Dass Tolkien nicht nur schwere Romane schreiben konnte, wie Der Herr der Ringe oder Das Silmarillion, ist seit dem Hobbit bekannt. Dass Tolkien auch außerhalb Mittelerdes schrieb, ist ebenfalls keine Neuheit. So schrieb er unter anderem die kleineren Geschichten Der Schmied von Großholzingen, Bauer Giles von Ham oder Roverandom. Heute geht es aber um ein Werk, das vielleicht doch mehr mit Tolkien zu tun hat, als man auf den ersten Blick denkt: Herr Glück.

Die Geschichte von Herrn Glück

Die Handlung von Herrn Glück (im Englischen Mister Bliss) handelt von einem dünnen, großen Mann, der in einem dünnen, großen Haus wohnt und dünne, große Hüte trägt. Die Geschichte beginnt damit, dass Herr Glück für 5 Schilling ein hellgelbes Auto kaufen möchte. Für sechs Pence mehr bekommt er rote Räder. Während Herr Glück sein Fahrrad (ohne Pedale, denn er fährt damit nur bergab) als Pfand beim Händler hinterlässt, passiert ihm gleich bei seiner ersten Fahrt ein Missgeschick nach dem nächsten. Es ist eine amüsante Geschichte mit außergewöhnlichen Charakteren. Allen voran das blinde Giraffinchen, das jeden Tag das Wetter vorhersagt, obwohl es davon nie etwas mitbekommt.

Die Geschichte der Geschichte

Wann genau die erste Idee zu der Geschichte entstand, ist nicht belegt. Tolkiens Sohn Michael schrieb 1928 in einem Ferientagebuch über die Erzählung. Sein jüngerer Bruder Christopher vermutet aufgrund der Handschrift seines Vaters, dass die Geschichte erst später niedergeschrieben wurde. Ausschlaggebend für Herrn Glück, wie wir ihn heute kennen, dürfte aber gewesen sein, dass Tolkien im Jahre 1932 selbst ein Auto kaufte. Er karikierte sich mit diesem Werk selbst, vor allem, weil er seine eigenenFahrkünste schrecklich fand. So soll er nach seinen schlechten Erlebnissen mit dem Auto dieses wieder verkauft haben und weiterhin zufrieden mit dem Fahrrad gefahren sein. Das von Tolkien erstellte Bilderbuch wurde von ihm selbst aufwändig illustriert und als reales Buch mit festem Papier gefertigt. Es galt jedoch erst einmal der Unterhaltung seiner Familie. Das spiegeln auch die drei Bären in der Geschichte wider: Diese sind den Teddybären von Tolkiens Söhnen nachempfunden. Ein gelbes Spielzeugauto gab es bei den Jungs wohl ebenfalls, auch wenn sich der jüngste Tolkien nicht daran erinnert. Aber das liegt wohl in der Natur der Sache, wenn man klein ist.

Vom Werk zur Veröffentlichung

Bereits im Jahre 1937 legte Tolkien dem Verlag Allen & Unwin Herrn Glück zusammen mit dem Hobbit vor. Der Verlag wollte die kurze Geschichte gerne veröffentlichen, aber die farbigen Illustrationen waren zu der Zeit nicht umsetzbar. Tolkien sollte die Zeichnungen vereinfachen und so einen Druck des Werkes ermöglichen. Doch durch seine zahlreichen beruflichen Verpflichtungen kam Tolkien nicht dazu, dies zeitnah umzusetzen. Nach seiner Professur war Tolkien dann mit der Fortsetzung zum Hobbit beschäftigt. So kam es, dass Allen & Unwin Mister Bliss erst posthum veröffentlichten. Heute vor 35 Jahren. Bereits ein Jahr später (1983) erschien das Werk auf Deutsch, im „Deutschen Tolkien Verlag“ Klett-Cotta. Die Übersetzung stammt von Anja Hegemann. Bei der Gestaltung der deutschen Ausgabe hatte sich Klett-Cotta dafür entschieden, das Original mit abzudrucken. So ist immer auf der rechten Seite die Illustration und der originale Text von Tolkien in dessen Handschrift zu lesen. Links gibt es dann die deutsche Übersetzung.

Momentan ist das Werk bei Klett-Cotta nicht lieferbar und wird auch kurzfristig nicht neu aufgelegt. Auf Nachfrage sicherte man uns zu: „Wir werden keinen Text von Tolkien verschwinden lassen.“ Heißt also: Abwarten und Tee trinken.

Auf die Ohren und für die Augen

Die Verlagsgruppe Random House veröffentlichte 2013 eine ungekürzte Version als Hörbuch. Wie schon beim Hobbit wird das Hörbuch von Gert Heidenreich gelesen. Heidenreich liest die etwas mehr als 100 Seiten sehr plastisch in 47 Minuten vor. Dabei ist es manchmal irritierend, dass einige Charaktere in dem Werk die gleichen Stimmen haben wie im Hobbit. Und wenn man kurz nicht aufpasst, werden die drei Bären zu den drei Trollen, die Herrn Beutlin und die Zwerge zu Sülze zerquetschen wollen.

Neben dem offiziellen Hörbuch gibt es auch eine inoffizielle Videoadaption. 2004 erschufen russische Tolkienfans einen Zeichentrickfilm zu Mr. Bliss. Dabei verwendeten sie die Originalzeichnungen von Tolkien. In nur 33 Minuten wird die komplette Geschichte erzählt. Zwar in russischer Sprache, doch gibt es deutsche und portugiesische Untertitel. Wahrscheinlich auch englische. Der Film wurde in Deutschland erstmals 2006 auf dem Tolkien Thing der Deutschen Tolkien Gesellschaft gezeigt, später im Jahr auch auf der Ring*Con in Fulda. Wer wissen möchte, wie das Ganze aussieht, der findet auf YouTube einen Trailer zum Film:

Credits

Fotos: Tobias M. Eckrich