Mythische Geschichten mit zeitloser Botschaft sind das Material, aus dem die Theatergruppe Ensemble 90 seit über 25 Jahren ihre Inspiration schöpft. Gerade bereitet das Team um Regisseur Gandalf Lipinski das Jubiläumsprojekt „Drachenlieder“ vor. Danach steht für die Hannoveraner Truppe und ihren Kölner Ableger ein moderner Mythos auf dem Spielplan: Der Herr der Ringe. Tolkien- und Theaterfans, die Mittelerde durch das ungewöhnliche Medium des Körpertheaters erleben möchten, können jetzt einsteigen. In Köln geht es direkt am kommenden Wochenende los.

Ziel der Kreativen ist es nicht, einfach nur die Texte aus den Büchern wiederzugeben oder die Filme nachzustellen. Vielmehr geht es ihnen darum, sich dem Stoff mit den Mitteln der freien Improvisation zu nähern. Das bedeutet: Es gibt zu Beginn kein Script und keine Vorgaben vom Regisseur. Im Fokus sind Figuren und Themen, die eher im Hintergrund der Geschichte stehen, aber viele Möglichkeiten zur Spekulation bieten. Wer ist Tom Bombadil? Wie ist das, mächtiger als Sauron zu sein und trotzdem ein bescheidenes Leben im Wald zu führen? Wo sind die Entfrauen? Wie fühlt sich die wahre Wildnis an? Haben die Elben die Welt ganz und gar verlassen? Über solche Fragen gewinnen die Darsteller ein Gespür für die Inhalte und erforschen ihren Bezug zum Hier und Jetzt.

Interpretation durch Improvisation

Die freie Improvisation ist nicht mit dem bekannteren Improvisations- oder Zuruftheater zu verwechseln. Vielmehr probieren die Schauspieler im rituellen Spiel verschiedene Interpretationen der Rollen aus und entwickeln dabei erste Szenen. Am Beispiel der Artussage erklärt Roland Dingfeld, der mit seiner Frau Daniela die Kölner Gruppe leitet: „Man kann spielerisch erfahren, was es wirklich bedeutet, ein König zu sein, wie sich Avalon anfühlt und was es heißt, wenn mit Camelot das Königreich des Sommers fällt.“ Die Darsteller lassen diese Erfahrung erst einmal auf sich wirken und reagieren erst dann auf der intellektuellen Ebene. Wenn schließlich ein gewisser Fundus an Ideen, Wissen, wiederkehrenden Szenen und Liedern gewachsen ist, setzt die Gruppe daraus das eigentliche Stück zusammen. „Das Schöne an dieser Arbeit ist, dass man sich einem Stoff tiefer annähern kann, als wenn man lediglich Texte lernt,“ so Dingfeld.

Neulinge herzlich willkommen

Wer mit dabei sein will, kann in Köln vom 26. bis 28. Januar am Einstiegsworkshop bei Roland Dingfeld teilnehmen. Schauspielerfahrung im Allgemeinen oder Kenntnisse des Körpertheaters im Besonderen sind nicht zwingend nötig, denn die Grundlagen werden im Workshop vermittelt. Dazu gehören Stimmbildung, Wahrnehmung, Ausdruck, Gesang und Übungen zur freien Improvisation. Das Thema „Herr der Ringe“ bildet hier bereits den Schwerpunkt. Wer möchte, kann danach dabei bleiben und bei den wöchentlichen Treffen der Gruppe weiter in die Materie eintauchen. Ein weiterer Workshop ist für Juni in Kassel/Witzenhausen unter der Leitung von Gandalf Lipinski geplant. Auch später wird es aber immer wieder Möglichkeiten zum Einsteigen geben. Etwa zwei Jahre sollen die Vorbereitungen dauern. Ob die beiden Gruppen ein gemeinsames Stück zur Aufführung bringen oder jede ihren eigenen Weg geht, wird im Verlauf des Projekts entschieden.

Credits

Titelfotos: Nicole Schmidt
Fotos im Text: Ensemble 90