Heute feiern wir den 125. Geburtstag von John Ronald Reuel Tolkien. Man könnte Mr. Tolkien als einen etwas verschrobenen Oxford-Professor beschreiben, der die Sprachwissenschaft liebte und in seiner wenigen Freizeit für seine vier Kinder phantastische Geschichten erfand. Oder als einen leidenschaftlichen Sprachenerfinder, der herausfinden wollte, welche Völker diese phantastischen Sprachen sprechen würden. Oder als einen der einflussreichsten Fantasy-Autoren unserer Zeit.

Ohne Tolkien keine Fantasy?

Seit einiger Zeit sorgen wir mit der Aussage „Ohne Tolkien keine Fantasy“ für viele Diskussionen. Natürlich ist der Slogan keine reine Provokation, sondern bietet vielmehr eine gute Diskussionsgrundlage. Denn natürlich stimmt die Aussage so nicht ganz – auch ohne Tolkien hätte es das Genre Fantasy gegeben, doch sicherlich hätte es ohne Mittelerde anders ausgesehen. Die Phantastik, wie wir sie heute kennen, mit Werken von J.K. Rowling, Markus Heitz oder Rollenspielen wie Dungeons & Dragons ist in vielen Teilen von Tolkiens Schöpfung inspiriert. „Ohne Tolkien keine Fantasy“ fasst allerdings die immense Bedeutung Tolkiens und Mittelerdes für die moderne Fantasy zusammen, ohne dabei Wegbereiter wie William Morris oder Lord Dunsany außer Acht zu lassen, die wiederum J.R.R. Tolkien inspirierten.

Doch wer genau war dieser Mensch?

John Ronald Reuel Tolkien wurde am 3. Januar 1892 als Sohn englischer Eltern in Bloemfontein (im heutigen Südafrika) geboren. Durch den frühen Tod seines Vaters in Südafrika blieb Tolkiens Mutter mit ihm und seinem Bruder Hilary in der englischen Heimat. Sie lebten in Sarehole Mill, einem ländlichen Ort bei Birmingham, der den jungen John Ronald später zur ruralen Idylle des Auenlandes inspirieren sollte. Bereits in seiner Kindheit erfand Tolkien eigene Sprachen und legte viel Phantasie an den Tag. Als die Mutter überraschend an Diabetes starb, war Tolkien 12 Jahre alt und die beiden Jungen kamen in die Obhut ihres Vormunds, Pater Francis Morgan. Dieser brachte sie in einem Gemeinschaftshaus in Birmingham unter. Eine weitere Bewohnerin war Edith Bratt, ebenfalls Waise. Sie und Ronald wurden ein Liebespaar, entgegen der Wünsche seines Vormundes, der ihm schließlich jeden Umgang mit Edith verbot.

Die wachsende Mythologie

Tolkien schloss die Schule ab und konzentrierte sich auf sein Studium der Philologie und englischen Mediävistik. Die alten germanischen und keltischen Sprachen Alt-Isländisch, Alt-Englisch, Walisisch und Gotisch hatten es Tolkien schon während der Schulzeit besonders angetan, ebenso wie Finnisch und die semitischen Sprachen des Nahen Ostens. Daraus entstanden schließlich die Elbensprachen Sindarin und Quenya, die Zwergensprache Khuzdul und weitere Sprachen Mittelerdes. Bereits lange bevor es Elben, Zwerge und Hobbits in Tolkiens Kopf gab, existierten ihre Sprachen und er machte sich daran herauszufinden, wer diese Sprachen sprechen würde.

Noch am Vorabend seiner Volljährigkeit, im Januar 1913, kontaktierte er Edith, um endlich mit ihr zusammen sein zu können. Sie heirateten 1916, kurz bevor Tolkien zum Kriegsdienst nach Frankreich geschickt wurde. Im Ersten Weltkrieg diente er auf britischer Seite an der Somme, eine Erfahrung, die sich später auch im Herrn der Ringe in verschiedener Form wiederfinden würde. Als er an Grabenfieber erkrankte und zur Genesung nach England zurückkehrte, verbrachte er lange Zeit im Krankenbett, wo er die ersten Geschichten seiner wachsenden Mythologie niederschrieb. Viele davon kennen wir heute als Teile des Silmarillions. Hier nahmen nun die Völker Gestalt an, die Tolkiens phantastische Sprachen verwendeten und Mittelerde bevölkerten, lange bevor ein Hobbit in einer Höhle unter der Erde lebte.

Ein Professor in Oxford und ein Hobbit in Beutelsend

Nach dem Krieg arbeitete Tolkien zunächst beim (Oxford) New English Dictionary, bevor er eine Dozentenstelle für englische Sprachwissenschaft an der Universität Leeds annahm. 1925 folgte seine Berufung zum Professor für Angelsächsische Literatur und Geschichte nach Oxford. Hier verbrachte Tolkien den Großteil seines Lebens, zog vier Kinder groß und schlug eine erfolgreiche akademische Laufbahn ein. Eigentlich ein ganz normales, ruhiges Leben für einen Oxford-Professor. Wäre da nicht Bilbo Beutlin gewesen.

Eines Tages in den 1930er Jahren (als es noch wenig Geräusche und mehr Grün gab), korrigierte Tolkien die Klausuren seiner Studenten, als er in den Prüfungsunterlagen eine leere Seite fand. Darauf schrieb er, ohne recht zu wissen, warum: „In a hole in the ground, there lived a Hobbit.“ Aber was bitte, war ein Hobbit? Dem musste er auf den Grund gehen. So entstand die wunderliche Geschichte über einen Hobbit namens Bilbo, der über Nacht von einer Gruppe Zwerge und einem Zauberer zum Meisterdieb ernannt wird und einen Drachen überlisten soll. Diese Geschichte schrieb Tolkien zunächst nur zur Unterhaltung seiner Kinder und eher durch Zufall kam es zu einer Veröffentlichung. Als The Hobbit 1937 publiziert wurde, war das Buch ein großer Erfolg und die Verleger baten Tolkien um eine Fortsetzung.

Die Fortsetzung des Hobbits

Mit dieser Aufgabe vielleicht etwas überrumpelt, schrieb er schließlich von Bilbos 111. Geburtstag und sehr schnell entwickelte die Geschichte ein eigensinniges Leben. Da war wieder die Sache mit dem Zauberring und plötzlich flossen auch verschiedene Teile seiner elbischen Mythologie mit in die Erzählung ein. Als Tolkien schließlich mit der Fortsetzung des Hobbits fertig war, hatte sich das Werk in eine gänzlich andere Richtung bewegt und es waren mehrere Jahre vergangen. Der Herr der Ringe hatte nur noch sehr wenig von der kindlichen Leichtigkeit, mit der er den Hobbit erzählt hatte und große Themen wie Freundschaft, Liebe, Krieg und Verlust standen im Mittelpunkt.

Mit dem unglaublichen Erfolg dieser Geschichten hatte wohl niemand gerechnet, am wenigsten Tolkien selbst. Als das Epos um den Ringkrieg 1954/55 veröffentlicht wurde, nahmen die Leser das umfangreiche Werk gut auf. Doch erst eine illegale Kopie und der daran anschließende Rechtsstreit 1965 in den USA machten die Geschichte breitflächig bekannt. Es folgte eine Kultbewegung unter den amerikanischen Studenten, die Tolkien berühmt machte. Durch die mediale Aufmerksamkeit, die mit dem Rechtsstreit einherging, wurden auch in England und anderen Ländern immer mehr Leser auf die Bücher aufmerksam, sodass das Epos internationale Beliebtheit erlangte.

Fünf Jahre nach dem Erscheinen des Herrn der Ringe ging Tolkien in den Ruhestand. Er wurde mit etlichen Auszeichnungen für seine akademische Arbeit geehrt. Sein weiteres Leben verbrachte er damit, The Silmarillion zu bearbeiten und für eine Veröffentlichung vorzubereiten. Tolkien starb jedoch am 2. September 1973 im Alter von 81 Jahren, bevor er seine Arbeit daran beendet hatte. 1977 veröffentlichte Tolkiens jüngster Sohn Christopher The Silmarillion. Seither kümmert sich Christopher Tolkien um die unvollendeten Werke seines Vaters und bearbeitet diese zur Veröffentlichung.

Einen Toast auf den Professor!

Heute feiern wir den 125. Geburtstag dieses Menschen, der so vielen von uns eine gemeinsame Basis gibt, gleich welcher Herkunft oder Kultur. Weltweit gibt es momentan rund 50 Tolkien-Gesellschaften, die sich mit dessen Leben und Werk beschäftigen und die heute alle ihre Gläser erheben und auf den Mann anstoßen, der uns alle zusammenbringt. Einen Toast auf John Ronald Reuel Tolkien!

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Credits

Titelfoto: Tobias M. Eckrich
Foto 1: Laura Zepner
Foto 2: Jonas Reinhard
Foto 3: Tobias M. Eckrich