Einige der bekanntesten fiktionalen Sprachen stammen wohl aus J.R.R. Tolkiens Feder. Die Verfilmungen von Der Herr der Ringe und Der Hobbit haben zu einer erneuten Popularität von Tolkiens Sprachen, wie zum Beispiel Quenya und Sindarin, geführt. Viele Fans sprechen die Sprachen inzwischen fließend und sind über sie verbunden mit Tolkiens Mittelerde.
Erfundene Sprachen begegnen einem heutzutage immer wieder – kaum ein Fantasy- oder Science-Fiction-Roman bzw. -Film kommt ohne sie aus. Manchmal werden lediglich einzelne Wörter, manchmal ein komplettes Sprachsystem entwickelt. Conlanger nennt man die Entwickler von Conlangs („constructed languages“). Mit den neuen Filmen und Serien aus Fantasy und Science Fiction sind sie auch heute, Jahre nach dem Höhepunkt von Esperanto, einer als „Weltsprache“ erdachten Conlang, bei der Entwicklung und Ausarbeitung von fiktionalen Sprachen immer noch gefragt.
Aber wie erfindet man eine Sprache? Es mag zuerst einmal einfach klingen, wahllos fremdartige Silben und Laute aneinanderzureihen. Doch eine so einprägsame und funktionierende Sprache, wie Tolkien sie erfinden konnte, wird dabei nicht herauskommen. Aber es gibt einfache Regeln, um eine ansprechende Sprache im Stile Tolkiens zu entwickeln. Regeln, an die sich auch die Conlanger populärer Sprachen wie Klingonisch („Star Trek“), Na’vi („Avatar“) und Dothraki („Game of Thrones“) heute noch halten.

Kohärenz und Konsistenz

In „A Secret Vice“, einem 1931 am Pembroke College, Oxford, gehaltenen Vortrag, geht Tolkien auf seine Versuche ein, eine für ihn ästhetisch ansprechende Sprache zu entwickeln. Dass Sprache und die Menschen (oder Wesen), die sie sprechen, zueinander passen müssen, macht Tolkien schon hier klar – es ist ein erster Einblick in die später folgenden Sprachen von Mittelerde.
Die einzelnen Laute der Sprache sollten zusätzlich angenehm anzuhören, Namen und Wörter natürlich kohärent und konsistent sein. Linguisten bezeichnen das als Phonotaktik. Sie bestimmt, welche Laute in einer Sprache ein Wort bilden können, in welcher Reihenfolge die Laute im Wort stehen dürfen und so weiter. Diese Kohärenz und Konsistenz ist eine wichtige Grundlage für Conlanger.
Zuerst geht es darum, die Welt zu verstehen, in der die Sprache gesprochen werden soll. Auch David Peterson, der Entwickler von Dothraki, setzte sich zuallererst mit den Regisseuren zusammen und fragte, wer die Sprache spricht, wer die Leute sind, woher sie kommen – alles laut Tolkien wichtige Aspekte, um eine passende Sprache zu entwickeln, die sich in die Welt einfügt. So hat Dothraki nun 14 Wörter für „Pferd“, aber keines für „danke“. Dieses als „sprachliche Relativität“ bezeichnete Konzept (auch als Sapir-Whorf-Hypothese bekannt) ist heutzutage in der Linguistik im Bezug auf real existierende Sprachen jedoch stark umstritten und gehört wohl komplett ins Reich der Fantasy.
Wenn bereits Wörter für die Sprache existieren, können sie als Grundlage dienen: Für Na’vi hatte James Cameron bereits einzelne Namen und Bezeichnungen erfunden, wie zum Beispiel den Namen der Welt: Pandora. Darauf konnte der Conlanger Paul Frommer aufbauen.
Teilweise ist es sinnvoll, Sprachen und ihre Laute an existierende Sprachen anzulehnen. So verwendet Na’vi südamerikanische Laute, Dothraki ähnelt dem Arabischen. In anderen Fällen ist es besser, bekannten Sprachen fern zu bleiben. Bei Klingonisch hat sich Marc Okrand besonders um einen seltsamen, außerirdischen Klang bemüht. Ein buntes Gemisch aus verschiedenen Laut- und Sprachsystemen war das Ergebnis: eine kehlige Sprache, die die Schauspieler trotzdem noch aussprechen können, die aber dennoch real existierenden Sprachen fern bleibt. Trotzdem zeigt Klingonisch Ähnlichkeiten zu mittel- und südamerikanischen Sprachen, z.B. dem aztekischen Nahuatl.
Für seine eignen Sprachen orientierte sich Tolkien an Finnisch (Quenya) und an den keltischen Sprachen Britanniens (Sindarin).

Grammatik

Auch eine funktionierende grammatische Struktur ist für Tolkien zentral für eine fiktionale Sprache. Für die Grammatik werden hier oft real existierende Sprachsysteme verwendet, wobei z.B. mit den Bestandteilen des Satzes gespielt werden kann. Als Marc Okrand mit der Entwicklung des Klingonischen begann, gab es bereits klingonische Sätze aus „Star Trek: The Motion Picture“, auf die er eine grammatische Struktur legen konnte. Die seltenste (ca. 2%) existierende Satzstruktur weltweit ist die mit dem Objekt am Satzanfang („Fahrrad ich fahre“ statt „Ich fahre Fahrrad“) – ein Grund für Okrand, sich genau für diese Struktur zu entscheiden. Tolkien lehnte Adûnaïsch, den Vorläufer der „gemeinsamen Sprache“ Westron im Dritten Zeitalter, an die semitischen Sprachen an. Diese haben eine sogenannte Wurzelstruktur, bei der jedes Wort aus einem bestimmten Wortfeld (z.B. „schreiben“) dieselben Buchstaben enthält.
Sowohl bei fiktionalen Laut- als auch Sprachsystemen in Fantasy- und Science-Fiction-Büchern und -Filmen muss man sich jedoch immer bewusst sein, dass die Sprachen entwickelt wurden, damit sie für europäische und US-amerikanische Ohren „exotisch“ klingen und erscheinen. Was uns mehr als spanisch vorkommt, ist jedoch in anderen Teilen der Welt alltäglich.

Mythenbildung durch Sprache

Für Tolkien ist Sprache aber nicht einfach nur Sprache, selbst, wenn sie erfunden ist. Wie jeder Leser – und Zuschauer – in Tolkiens Werken lesen und sehen kann, wächst aus einer Sprache auch immer mehr: Eine erfundene Sprache muss ein integraler Teil der Mythenbildung in einer erfundenen Welt sein. Aus der Sprache werden Mythen erwachsen, weswegen es wichtig ist, die Sprache direkt von Anfang an als wichtigen Bestandteil einer Kultur zu behandeln. Sprachentwicklung kann auch ein kollaborativer Prozess sein. Um den Schauspielern in James Camerons „Avatar“ Na’vi beizubringen, hat der Conlanger Paul Frommer selbst Sprachsequenzen aufgenommen, um die Aussprache zu verdeutlichen.

Das war während der Produktion des Films: Jetzt sprechen viele Fans Na’vi bereits fließend. Frommer ist zwar immer noch der Hüter der Sprache, der entscheidet, was „kanonisch“ ist. Aber Fans spielen ihm immer wieder Ideen zu und Frommer kann Na’vi zusammen mit ihnen weiterentwickeln. Für die engagierten Fans ist Na’vi mehr als nur eine Sprache. Es ist ein Tor in die Welt von „Avatar“, eine fundamentale Grundlage für die Geschichten und Mythen von Pandora.

Die Welt und ihre Sprachen so zu vereinen wie Tolkien, vermögen sicher nur wenige. Sein Vermächtnis zeigt sich jedoch in heutigen fiktiven Sprachen deutlich. Tolkien hat also nicht nur Grundsteine für die moderne Fantasy gelegt, auch den Sprachenerfindern hat er einen Schubs gegeben.

Credits

Titelfoto: Laura Z.