Rezension: Tolkien's Library

Rezension: Tolkien's Library

Im Sommer 2019 hat der italienische Tolkien-Forscher Oronzo Cilli eins der vermutlich langerwartetsten Referenzwerke zu J.R.R. Tolkien veröffentlich. Tolkien’s LibraryAn Annotated Checklist enthält eine kommentiere Liste von allen Büchern, die Tolkien bekannterweise besaß, vermutlich gelesen hat oder von denen er auch nur gehört haben könnte.
In dieser Rezension beleuchten wir Tolkien’s Library für Euch von allen Seiten.

Hintergründe

Oronzo Cilli begann die Recherche für Tolkien’s Library in 2015 zunächst als privates Unterfangen. Er wollte endlich eine umfängliche Liste all der Bücher haben, mit denen Tolkien Zeit seines Lebens in Kontakt gekommen war. Herauszufinden, welche Bücher Tolkien gelesen und/oder besäßen hat, ist heute gar nicht mehr so leicht. Leider hat Tolkien uns kein detailliertes Lesetagebuch hinterlassen und seine physische Bibliothek wurde mehrmals durch Umzüge aufgelöst. Nach Tolkiens Tod gelangten seine Bücher in verschiedene Hände. Cilli erläutert in seinem Vorwort woran man die Bücher aus Tolkiens Bibliothek erkennt und wo man sie heute findet: In viele seiner Bücher hatte Tolkien eine Art Exlibris eingetragen, das meistens seinen Namen oder Initialen und manchmal auch ein Datum enthält. Viele Bücher aus Tolkiens Bibliothek wurden nach seinem Tod an verschiedene Bibliotheken gespendet oder verkauft. Sie lassen sich teilweise in Katalogen und privaten Listen finden. Cilli zählt diese Kataloge und Listen als „primary sources“. Zu diesen Büchern fügte Cilli alle hinzu, die Tolkien in seinen akademischen Werken zitiert hat oder von denen er in seinen Briefen schrieb. Auch sie sieht Cilli als aus „primary sources“ stammend. Weiter enthält Cillis Literaturliste Bücher, von denen verschiedene Tolkien-Forscher annehmen, dass Tolkien sie gelesen habe, beispielsweise, weil sie als Inspirationsquelle gedient haben könnten. Diese Bücher bezeichnet Cilli als aus „secondary sources“ stammend. Zuletzt kommen noch Bücher hinzu, die Tolkien als Referenzen während seiner Arbeit am Oxford English Dictionary verwendet hat. Obwohl Cilli anmerkt, dass Tolkien diese Bücher vielleicht nicht alle selbst bearbeitet hat, entschied er sich dennoch dazu, einige von ihnen aufzunehmen.

Der Bedarf nach einem Buch wie Tolkien’s Library ist auf jeden Fall gegeben. Nicht nur durch Tolkien-Forscher, die mit Hilfe des Buches ihre Studien erweitern oder überhaupt neue Ansätze ihn ihm finden können. Auch jeder nicht-akademisch-orientierte Tolkien-Fan dürfte Interesse an Tolkiens Leseschatz haben. Tom Shippey sagt dazu:

[Die Bücher, die ein Autor liest] erzählen uns über [seine] persönlichen Interessen, seinen literarischen und kulturellen Horizont, seine prägenden Grundannahmen, man könnte sagen sein „mentales Mobiliar“.
Tom Shippey - Tobias M. Eckrich
Tom Shippey
in "Tolkien's Library", S. xii

Sowohl Oronzo Cilli als auch Tom Shippey betonen immer wieder, dass Tolkien’s Library kein endgültiges und abgeschlossenes Werk sei. Cilli bemerkt dazu:

Das vorliegende Werk „rekonstruiert“ keine physische Bibliothek, die einmal existiert hat, sondern eher eine imaginäre Sammlung, die Bücher oder andere Drucksachen enthält, die Tolkien einmal besäßen (und vielleicht gelesen oder nicht gelesen hat), und Werke, die er nicht besäßen, aber bekannterweise gelesen oder konsultiert hat […], zusammen mit Werken, auf die er in seinen Schriften referiert, aber vielleicht nicht besäßen oder direkt konsultiert hat. Auch die Werke, die er besaß, hat er vermutlich nicht alle gleichzeitig besäßen […]. Zusätzlich dazu gab es andere Bücher im Hause Tolkien, die nicht direkt Teil von Tolkien persönlicher Bibliothek waren, sondern seinen Kindern gehörten, aber Tolkien hat sie manchmal konsultiert.
Oronzo Cilli
in "Tolkien's Library", S. xxvii-xxviii

Wir können uns also auf überarbeitete und erweiterte Auflagen einstellen und Cilli hat bereits Korrigenda und Addenda auf seiner Webseite veröffentlicht.

Was ist drin?

Tolkien’s Library enthält weit mehr als „nur“ die oben erwähnte Literaturliste.
Das Buch beginnt, abgesehen von den obligatorischen Danksagungen auf den ersten 3 Seiten, mit einem Vorwort von Tom Shippey, einer Koryphäe der Tolkien-Forschung und Ehrengast auf unserem Tolkien Thing 2019. Shippy würdigt Tolkien’s Library mit folgenden Worten:

Das Werk mit dem größten Potential uns ein tieferes Verständnis von Tolkien zu geben; ein Werk, das, neben seinem sofortigen Effekt, vielen zukünftigen Arbeiten den Weg weist.
Tom Shippey - Tobias M. Eckrich
Tom Shippey
in "Tolkien's Library", S. xi

Weiter führt er kurz in Inhalt und Besonderheiten der Literaturliste ein.

In seinem eigenen Vorwort erklärt Oronzo Cilli seine Motivation hinter seiner ausführlichen Recherchen zu Tolkiens Literaturschatz und beschreibt die Methodik seiner Recherche. Leider lässt dieser Teile einige Fragen offen, beispielsweise ist nicht ersichtlich, nach welchen Kriterien Cilli seine „secondary sources“, also die Sekundärliteratur, aus der er ebenfalls Bücher für die Literaturliste abgeleitet hat, ausgewählt hat. Einige dieser Fragen hat Cilli mittlerweile in seiner Antwort auf die Rezension von Scull & Hammond beantwortet. Hoffentlich werden diese Informationen in einer überarbeiteten Auflage von Tolkien’s Library auftauchen.

Dann folgt auch schon das Herz des Buches: „Section A: Tolkien’s Library“. In dieser Liste sind alle Werke aufgeführt, auf die Cilli bei seiner Recherche gestoßen ist. 2599 Bücher sind es insgesamt, wobei in mehrbändigen Werken jeweils jeder Teil einzeln gezählt ist. Sie sind alphabetisch nach ihrem Autor geordnet, beziehungsweise nach ihrem Titel, wenn es keinen Autor gibt. Manchmal, vor allem bei Texteditionen nennt Cilli nämlich nicht eine bestimmte Ausgabe, sondern nur die notwendigen Informationen, um irgendeine Ausgabe ausfindig zu machen. Unter den Angaben zu jedem Buch finden sich weitere Informationen, immer über die Quelle in der Cilli das Werk gefunden hat sowie manchmal eine Beschreibung von Exlibris oder Anmerkungen, die Tolkien in das Buch geschrieben hat oder Zitate, in denen Tolkien es erwähnt.

Und was hat der Professor nun so gelesen? Wie zu erwarten enthält die Liste hauptsächliche Werke mit einem Bezug zu Tolkiens Arbeit als englischer Philologe. Grammatiken, Wörterbücher und vor allem Editionen mittelalterlicher Texte machen einen Großteil der Bücher aus. Hinzu kommen zeitgenössische Romane, Abhandlungen über Philosophie und Religion und weitere Themen.

In der “Section B: The published writing of J.R.R. Tolkien 1910-1972” findet sich, was der Name verspricht: alle 108 Werke Tolkiens, die zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurden. Darunter fallen nicht nur die weltberühmten Mittelerde-Bücher sondern auch Beiträge aus der Schülerzeitung, Gedichte und natürlich seine akademischen Veröffentlichungen. Auch hier finden sich weitere Informationen, beispielsweise darüber, wo das Werk heute zu finden ist und manchmal auch über seinen Inhalt. Teilweise tauchen Tolkiens eigene Werke auch in der Literaturliste in „Section A“ auf. In seiner Antwort auf die Rezension von Scull & Hammond hat Cilli seine Beweggründe dafür erläutert. Verwirrend ist es zunächst einmal dennoch.

„Section C – Interviews & Reviews“ enthält alle veröffentlichten Interviews Tolkiens und zusätzlich noch Rezensionen seiner Bücher, die er „mit Sicherheit gelesen, zitiert oder kommentiert“ (S. xxvii) hat. Leider gibt es hier keinerlei Angaben über die Themen der Interviews. Das ist vor allem deshalb sehr schade, weil viele von ihnen nicht öffentlich zugänglich sind.

In “Section D: J. R. R. Tolkien: Supervisor and Examiner 1929-1960” sind alle Arbeiten aufgeführt, die Tolkien als Professor für englische Philologie betreute.

1938 wurde Tolkien Mitglied des Komitees der Early English Text Society, die mittelalterliche englische Texte herausgibt, und blieb es bis zu seinem Tod 1973. „Section E: Tolkien and Early English Text Society 1938-1972“ enthält alle Titel, die während der Zeit seiner Mitgliedschaft erschienen sind.
Zuletzt steht noch „Section F: Tolkien’s Lectures 1920-1959“ in der alle Vorlesungen aufgeführt sind, die Tolkien als Professor in Leeds und Oxford hielt.

Auf die „Bibliography“ folgt dann noch der „Index“, oder besser gesagt neun Indexe. Dabei handelt es sich um die Listen aus den Sektionen A bis F in anderer Sortierung, beispielsweise nach Autor statt nach Buchtitel oder Chronologie. Dabei gibt es bis auf „Section B“ jeweils zwei Indexe pro Sektion. Hier kann man leicht den Überblick verlieren, was wozu gehört

Wie verlässlich sind die Informationen aus dem Buch?

Oronzo Cilli begründet im Vorwort zu seinem Buch, weshalb er einige Bücher in die Literaturliste aufgenommen hat und andere nicht. In ihrer Rezension im  Journal of Tolkien Studies (Vol. 7) zeigen Christina Scull and Wayne G. Hammond anhand der ersten sieben Einträge der Literaturliste auf, inwiefern die sechs der sieben Einträge jeweils problematisch sind. Cilli hat auf die Rezension mit seinem Aufsatz „The leaves were long, the cover was green“ geantwortet und seine Beweggründe und Methodik nochmals detailliert erklärt. In der Kurzfassung: Scull & Hammond kritisieren Cillis Entscheidung, Werke aus der Referenzliste des Oxford English Dictionary sowie aus anderen Werken aufgenommen zu haben, da sie diese nicht als von Tolkien selbst zusammengestellt sehen. Weiter sehen sie es nicht als belegt an, dass Tolkien bestimmte Bücher wirklich gelesen oder besäßen hat. Sowohl die Rezension als auch Cillis Antwort sind sehr lesenswert und unter verlinkt.

Wie kann man mit dem Buch arbeiten?

Wer sich fragt, ob Tolkien ein bestimmtes Buch gekannt haben könnte, der wird in Tolkien’s Library auf jeden Fall fündig – oder eben nicht. Aber auf andere Fragen liefert das Buch nur sehr schwerlich Antworten. Möchte man zum Beispiel wissen, welche Irischgrammatik Tolkien konsultiert hat, dann muss man entweder alle 2599 Einträge in der Literaturliste händisch durchgehen, oder man überprüft die Liste auf gut Glück auf mögliche Werke. Das mag bei einer Grammatik noch überschaubar sein, aber man stelle sich vor, jemand möchte wissen, ob Tolkien ein Buch über Bienenzüchtung besaß… Daran ändert auch ein e-Book mit Suchfunktion grundsätzlich nichts. Ohne einen thematischen Index, der die Einträge nach ihrem Inhalt aufschlüsselt, kann das ganze Potential des Buches nicht ausgeschöpft werden.

Ein weiteres Hindernis stellen die vielen nicht-englischen Titel da. Was in An Tiomma Nuadh ar dTighearna agus ar Slanuightheóra Iosa Criosd [225] steht, ist nicht wirklich ersichtlich, wenn man kein Irisch spricht. Nun gut, man kann den Titel ja in das Übersetzungstool seiner Wahl eingeben. Trotzdem könnte die Sprachbarriere dazu führen, dass Forscher Werke übersehen oder einfach nicht finden können. Eine englische Übersetzung der Titel würde dieses Problem beheben.

Und der Index lässt noch etwas vermissen: Eine Übersicht über alle Editionen eines Werkes, das Tolkien besaß, zum Beispiel vom Beowulf oder der Kalevala. Ein Beispiel: Im „Index of Books“ sind 12 Bücher unter dem Buchstaben „M“ aufgelistet, die mit „Mabinogion“ beginnen. Das White Book of Mabinogion steht aber unter „W“, obwohl das natürlich auch eine Ausgabe des „Mabinogion“ ist.

Für wen ist das was?

Eine Literaturliste wie in Tolkien’s Library wurde von Tolkien-Forschern seit vielen Jahren herbeigesehnt und wurde bereits für einige Publikationen verwendet. Aber auch für alle Fans, die sich nicht wissenschaftlich betätigen kann Cillis Buch durchaus informativ sein. Vielleicht möchte man alle erwähnten Märchensammlungen oder Science-Fiction-Romanen, die Tolkien kannte, durchschmökern. Oder man möchte sich eine Walisisch-Grammatik zulegen, die auch Tolkien besaß. An Tolkien’s Library sollte man übrigens auch Freude haben, wenn man nicht so gerne auf Englisch liest. Gefühlt die Hälfte der Bücher in der Literaturliste ist eh auf Deutsch (ok, das ist eine Übertreibung) und die „technischen“ Beschreibungen im Vorwort sind recht simpel gehalten.

Fazit

Käme eine gute Fee zu mir und ich dürfte mir drei Dinge wünschen könnte, die in einer aktualisierten Auflage von Tolkien’s Library enthalten wären, dann wären das 1. eine thematische Sortierung der Bücher, 2. eine Übersetzung aller nicht-englischen Titel und 3. mehr Informationen über den Inhalt aller aufgeführten Titel. Eine andere gute Fee mit Statistikkenntnissen könnte vielleicht einmal schätzen, wie viele Bücher, die Tolkien gelesen haben dürfte, sich wohl auf dieser Liste finden.

Tolkien’s Library ist ein sehr wichtiges Buch und für die umfangreiche Arbeit, die Oronzo Cilli in dieses Buch investiert hat, können wir ihm nicht genug danken. Man muss sich bei der Verwendung aber eventuell auf eine lange Suchzeit einstellen und akzeptieren, dass dieses Buch nicht die endgültige Wahrheit enthält.

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Credits

Titelfoto: Tobias M. Eckrich

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