Bereits 20 Minuten nach der Veröffentlichung des Amazon Trailers zum Creative Team der Herr der Ringe Serie hatten wir im Rahmen des Tolkien Things die Möglichkeit, Tom Shippey, der als unser Ehrengast vor Ort war, zum Trailer und zum Projekt exklusiv zu befragen. Er ist einer der 20 Namen, die in dem Video vorgestellt werden und hatte das Video noch nicht gesehen. Gemeinsam sind wir Stück für Stück den Trailer durchgegangen, der von Shippey und uns analysiert wurde.

Auf unsere erste Frage, ob noch Namen fehlen, lacht Tom Shippey laut und schweigt.

Tom, was sagst Du zum Video?

Hmm, nun ja, besonders viel verrät es nicht… Die Karte, die im Video zu sehen ist, gibt nicht viele Infos preis, sie enthält keine Ortsnamen oder ähnliches. Die Karte verrät immerhin, dass es sich um das Zweite Zeitalter handelt, da Númenor noch verzeichnet ist. Dies bringt allerdings viele Probleme mit sich, da über das Zweite Zeitalter nicht sehr viel bekannt ist.

Tom Shippey

Tolkien Experte und Biograph

Inwiefern?

Es ist insofern schwierig, als das Zweite Zeitalter zweimal „endete“, wenn man so will. Einmal mit dem Fall von Númenor und dann, etwa 150 Jahre später, mit dem Letzten Bündnis und dem Sieg über Sauron. Das Ende des Zweiten Zeitalters sieht auf einer Karte etwa genauso aus wie der Anfang des Dritten Zeitalters, was Ortsnamen, Küstenverlauf oder Grenzlinien angeht. Dazu ist der Unterschied zur Mitte des Zweiten Zeitalters schon wesentlich größer. Númenor ist noch auf der Karte verzeichnet, die Ortsnamen sind anders, wir befinden uns buchstäblich vor der Wandlung der Welt durch Ilúvatar.

Es wird für die Serie von sehr großer Bedeutung werden, wann genau die Handlung spielt, zu welchem Zeitpunkt in der Geschichte Mittelerdes etwas stattfindet. Das war eine unserer Schwierigkeiten beim Erstellen einer Karte für das Zweite Zeitalter, denn man muss sehr genau festlegen, von wann diese Karte sein soll. Zu manchen Dingen schrieb Tolkien etwas, aber zu dieser konkreten Zeit gibt es nur einen dreiseitigen Zeitstrahl in den Anhängen zum Herrn der Ringe und die Liste der Könige von Númenor und ein wenig mehr Material in den Unfinished Tales, aber das war es im Prinzip auch schon.

Hat Amazon also freie Hand bei der Interpretation?

Amazon hat relativ freie Hand, wenn es darum geht, etwas hinzuzudichten, da, wie gesagt, sehr wenig Details zu dieser Zeitspanne bekannt sind. Der Tolkien Estate wird darauf bestehen, dass die Grundform des Zweiten Zeitalters bewahrt wird. Sauron fällt in Eriador ein, er wird von einer Truppe Númenorer zurückgeschlagen, wird gezwungen, nach Númenor zurückzukehren. Dort korrumpiert er die Númenorer und verführt sie dazu, den Bann der Valar zu brechen. Das alles, der Ablauf der Geschichte, muss gleich bleiben. Aber man kann neue Figuren hinzufügen und viele Fragen stellen, wie etwa: Was hat Sauron in der Zwischenzeit getan? Wo war er, nachdem Morgoth besiegt wurde? Theoretisch kann Amazon diese Fragen beantworten, indem sie die Antworten erfinden und hinzudichten, da Tolkien es nicht beschrieben hat. Aber es darf nicht dem widersprechen, was er gesagt und beschrieben hat. Darauf muss Amazon achten. Es muss kanonisch sein, man darf die Kontur, die Tolkien geschaffen hat, nicht verändern, es muss „tolkienesk“ bleiben.

Hat der Tokien Estate ein Vetorecht bei Änderungen?

Ja. Der Tolkien Estate behält alles sehr sorgfältig im Auge und ist durchaus in der Lage, nein zu sagen. Sie behalten ein Vetorecht in allem, was Tolkien angeht.

Wie sieht es mit dem Ersten und Dritten Zeitalter aus?

Das Erste und Dritte Zeitalter sind „off-limits“, Ereignisse könnten höchtens insofern erwähnt werden, als sie die Vorgänge im Zweiten Zeitalter erklären. Aber wenn es nicht im Herrn der Ringe oder in den Anhängen beschrieben oder erwähnt ist, können sie es wahrscheinlich nicht nutzen. Also ist die Frage, inwiefern sie auf Ereignisse anspielen dürfen, die etwa im Ersten Zeitalter stattgefunden haben, aber die Abläufe im Zweiten Zeitalter immer noch beeinflussen. Sicherlich nicht sehr eindeutig. Es gibt ja auch Karten, die Tolkien autorisiert hat, die nicht so bekannt sind. Dort finden sich Orte, die in den gängigen Karten beispielsweise nicht auftauchen. Da Tolkien sie aber abgenickt hat, ist es okay – es ist eine Art Minenfeld, was die Rechte angeht. Es bleibt aber auch immer noch ein beträchtlicher Umfang an freier Interpretation und freier Erfindung übrig.

[Die Rechte an den Ereignissen im Ersten Zeitalter hält der Tolkien Estate unter Verschluss. Die Rechte an den Ereignissen im Hobbit und im Herrn der Ringe, also im Dritten Zeitalter, liegen bei den Middle-earth Enterprises und nicht bei Amazon Studios. Ob und inwieweit Amazon Verhandlungen mit Middle-earth Enterprises führt oder geführt hat, ist nicht bekannt.]

Wo fanden die Szenen mit Dir statt, die im Trailer zu sehen sind?

In Neuchâtel, in der Schweiz. Dort wohnt auch John Howe.

[Tom Shippey erzählte uns in einem anderen Interview, dass er und John Howe ins Hotel Palafitte in Neuchâtel von Amazon Studios zu einem Foto- und Pressetermin eingeladen worden waren.]

Kennst Du einige der Namen, die im Video zu sehen sind?

Ich kenne die ersten beiden [J.D. Payne und Patrick McKay, die Showrunner der Serie], allerdings nicht persönlich. Brian Miller, der die Gesamtregie führen soll, taucht gar nicht auf, vielleicht hat sich aber auch wieder etwas geändert.

Weißt Du etwas darüber, wann die Produktion starten soll?

Nein. Ich weiß ohnehin nur sehr, sehr wenig über das Projekt. 2021 soll wohl die Ausstrahlung der Serie beginnen, sodass ich nicht glaube, dass dieses Jahr noch die Produktion starten kann. Es ist ja auch noch immens viel zu tun, denkt man nur beispielsweise an die Kostüme, Waffen, Drehorte, etc!

Im letzten Monat kursierten verschiedene Gerüchte um einen möglichen Drehort der Serie in Schottland oder Neuseeland. Bestätigt wurde davon bislang noch nichts. Was sagst Du zu der Drehort-Debatte?

Die genauen Drehorte sind natürlich weiterhin ungewiss und es könnten gut möglich mehrere sein. Der Dreh an sich geht nicht chronologisch vonstatten, sondern orientiert sich an den Drehorten. Man versucht logischerweise, alle Szenen, die an einem Ort spielen, zu bündeln und abzudrehen, damit man das fertig hat und nicht mehrmals zu diesem Ort zurückkehren muss. Das impliziert aber auch, dass zu Drehbeginn bereits alles fertig sein muss, man muss das Ende kennen. Es soll 20 Episoden für die erste Staffel geben. Wenn also noch nicht klar ist, wie das Ganze ausgehen soll, kann man mit dem Dreh nicht beginnen.

Erst werden nur einzelne Ausschnitte der Karte veröffentlicht, dann hört man wieder lange nichts um die Amazon Serie. Nun präsentiert dieses Video die Mitglieder des Creative Teams. Was hältst Du von der Marketing-Strategie, alle Infos nur häppchenweise zu veröffentlichen?

Nun, es funktioniert, es macht die Leute neugierig, nicht wahr? Die PR Abteilung von Amazon, das sind Profis, die das schon ihr (Berufs-)Leben lang machen, die kalkulieren das sicher bis ins Detail.

Wie würdest Du es machen, wenn Du im Marketing angestellt wärst – als Gedankenspiel?

Ich würde wahrscheinlich schneller mehr Infos veröffentlichen, aber ich habe von solchen Dingen keine Ahnung. Allerdings muss man die Neugier auch befriedigen…

Bekommst Du bereits Presse-Anfragen zur Serie?

Nein, zum Glück bislang gar nicht. [Er lacht.] Vielleicht ändert sich das jetzt, wer weiß.

Uns ist bewusst, dass die Security Auflagen bei Amazon Studios sehr hoch sind und Tom Shippey nicht auf alle Fragen so antworten darf, wie er es vielleicht könnte. Er selbst betont immer wieder, dass er nicht viel weiß und neue Entwicklungen mit großem Interesse verfolgt. Dies zeigt, wie bedacht Amazon auf die Geheimhaltung ist.

Für uns ist nun klar, dass mit dem Titel der Serie, Lord of the Rings, tatsächlich nicht der Titel des Buches und somit die Ereignisse aus dem Dritten Zeitalter gemeint sind, sondern Sauron als Figur, als Herr der Herrscherringe. Da sein Werdegang allerdings im Ersten Zeitalter seinen Anfang nimmt und er dort schon eine Rolle spielt, bleibt es spannend, inwiefern Amazon hierauf verweisen darf und wird.

Übrigens:

Wir interviewten Shippey während des Tolkien Things, vor der Veröffentlichung des Clips, auch für den TolkCast, unseren Tolkien Podcast. Dabei erzählte er – so viel, wie er durfte – auch über die Amazon Serie. Unteranderem fragten wir ihn nach seiner Meinung über den Namen Tyra, einer Figur, die bereits geleakt ist. Verpasst also nicht die TolkCast-Sonderfolge mit Tom Shippey!

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Credits

Titelfoto und Portrait Tom Shippey: Tobias M. Eckrich

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