Tolkiens Leben und Werk bieten genug Material für eine Wissenschaft für sich, das beweist nicht zuletzt unser Tolkien Seminar. Dort halten Wissenschaftler aus den unterschiedlichsten Gebieten Vorträge über Tolkien, sie alle eint die Faszination, die der Professor auf uns ausübt.

Aber wie sieht es eigentlich mit Wissenschaftlern aus, die keine Tolkien-Fans sind? Ist er auch für sie interessant? Beim World Hobbit Project (wir haben bereits darüber berichtet) arbeiteten Forscher aus 46 Nationen zu den Hobbit-Filmen, auch wenn sie teilweise gar keinen Bezug zu den Filmen oder dem Buch haben:

„Gegenüber dem Buch und der Filmserie war ich weitgehend desinteressiert.“, sagt Prof. Dr. Uwe Hasebrink, Direktor des Hans-Bredow-Instituts für Medienforschung in Hamburg. Er hat in seinem Artikel die Verknüpfung von Fantasy und Alltag erforscht. „Was mich brennend interessiert, sind kulturvergleichende Untersuchungen von Rezeptionsphänomenen und die Frage, inwieweit Rezeptionserfahrungen kulturübergreifend oder kulturspezifisch sind.“

Auch für Prof. Dr. Ingrid Paus-Hasebrink, Leiterin der Abteilung für Audiovisuelle und Onlinekommunikation am Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg, hat Tolkien keinen Einfluss auf ihr Leben: „Für mich war jedoch stets klar, dass ich mit dem Genre des Fantasy-Romans nicht viel anfangen kann.“

Wie auch bei Uwe Hasebrink war für sie ein wissenschaftliches Interesse Anreiz für die Mitarbeit am World Hobbit Project: „Ich habe die Forschung gemacht und sie als sehr fruchtbar empfunden, weil es mir um Fragen der Rezeptionsforschung ging. Außerdem finde ich international ausgerichtete, kulturvergleichende Forschung hoch interessant und auch sehr notwendig.“

Ganz anders ist da der Blick ihrer Kollegen Prof. Dr. Lars Schmeink (Hans-Bredow-Institut für Medienforschung, Hamburg) und Jasmin Kulterer (Fachbereich Kommunikationswissenschaft, Universität Salzburg), sie wurden beide stark von Tolkien geprägt. So berichtet Jasmin Kulterer:

„Das erste Mal hörte ich von Tolkiens Herrn der Ringe, als eine Mitschülerin in der dritten Klasse des Gymnasiums im Deutschunterricht über eine Buchreihe referierte, in der es um kleine Wesen mit pelzigen Füßen, komische Monster und Zauberringe ging. Sie schwärmte so sehr von den Büchern, dass ich neugierig wurde und sie selbst lesen wollte. Die Geschichte, der Schreibstil und diese komplexe Fantasywelt zogen mich sofort in ihren Bann, so dass ich die Bücher binnen kürzester Zeit verschlang. Als der erste Teil der Herr-der-Ringe-Trilogie in die Kinos kam, wuchs mein Interesse noch mehr, ich versuchte, mit Hilfe des Internets Elbisch zu lernen (das klappte leider nur bedingt), Lembas zu backen (klappte etwas besser), und konnte bald diverse Merchandising-Artikel mein Eigen nennen (den Einen Ring trage ich heute noch).

Mein ganzer Freundeskreis schloss sich dem Hype an, so dass wir beim Erscheinen des zweiten Teils für das Double-Feature ins Kino pilgerten; als der dritte Teil ins Kino kam, besuchten wir natürlich auch das Triple-Feature (später auch noch einmal das Triple-Extended Edition-Feature – wir verbrachten mit Pausen mehr als 12 Stunden im Kino und haben wohl erheblich zum finanziellen Erfolg der Trilogie beigetragen…). Mein Entschluss, im Nebenfach Anglistik zu studieren, lässt sich auf meine Faszination mit Tolkien zurückführen.“

Der alltägliche Hobbit

Während die einen Wissenschaftler das „Tolkien-Fieber“ also selbst miterlebt haben, waren die anderen von der großen Alltagsnähe des Hobbits überrascht: „Mich haben vor allem die engen Bezüge zur Flüchtlingsthematik sehr erstaunt; sie haben gezeigt, dass die Rezipienten den Hobbit-Stoff stark auf ihre Alltagserfahrungen beziehen“, sagt Ingrid Paus-Hasebrink.

Auch Uwe Hasebrink hat beobachtet, dass Fans des Hobbit-Buches viel mehr auf ihren Alltag bezögen, statt auf eine Realitätsflucht: „Das ist anders bei denjenigen, die den Film besuchen, weil sie Fantasy generell mögen – hier spielen eskapistische Motive eine erhebliche Rolle.“ Die Buchfans bewerteten den Film auch generell negativer als andere Zuschauer, so Uwe Hasebrink.

Dazu mag die Verarbeitung des Stoffes beigetragen haben: „Ein Ergebnis war, dass sehr viele Befragte den Hobbit als Buch für ein Kinderbuch halten und niemals in Frage stellen würden, ihn so zu bewerten, dass aber die selben Befragten vehement den Film als Kinderfilm ablehnen“, berichtet Lars Schmeink, der sich bei seiner Arbeit für das World Hobbit Project genau mit dem Thema Hobbit als „Kinderfilm“ beschäftigt hat.

Tolkien in der Wissenschaft

Zu Tolkien lässt sich also auch außerhalb von Tolkien-Seminaren forschen. Aber was ist die Einstellung von außenstehenden Wissenschaftlern zu diesem Stoff?

„In meinem Fach, der Kommunikationswissenschaft, sind Arbeiten zu Tolkiens Werken allenfalls als Randgebiet anerkannt“, sagt Uwe Hasebrink. „Hinzu kommt auch, dass einzelne Wissenschaftler gern in klar abgrenzbare Schubladen der sie interessierenden Forschungsfelder einsortiert werden – in meinem Fall vor allem die allgemeine Mediennutzungsforschung, vor allem mit Bezug auf tagesaktuelle, informationsorientierte Medien. Und viele Kolleginnen und Kollegen werden sich wundern, dass ich nun über den Hobbit gearbeitet habe.“

Laut Ingrid Paus-Hasebrink habe die Forschung zu unterhaltungsorientierter Kommunikation in der Medien- und Kommunikationswissenschaft jedoch einen „unbestrittenen Stellenwert“ und auch eine „lebensweltlich fundierte Erforschung von „Alltagskommunikation“ sei anerkannt.

In der Literaturwissenschaft, die ja die Wissenschaft zur Erforschung Tolkiens sein könnte, gibt es derweil immer noch Vorbehalte, wie Lars Schmeink erklärt: „Hier ist die Idee einer elitären und kanonischen Hochkultur noch weit verbreitet, in die Tolkien und andere Autoren der Phantastik eben nicht hineinfallen. Dadurch hat die Phantastikforschung unter Literaturprofessoren noch ein wenig das Stigma eines „hobby horse“, also einer Art Freizeitbeschäftigung.“

Aber, wie wir alle wissen: „Die Welt ist im Wandel.“ Das findet auch Lars Schmeink, der zum ablehnenden Verhalten in der Literaturwissenschaft sagt:

“Das ändert sich aber gerade recht massiv, weil Studierende die Populärkultur lieben und in Seminaren und Forschungsarbeiten einfordern, und weil Forscher sich organisieren (u.a. etwa in Deutschland in der Gesellschaft für Fantastikforschung) und relevante Erkenntnisse zu Tage fördern. Das WHP ist dafür ein gutes Beispiel, weil hier ganz deutlich die zentrale Stellung der Fantasy für die aktuelle Kulturlandschaft aufgezeigt wird. Der Herr der Ringe wurde in den 1950er Jahren als anspruchslos und „nur für kindliche Gemüter“ geeignet eingestuft, heute wird die Fantasy aber als komplex und herausfordernd bewertet. Da ist ein Wandel der Wahrnehmung eingetreten, den ich besonders spannend finde.“

Ich danke den Wissenschaftlern, die meine Fragen so ausführlich beantwortet haben, und vor allem Lars Schmeink für die Hilfe und Kontaktaufnahme.

Das World Hobbit Project

Das World Hobbit Project wurde von Martin Barker (Wales) und Ernest Mathijs (Kanada) initiiert. 2014 haben sich mehr als 145 Wissenschaftler aus 46 Ländern zusammengetan, um gemeinsam an den gerade erschienen Hobbit-Filmen zu forschen. „Die leitenden Forscher wollten vor allem sehen, wie sich die Wahrnehmung eines solch globalen Medienevents in den verschiedenen Kulturen darstellt und wie Menschen auf Fantasy reagieren, was die Menschen daran bewegt.“, sagt Lars Schmeink „Für mich persönlich war die Möglichkeit entscheidend, Einblicke in die Funktion der Fantasy zu erlangen, also wieso Menschen Fantasy anschauen oder lesen, was sie dazu bewegt, ausgerechnet diese Geschichten zu rezipieren.“ Für dieses Ziel wurde ein Fragebogen mit 29 Fragen entwickelt, der online ausgefüllt werden konnte. Allein 4.861 Antworten gingen aus dem deutschsprachigen Raum ein und wurden von Forscherteams aus Deutschland und Österreich bearbeitet. Was sie herausgefunden haben, kann ihn ihren wissenschaftlichen Aufsätzen nachgelesen werden (allerdings auf Englisch).

Das deutschsprachige Team:

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