Wir alle wissen, dass in einem Fantasybuch oder -film viel mehr stecken kann als nur ein paar Stunden gute Unterhaltung. Über welche Themen Zuschauer eines Fantasyfilms nachdenken, haben jetzt österreichische Wissenschaftlerinnen erforscht ‒ anhand der Hobbit-Trilogie!

Wissenschaftler aus 46 Ländern haben sich 2014 zu einem einzigartigen Forschungsprojekt zusammengeschlossen: „The World Hobbit Project“. Ziel dieses Projekts ist es herauszufinden, warum und mit welchen Erwartungen Zuschauer die Hobbit-Filme angeschaut haben und ob diese Erwartungen erfüllt wurden. Jedes Land hat sich unter einer anderen Fragestellung mit diesem Thema beschäftigt.

Dazu wurde ein Online-Fragebogen mit 29 Fragen erstellt und ausgewertet. Die beteiligten Forschungsteams haben sich unter verschiedenen Fragestellungen mit den Antworten beschäftigt und ausgewählte Themenbereiche erforscht. Prof. Dr. Brigitte Hipfl vom Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Klagenfurt und Jasmin Kulterer aus der Abteilung Audiovisuelle und Online-Kommunikation der Universität Salzburg haben u.a. für ihren Artikel die Frage ausgewertet:

Werfen die Hobbit-Filme irgendwelche allgemeineren Themen auf, zu denen Sie sich gerne äußern möchten?

3.235 Antworten sind zu dieser Frage aus dem deutschsprachigen Raum eingegangen. In dem jetzt veröffentlichten Aufsatz der beiden Forscherinnen sind sie sich sicher: „[…] Die Zuschauer der Hobbit-Filme werden in vielerlei Weise von diesen berührt und sie stellen Verbindungen auf zwischen den Filmen und sozialen Themen“ (Seite 247). „Wer meint, dass Fantasy-Filme wie die Hobbit-Reihe trivial, naiv oder kindisch wären, irrt“, stellt Prof. Hipfl fest. Und im österreichischenTV-Sender ORF sagte sie: „Das Interesse der Probanden an sozialen Aspekten dieser Fantasy-Filmreihe [ist] sehr groß gewesen.“

Kapitalismus in Mittelerde

In ihrem Aufsatz führen Hipfl und Kulterer sieben soziale Themen an, die die Zuschauer mit den Hobbit-Filmen verbanden.

Ein zentrales Thema ist laut den Befragten eine Kapitalismuskritik, die in der Geschichte des Hobbits durch die Gier verschiedener Charaktere dargestellt sei.

Der Hobbit und besonders der Eine Ring, den Bilbo findet, zeigen wieder einmal, dass Leute leicht von Macht und Ruhm geblendet werden und dass nur wenige dem widerstehen können“, eine Antwort.

„Viele der Befragten nehmen die Filme als einen generellen Kommentar über Kapitalismus, mit all seinen negativen Konsequenzen für unsere Welt, wahr“ (Seite 251). „Die Gier nach Geld und Macht wird als Symptom des Kapitalismus angesprochen“, meint Prof. Hipfl.
Dabei bewerteten die Befragten die einzelnen Charaktere nach ihrer Gier: Wer sehr gierig ist, handelt schlecht ‒ wer sich nicht davon beeinflussen lässt, wird als „gut“ wahrgenommen, wie etwa Bilbo.

„Das zentrale Thema des dritten Films ist Thorin Eichenschilds Wahnsinn, der durch den Drachenhort hervorgerufen wurde. Er vergisst, wer seine Freunde sind, und verliert allen Sinn für Realität, er stellt Reichtum vor die Leute, die in der Schlacht [der Fünf Heere] sterben […].“

„Es ist der Kapitalismus, der zur Gier führt, und Gier wird zur Wurzel allen Übels […]“ (Seite 252), bewerten die Befragten.

Krieg als Gefahr und Chance

So sahen viele Teilnehmer des Fragebogens einen direkten Zusammenhang zwischen Gier und Krieg:

„[…] Typische Weltprobleme wie, dass Kriege geführt werden aufgrund von Gier nach Reichtum und Macht […]“

Aber: Krieg kann bei J.R.R. Tolkien auch für eine Erneuerung stehen: Durch den Ringkrieg ging zwar vieles verloren, aber durch den Sieg über Sauron gab es auch eine neue Chance für die Bewohner Mittelerdes.

„Ein Thema wäre Krieg, denn es gibt immer Krieg in dieser Welt. Aber das bedeutet nicht, dass das schlimm sein muss. Manchmal wird Krieg geführt, um ein Problem zu lösen. Natürlich ist Krieg keine endgültige Lösung, aber, wie man im Film sehen kann, gibt es manchmal keinen anderen Weg.“

„Die Schrecken des Krieges seien in der Wahrnehmung des Publikums auch die Basis eines besonderen Gefühls von Liebe, Freundschaft und Zugehörigkeit, wie es das auf Individualismus getrimmte Einzelwesen der Gegenwart kaum erlebe. Darin liege auch die Hoffnung begründet, die von vielen Forscherinnen und Forschern als das zentrale Gefühl hinter den Werken Tolkiens beschrieben wird“, zitiert die Universität Klagenfurt Jasmin Kulterer.

Freundschaft ist essentiell

Dieses Gefühl der „Liebe, Freundschaft und Zugehörigkeit“ empfanden ebenfalls viele der Befragten als wichtiges Thema der Hobbit-Trilogie. „In einer Welt, die als vom Kapitalismus beherrscht scheint, erscheint Freundschaft als eine Lösung und ein Gegensatz zu den kapitalistischen Motiven Gier und Krieg“ (Seite 255).

‒ „Freundschaft und Solidarität sind wichtiger als materielles Vermögen.“
‒ „Die Themen Freundschaft und Loyalität sind von essentieller Bedeutung in diesen Filmen. Themen, die wir in unseren Zeit zu vergessen scheinen.“
‒ „Als Team kann man mehr erreichen als allein und sogar die Kleinsten können die Größten sein.“

Interessanterweise wird auch gerade die umstrittene, von Peter Jackson erfundene Liebesgeschichte zwischen Tauriel und Kili als Zeichen von tiefgehender, Grenzen überschreitender Liebe gesehen:

„Die Liebe zwischen einer Elbin und einem Zwerg, etwas, das nicht vereinbar mit Tolkiens Welt ist, hat mich zum Nachdenken gebracht. Dahinter steht die größere Thematik eigenartiger Liebespaare.“

Auch Zwerge sind Flüchtlinge

Mit dem Thema Krieg verbanden die Befragten auch die aktuelle Flüchtlingsthematik:

„Die Zwerge als Flüchtlinge darzustellen, war ein interessanter Ansatz, aber leider wurde er nicht tiefgehender behandelt.“

Der Kleinste kann der Größte sein

Ein weiteres Motiv, das die Befragten in den Hobbit-Filmen wahrnahmen, ist Bilbo als Vorbild für jemanden, der es schafft, aus seinem gewohnten Umfeld auszubrechen und Neues zu wagen.

‒ „Man sollte es immer wagen, eine Chance zu nutzen, man weiß ja nie, es könnte zu etwas Aufregendem und Fröhlichem führen.“
‒ „Jeder sollte einen Blick nach Draußen wagen und die Welt erkunden.“
‒ „Es ist nicht wichtig, wie groß jemand ist, man kann trotzdem große Errungenschaften leisten.“

Kritik an den Filmen

Gleichzeitig sahen aber viele auch einen Widerspruch in den Filmen. Diese werden nämlich selbst auch als kapitalistisch wahrgenommen:

  • „Bombastische Fortsetzung und Prequel, um Geld zu machen […]“
  • „Ausbeutung einer Marke bis zum absoluten Maximum […]“
  • „KAPITALISMUS! Es scheint im Trend zu liegen, möglichste viele Filme aus einem Buch zu machen.“
  • „Die Ausbeutung eines Klassikers. Natürlich geht es beim Hobbit nur um Geld, natürlich möchte Peter Jackson noch mehr Geld damit verdienen, aber das heißt nicht, dass der Film schlecht ist.“

Fazit

„Die Hobbit-Filme sind also keineswegs nur Filme, sondern sie sprechen viele aktuelle Themen der realen Welt mit ihren kollektiven Erwartungen, Gefühlen, Ängsten, Wünschen und Zielen an. Sie spiegeln ein gemeinsames Gefühl unter historisch-spezifischen Bedingungen wider“, so die Zusammenfassung von Prof. Hipfel.
Wer immer noch glaubt, Fantasy diene ausschließlich der Flucht aus unserer Welt, kann durch diese Studie wieder einmal eines Besseren belehrt werden.

Mittlerweile wurden in der Zeitschrift „Participations“ auch Forschungsergebnisse anderer Forschungsteams veröffentlicht. Aus dem deutschsprachigen Raum waren Ingrid Paus-Hasebrink und Sascha Trültzsch-Wijnen von der Universität Salzburg sowie Uwe Hasebrink und Lars Schmeink vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg mit folgenden Beiträgen beteiligt: „How Bilbo lost his innocence: Media audiences and the evaluation of The Hobbit as a „Children’s Film““ („Wie Bilbo seine Unschuld verlor: Das Medienpublikum und die Entwicklung des Hobbit als ein „Kinderfilm“) (Lars Schmeink), „Watching The Hobbit in two European countries: The views of younger audiences and readers in Austria and Portugal“ („Wie Menschen in zwei europäischen Ländern den Hobbit schauen: Die Ansichten einer jüngeren Zuschauer- und Leserschaft in Österreich und Portugal“) (Sascha Trültzsch-Wijnen und Vanda de Sousa) und „Linking fantasy to everyday life: Patterns of orientation and connections to reality in the case of The Hobbit: How do viewers of fantasy link this symbolic material to their everyday lives?“ („Die Verknüpfung von Fantasy mit dem alltäglichen Leben: Muster der Orientierung und Verbindung mit der Realität am Fall des Hobbit: „Wie verknüpfen Zuschauer von Fantasy dieses symbolische Material mit ihrem alltäglichen Leben?“) (Uwe Hasebrink und Ingrid Paus-Hasebrink). Auch die weiteren erforschten Themen sind sehr interessant und reichen über Literaturwissenschaft bis hin zur Psychologie.

Anmerkung:

Obwohl die Antworten aus dem deutschsprachigen Raum stammen, sind sie nur auf Englisch veröffentlicht. Die hier verwendeten deutschen Übersetzungen können also von den Originalantworten abweichen.

Quellen / weiteres

Credits

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