egal in welcher Sprache) signieren. Klett-Cotta sorgt für einen gefüllten Büchertisch mit der deutschen Übersetzung. Wir freuen uns, ihn als Gast auf Burg Breuberg willkommen zu heißen. Weitere Informationen zur Veranstaltung gibt es hier: www.tolkien-thing.de.

Interview und Übersetzung: Marie-Noëlle Biemer

 

John Garth: Research into Tolkien’s life and works

John Garth, author of critically acclaimed Tolkien and the Great War, will be the guest of honour at this year’s Tolkien Thing at Castle Breuberg from 18-20 July 2014. In a wonderfully comprehensive interview, Garth now told us about his work, the new German translation and his own first encounter with Tolkien.

Tolkien and the Great War has been translated into Germany by Birgit Herden and DTG founder Marcel Aubron-Bülles who told us that he met Garth at the 2005 ‘The Ring Goes Ever On’ conference. The account from the other side reads as follows: “[Marcel] was giving the first talk of the evening, and it was about Tolkien as a war writer, so I went along. He had no idea I was there, or even what I looked like, but I was delighted my book Tolkien and the Great War featured very prominently in his talk, and he spoke very highly of it. During questions at the end, I thanked him. It was rather wonderful to see his expression when he realised I was there. Perhaps he expected someone older, wizened and bent from years of research!”

Tolkien und der Erste Weltkrieg has now been published by Klett-Cotta in Germany but the book has seen further translations, into Italian, Mandarin Chinese and French. “A Spanish translation is due out this summer,” Garth told us. While the German translation was in progress, he encouraged Bülles and Herden to send over any queries. “We ended up discussing a few points about English idioms from a century ago. I also made sure they knew about some minor recent corrections which are not yet in the English text – so the German translation will be even more correct on those points.” Garth had no say in the selection of the translators but said he was delighted with the choice.

Already published in the UK in 2003, the book came about from a combination of two things, said Garth: “close study of The Book of Lost Tales for a project on the history of the invented languages, and reading some novels set in the First World War – the Regeneration trilogy by Pat Barker, and Birdsong by Sebastian Faulks. Some of Tolkien’s earliest Middle-earth poems were written in military training camps, and ‘The Fall of Gondolin’ was written in hospital straight after the Battle of the Somme. I needed to find out more. By coincidence, just a week or so after I started looking at this, the British National Archive announced it was going to release the service records of First World War officers, which had never been available to researchers before. I was the first through the door in Kew, west London, the day they were released, and the first to look at Tolkien’s record.”

On the main differences to Humphrey Carpenter’s earlier biography, Garth elaborated: “He tells the story from a distance, and organises Tolkien’s war service and his first Middle-earth writings into separate chapters. In reality, the two were closely intertwined, and I wanted to examine that above all. I used public records which Carpenter did not. As well as Tolkien’s service record, I looked at those of his fellow TCBS members and their other friends; I looked at the handwritten war diaries of his Somme battalion, the 11th Lancashire Fusiliers, and those of his friends, plus many others including the Signal Corps that Tolkien would have dealt with as battalion signals officer. Of course I read widely on the war and its background, and in depth on the particular actions Tolkien was involved in on the Somme. I found unpublished letters and diaries, as well as out-of-print books, which shed almost direct light on what Tolkien and his friends must have experienced.”

After Garth had written the first draft, he went to the Somme area to find places where Tolkien had fought, checking the accuracy of his landscape descriptions. “I also visited Roos and the surrounding Holderness peninsular on the North-West coast of England, where Tolkien was stationed in 1917-18, and I located the likeliest spot for the walk with Edith Tolkien which inspired the story of Beren and Lúthien.”

One of the most satisfying tasks for him was to track down the family of Tolkien’s TCBS friend R.Q. Gilson, “and to discover that he had left many letters, written between 1910 and his death on the first day of the Somme. The family let me use them freely, and they enriched the book and my understanding of the school and war they shared. The Tolkien Estate gave me access to the papers Tolkien saved from his war service. But the beating human heart of the book comes from being allowed by the Estate to look at the correspondence between the four central TCBS members, which only Carpenter and a couple of other researchers have seen. There was so much there that Carpenter had left out in his relatively brief biography: they provide a hugely moving portrait of young friends going to war. I let them speak through my book.” He added that he also looked at Tolkien’s creative work far more closely than Carpenter did, “by examining how the foundations of Middle-earth were laid brick by brick, and by contrasting it with what other soldier-writers were producing.”

Garth’s own first encounter with Tolkien, via The Lord of the Rings, came at age nine. “It had been on my mother’s bookshelf for a long time, and I used to open it and look at the maps, at the Doors of Durin, and at the tengwar and the runes. I can still recall the feeling I had, that here was a whole world waiting to be explored. But it was such a big book, five times as long as anything I’d read before, so I waited.” One evening, waiting for a film to start on television, he started reading, was hooked, and never looked back. “The detail and depth of the world fascinated me, and in particular the invented languages; but I was intensely moved by the story of heroism and hardship. The book helped shape who I am. The Silmarillion came out a couple of years later, and I suppose I was one of its youngest readers.”

Garth is currently working on a booklet about Tolkien’s time as an undergraduate, which will be published by Exeter College, Oxford, this year and a big piece of scholarly research on Tolkien yet to be announced. “I also write journalism, including on Tolkien and other literary matters, which can be seen via my website. And I’ve just started a blog, which will continue to feature new research and reflections on Tolkien.”

At this year’s Tolkien Thing, Garth will be talking about his research and sign copies of his book (in any language). Klett-Cotta will make sure we are stocked on German translations. We are looking forward to welcoming him and our guests at Castle Breuberg. For further information on the event, visit www.tolkien-thing.de.

Interview and German translation: Marie-Noëlle Biemer

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