In Humphrey Carpenters Tolkien-Biographie tritt Father Francis Morgan, der Ziehvater der beiden Tolkien-Brüder, als gestrenge und eher unnahbare Persönlichkeit in Erscheinung. Er nimmt Ronald und Hilary allmorgendlich mit zur Messe, vermittelt ihnen eine Bleibe und scheint sie ansonsten weitestgehend sich selbst zu überlassen – bis er dem jungen Ronald die Treffen mit seiner geliebten Edith verbietet. In seinen Briefen schreibt Tolkien hingegen von „der wundersamen Erfahrung von Liebe, Fürsorge und Humor“, die Father Morgan ihm und seinem Bruder vermittelte und die ihnen half, den Tod der Mutter zu verarbeiten. Den Verlust des „zweiten Vaters“ 1935 im Alter von 77 Jahren beschrieb Tolkien als harten Schlag, nach dem er sich „wie ein verlorener Überlebender in einer fremden Welt“ fühlte (Brief 332). Nicht zuletzt erhielt sein erstes Kind den Zweitnamen Francis. Hinweise darauf, dass die Beziehung zu Morgan keineswegs so unpersönlich war, wie es zunächst erscheinen mag.

Vormund und Vorbild

Aber wer war dieser Francis Morgan Osborne, der auch liebevoll Onkel Curro genannt wurde und nicht nur weitreichende Verbindungen zur katholischen Kirche, sondern auch zum Sherry-Handel hatte? Der spanische Tolkien-Forscher José Manuel Ferrández-Bru ist dieser Frage in seinem Buch La Conexion Española de J.R.R. Tolkien nachgegangen. Dabei zeichnet er den Lebensweg des spanisch-walisischen Priesters nach, untersucht aber auch, welchen Einfluss Father Francis auf den heranwachsenden Tolkien hatte – als Vormund, als Vermittler nützlicher Kontakte (etwa zu Kardinal Newman), doch ebenso auf literarischer Ebene, indem er etwa den schulisch eher auf antike Autoren fixierten Tolkien an vergleichsweise moderne Autoren wie Washington Irving, Alexander von Humboldt und Blanco White heranführte. Nicht zuletzt inspirierte Father Francis auch das tolkiensche Werk: Die Parallele zwischen seinem Kontaktverbot und dem Elbenkönig Thingol, der Beren die Hochzeit mit Lúthien verwehren will, ist offensichtlich. Und auch das Bild des weisen, aber auch liebevollen Ziehvaters findet sich wieder, insbesondere in der Figur Elronds.

Neue Erkenntnisse über Tolkiens Jugend

Ab dem 5. Juni 2018 ist das neu überarbeitete Buch zwar nicht in deutscher, aber immerhin in englischer Sprache erhältlich. Tolkien-Biograph John Garth und Priscilla Tolkien haben weitere Einsichten beigesteuert. Uncle Curro: J.R.R. Tolkien’s Spanish Connection zeichnet ein vielschichtiges Bild vom gar nicht so langweiligen Leben des Priesters, der Tolkiens Leben, Glauben und Werk so nachhaltig prägte. Der Verlag verspricht mehr und neue Einblicke in Tolkiens Kindheit und Jugend, die in den bisherigen Biographien vergleichsweise kurz abgehandelt werden.

Produktinformation

Preis: £ 15/ € 27,59
Seiten:  166
Autor: José Manuel Ferrández-Bru
Verlag: Luna Press Publishing
Sprache: Englisch
ISBN: 978-1911143352

Credits

Titelfoto: Fernando López Ayelo
Buchcover: Luna Press Publishing