Heute auf den Tag genau vor 40 Jahren, und damit 4 Jahre und 13 Tage nach Tolkiens Tod, erschien das Werk, an dem der Professor am längsten saß: Das Silmarillion. Es ist die Entstehungsgeschichte Ardas und Mittelerdes, der Kern von Tolkiens Mythologie, und wurde dennoch nicht zu seinen Lebzeiten vollendet. Tolkiens Sohn Christopher trug alle vorhandenen Texte, Entwürfe und Gedanken zusammen und gab das Buch nach langer Arbeit heraus.

Die Entstehung der Entstehungsgeschichte

Den Grundstein für das Silmarillion legte Tolkien in seinen frühen Jahren. So schrieb er die ersten Geschichten bereits im Jahr 1916 im Lazarett nieder, während er sich von seiner Erkrankung im Ersten Weltkrieg zu erholen versuchte. In seinem Kopf wuchsen die Ursprünge seiner Mythologie schon wesentlich länger heran. Inzwischen besteht das Silmarillion (wörtlich: „von den Silmarili“) aus den fünf Teilen:

  • Ainulindalë -> „Die Musik der Ainur“ (Entstehung von Arda)
  • Valaquenta -> „Das Buch über die Valar“ (Beschreibung der Valar und der Maiar)
  • Quenta Silmarillion -> „Die Geschichte von den Silmarili“ (Der Krieg um die Silmarili, Die Kinder Húrins, Beren und Lúthien)
  • Akallabêth -> „Die Versunkene“ (Über den Untergang Númenors)
  • Von den Ringen der Macht und dem Dritten Zeitalter

Auch wenn Tolkien viel Zeit und Energie, vor allem auch viel Liebe in sein Werk investiert hat, war das Veröffentlichen für ihn alles andere als einfach. Er bot sein Werk mehrmals zur Veröffentlichung an, obwohl es noch nicht fertig war. Ende der 1930er Jahre fragte sein Verlag Allen & Unwin nach einer Fortsetzung des Hobbits und Tolkien reichte einen Auszug des Silmarillions ein. Doch sie lehnten ab, da sie es für zu kompliziert hielten und ihre Leser mehr über Hobbits wissen wollten. Auch der zweite Versuch, das Silmarillion zusammen mit dem Herrn der Ringe zu publizieren, gelang Tolkien nicht. Dabei bot er es sogar einem anderen Verlag an, doch auch das scheiterte. Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre, nach dem großen Erfolg des Herrn der Ringe, wollten Allen & Unwin nun das Silmarillion gern herausbringen. Und Tolkien, mittlerweile im Ruhestand, arbeitete weiter daran, die umfassende Mythensammlung für eine Veröffentlichung vorzubereiten. Wahrscheinlich war es Tolkiens Perfektionismus, der ihn daran hinderte, es zu seinen Lebzeiten fertigzustellen. Die letzten Entwürfe entstanden in Tolkiens Todesjahr 1973. Es sollten noch vier Jahre vergehen, ehe Christopher Tolkien das Werk seines Vaters vollenden konnte und das Silmarillion publiziert wurde.

Die deutsche Übersetzung

Für den deutschen Verlag Klett-Cotta war relativ schnell klar, welchen Rang dieses Werk hatte und immer noch hat. Deshalb entschlossen sich Dr. Ulrike Killer und Herr Klett, das Werk ins Deutsche übertragen zu lassen. Am 6. Oktober 1978, nach nur einem Jahr für die Übersetzung, erschien das Silmarillion in deutscher Sprache. Übersetzer war Wolfgang Krege. Seither gab es fünf unterschiedliche Ausgaben. Der Text wurde dabei nie überarbeitet.

Im Neuerscheinungsheft Herbst 1978 bewarb Klett-Cotta das Werk wie folgt:

Das Silmarillion erzählt von den Ereignissen des ersten Zeitalters – jener fernen Epoche von Mittelerde, auf welche die Helden des Herrn der Ringe immer wieder in Ehrfurcht zurückblicken. (Und manche von ihnen wie Elrond und Galadriel, aber auch Sauron, haben sie miterlebt.) Es ist die Zeit der Elben, der Langlebigen, deren Liebe zu den Dingen soweit ins Einzelne geht, daß sie allem Namen geben. Die Menschen (die Kränklichen, die Nachtfürchtigen, die Unbegreiflichen) kommen eben erst aus den Wildnissen des Ostens hervor. In dieser Welt, wo noch nicht alle Wege krumm sind, entwickelt sich auch die Erzählung in mächtigeren Bahnen, als wir es seither kennen. Melkor, der Meister des Verrats, raubt die Silmaril, in denen das Licht verschlossen liegt, das älter ist als Sonne und Mond; und Féanor und seine Söhne, um sie zurückzugewinnen, sagen ihm einen hoffnungslosen Krieg ohne Ende an. Ein Erdteil von Geschichten kommt in Bewegung, Geschichten, die in den Liedern der Elben besungen und hier im Silmarillion erzählt werden.

Obwohl das Silmarillion erst jetzt erscheint, nach dem Tode des Autors und herausgegeben von seinem Sohn, ist es Tolkiens ältestes Buch. Seine Geschichten um Mittelerde hatten sich ihm über mehr als 50 Jahre hin zu einer Tradition verbunden, der er zuletzt mehr wie ein Philologe oder Historiker denn wie ein „Erfinder“ gegenüberstand. Und so betraten die Hobbits und ihre Gefährten im Herrn der Ringe diese schon fertige Welt, den festen Boden der Legenden unter den Füßen.

Klett-Cotta im Neuerscheinungsheft 1978

Die inoffizielle Übersetzung

Wolfgang Kreges Übersetzung war dabei nicht die einzige in deutscher Sprache. So war bereits vorher im Berliner Verlag „Die Drei“ eine inoffizielle Übersetzung erschienen, deren Urheber bis heute unbekannt sind. Unter Interessierten wird diese Ausgabe auch gerne „Raubdruck“ bzw. „Raubübersetzung“ genannt. Wobei der Begriff „unautorisiert“ hier juristisch besser passen würde. Logischerweise ist diese Übersetzung heute nicht mehr zu bekommen. Ab und zu findet man eine Ausgabe  auf einem Flohmarkt. Der große Unterschied zwischen beiden Übersetzungen ist die Herangehensweise: Während der unbekannte Übersetzer vieles wörtlich und dadurch eventuell näher an Tolkiens Originaltext übersetzte, legte Krege sein Augenmerk unter anderem darauf, einen stimmigen Text vorzulegen. Dabei ließ er mitunter kleinere Details weg. Dies verdeutlicht folgendes Beispiel:

Englischer Originaltext

„Yet this is held true by the wise of Eressëa, that all those of the Quendi, who came into the hands of Melkor, ere Utumno was broken, were put there in prison, and by slow arts of cruelty were corrupted and enslaved; and thus did Melkor breed the hideous race of the Orcs in envy and mockery of the Elves, of whom they were afterwards the bitterest foes.“

Offizielle Übersetzung

„Doch dies halten die Weisen von Eressea für wahr, daß alle Quendi, die in Melkors Hände fielen, ehe Utumno zerstört wurde, dort in Gefangenschaft kamen und durch die langsamsten Künste der Folter verderbt und versklavt wurden; und so züchtete Melkor das ekle Volk der Orks, in Neid und Hohn den Elben nachgebildet, deren bitterste Feinde sie später waren.“

Inoffizielle Übersetzung

„Jedoch gilt bei den Weisen von Eressea als wahr, daß jene Quendi, die in die Hände Melkors fielen, bevor Utumno zerstört wurde, in Gefängnisse kamen, und durch die Anwendung langsamster Arten von Brutalität verdorben und geknechtet wurden; und so brütete Melkor die gräßliche Rasse der Orks aus, aus Neid und zum Spott der Elben, von denen sie nachher die bittersten Feinde waren.“

Das Silmarillion auf die Ohren

Im Jahr 2005 veröffentlichte der Hörverlag eine ungekürzte Version des Werkes als Hörbuch. Es wurde eingesprochen von Joachim Höppner, der unter anderem die deutsche Synchronstimme von Gandalf aus den Herr-der- Ringe-Filmen von Peter Jackson war. Höppner liest in 926 Minuten (also etwas mehr als 15 Stunden) das Silmarillion vor.

Aber wie klingt das Silmarillion? Die Frage, wie die Musik zu jenem Werk klingen könnte, beantwortet der kanadische Komponist Aaron Dunn mit seiner Silmarillion Symphony. Diese besteht aus einer Reihe von Musikstücken, die von den Texten des Silmarillions inspiriert sind. Er veröffentlichte den ersten Teil der Symphonie, die EP The Deeps of Time, im März 2015. Zu Weihnachten 2016 kam die zweite EP The Fall of Fingolfin auf den Markt.

Ratlose Kritiker

Nicht jeder Tolkien-Fan oder Fantasy-Liebhaber kann mit dem Silmarillion etwas anfangen. Für einige ist die Entstehungsgeschichte Mittelerdes bloß eine ewige Aneinanderreihung von Namen. So etwa für den unbekannten Autor eines Spiegel-Artikels vom 13. Februar 1978. Was er von sich gibt, hat nichts mit sachdienlicher Kritik am Werk zu tun. Unter dem Titel Tolkien: Das ist unser Evangelium! zeigt er zudem auf, wie Fantasy in den 1970er Jahren neben dem Hype wahrgenommen wurde: So ist in seinen Augen der Herr der Ringe ein „prähistorischer Science-Fiction Roman“ und „das absonderliche Werk eines spleenigen Engländers“. Leider belegt der Autor seine Zitate und Behauptungen nicht, dennoch ist der Artikel durchaus lesenswert. Wenn man ihn nicht ganz so ernst nimmt.

Weiterführende Informationen

Emil Johansson machte sich bereits während des erstens Lesens Notizen zu den ganzen Namen und Verwandtschaftsverhältnissen im Silmarillion. Daraus erstellte er einen Stammbaum und stellt ihn unter lotrproject.com allen zur Verfügung. Hinzugekommen ist mittlerweile eine interaktive Karte rund um die Figuren in Mittelerde sowie viele interessante Statistiken zu Tolkiens Werk.

Darüber hinaus empfiehlt sich ein Blick in die Ardapedia oder das Tolkien Gateway. Wer generell tiefer eintauchen will, dem seien Tolkiens Briefe ans Herz gelegt.

Update 19. September 2017
Im ursprünglichen Artikel stand, dass Krege zum Zeitpunkt der Silmarillion Übersetzung bereits den Hobbit übersetzt hatte. Das stimmt nicht. Krege übersetzte erst 1996/1997 den Hobbit.

Quellen

Credits

Titelfoto: Tobias M. Eckrich
Foto Neuerscheinungsheft: Klett-Cotta
Foto inoffizielle Version: Tobias M. Eckrich
Cover EP1: Aaron Dunn