Auf den Spuren von Tolkien und der mittelalterlichen Vorstellungswelt – Gemälde und Zeichnungen von John Howe

Weit im Westen des europäischen Kontinents, in Landerneau in der Bretagne, findet sich noch bis zum 28. Januar 2024 eine Tolkien-Ausstellung, in der unter dem Titel „Sur les traces de Tolkien et de l’imaginaire médiéval » („Auf den Spuren von Tolkien und der mittelalterlichen Vorstellungswelt“) Zeichnungen und Gemälde des bekannten Tolkien-Künstlers John Howe zu sehen sind. Sie befindet sich in der Hélène & Éduard Leclerc Kulturstiftung, einem Museum für zeitgenössische Kunst

In den Mauern eines ehemaligen Klosters aus dem 17. Jahrhundert werden derzeit mehr als 250 Kunstwerke ausgestellt.  Zusätzlich dazu gibt es Videoinstallationen, auf denen der Künstler etwas über sich, seine Werke und seine Beziehung zu Tolkien erzählt. Deren Untertitel sind, genau wie informierende Texte, auf Französisch und Englisch zu lesen. Außerdem werden ein paar mittelalterliche Originalstücke, wie Schwerter  und eine Rüstung ausgestellt, sowie eine kleine Skulptur vom Drachen Smaug auf seinem Schatzhügel 

Die einzelnen Ausstellungsräume sind nach Themen sortiert wie etwa „Natur als Hauptdarsteller“, „Zeichnungen von Städten und Burgen“, „Ich bin ein Hobbit!“ oder „Drachen und Kreaturen“. Dort sind dann Skizzen oder Gemälde mit unterschiedlichen Ausarbeitungsgraden  zu sehen und auch die Wände, an der sie hängen, passen zu Atmosphäre, häufig ist ein Werk stark vergrößert darauf abgebildet.

Die Ausstellung wählt insofern einen spannenden Ansatz, als sie in erster Linie nicht von Tolkien beziehungsweise seinem Werk ausgeht, sondern von John Howe. Da dieser aber die Inspiration für seine Werke aus ähnlichen Quellen wie Tolkien bezieht, ergeben sich viele Parallelen. Allerdings sieht man auch Gemälde, bei denen kein Tolkien-Bezug zu erkennen ist, es sei denn eine Anlehnung an die Vorstellung des Mittelalters (Abb. 7). Zu den meisten lässt sich aber leicht ein Bezug herstellen. So hat John Howe zum Beispiel Szenen aus Beowulf oder der Nibelungensage illustriert, die ja auch große Inspirationsquellen für Tolkiens Mythologie waren. Die Themen der jeweiligen Texte sind in der Ausstellung nachzulesen, sodass man nachvollziehen kann, wie sie mit den Werken zusammenhängen. Dadurch kann man versuchen Tolkiens Gedankengänge aus einer neuen Perspektive nachzugehen und auch feststellen, wie gut informiert John Howe an seine Illustrationen geht. Viele seiner Werke sind nämlich so bekannt, dass sie den meisten Tolkien-Fans schon einmal begegnet sind – etwa seine Darstellung von Gandalf dem Grauen. 

Neben der schieren Masse an Illustrationen, ist es besonders beeindruckend, diese im Original zu sehen. Witzig ist es auch, wenn man bei einem Werk glaubt, eine deutliche Anlehnung an die Peter-Jackson-Verfilmungen zu sehen, nur um dann festzustellen, dass es Jahre vor den Filmen entstanden ist und die Ähnlichkeit dadurch zustande kommt, dass John Howe als Concept Artist daran mitgearbeitet hat. Relativ überraschend tut sich dann der letzte Ausstellungsraum auf, in dem seine Concept Art zur Amazon-Serie „Rings of Power“ zu sehen ist, die man noch nicht oft gesehen hat, zum Beispiel zu Khazad-Dûm  Das verleiht der Ausstellung noch eine gewisse Aktualität und zeigt, dass John Howe mit dem Tolkien-Stoff schon einen weiten Weg zurückgelegt hat und diesen immer weiter geht. Dabei arbeitet John Howe mit Bleistift, Tinte, Aquarellfarbe, Gouache und auch digitalen Zeichenmitteln.

Zwar ist der Ort der Ausstellung für die meisten recht weit entfernt; wenn man aber die Gelegenheit bekommt, sie zu besuchen, sollte man diese unbedingt wahrnehmen. Man bekommt die Gelegenheit, neue Blickwinkel auf Tolkiens Werk zu erhalten, und lernt mehr über die Hintergründe zu John Howes Illustrationen. Außerdem kann man für ein paar Stunden in eine andere Welt abtauchen und sich in den schönen und detailreich ausgearbeiteten Bildern verlieren. 

Credits:

Fotos und Text: Veronika Schwamm

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