Seit HarperCollins im Oktober bekannt gab, dass Beren und Lúthien als eigenständiges Buch veröffentlicht wird, häufen sich die Spekulationen, was in dieser Publikation nun genau enthalten sein mag. Inzwischen gibt es einiges mehr an Informationen zur Veröffentlichung und wir haben das zum Anlass genommen, einen neuen Artikel zu verfassen. Unseren Artikel vom Oktober könnt Ihr hier lesen.
 
Wir haben für Euch keine Mühen gescheut und einige der Beteiligten zum Thema interviewt. Tolkien-Illustrator Alan Lee haben wir persönlich in Stuttgart getroffen, Stephan Askani, Lektor bei Klett-Cotta für den Bereich Fantasy, haben wir mit Fragen gelöchert, und auch Helmut W. Pesch, unser Ehrengast auf dem Tolkien Thing 2016 sowie einer der beiden Übersetzer, stand uns Rede und Antwort.

Beren und Lúthien wird am 6. Mai 2017 bei Klett-Cotta veröffentlicht, zeitgleich mit dem englischen Original von HarperCollins. Anders als bei Amazon oder herr-der-ringe-film.de angegeben, sind die deutschen Übersetzer Helmut W. Pesch und Hans-Ulrich Möhring. Das Buch wird bei einem Preis von 22 Euro 320 Seiten umfassen, im Hardcover mit Schutzumschlag, Prägung und Lesebändchen erscheinen und von Alan Lee reich bebildert sein:

Beren und Lúthien enthält acht Farbillustrationen und etwa zwanzig Schwarz-Weiß-Zeichnungen, allesamt neu angefertigt für die Veröffentlichung.

Alan Lee

Illustrator

Da es nicht so häufig vorkommt, dass die deutsche Übersetzung zeitgleich mit dem Original erscheint, wollten wir von Herrn Askani wissen, wie ungewöhnlich das ist.

Bei einem solchen Ausnahmebuch wie Beren und Lúthien ist es in der Tat so, dass wir anstreben, zeitgleich zu erscheinen. Das haben wir damals bei Die Kinder Húrins auch so gehalten. Wenn ein neues Buch von Tolkien herauskommt, dann ist das so ein großes Ereignis, dass wir natürlich nicht hinterherhinken möchten. Das bedeutet dann aber auch einen sehr hohen Zeitdruck, denn das Ganze muss ja noch übersetzt werden. 
Stephan Askani

Lektor bei Klett-Cotta

Helmut W. Pesch ist zusammen mit Hans-Ulrich Möhring deutscher Übersetzer für die Publikation. Auch wenn er in Fankreisen für seine Elbisch-Fachkenntnisse bekannt ist, möchte er sich keinesfalls auf diesen Aspekt beschränkt sehen. Er ist professioneller Übersetzer und Tolkien-Experte und erzählt, wie es zu dem Projekt kam:

Ich hatte im letzten Jahr (2015) auf der Frankfurter Buchmesse Stephan Askani von Klett-Cotta angesprochen und ihm gesagt, dass ich jetzt auch wieder für Übersetzungen zur Verfügung stehe. Kurz vor der diesjährigen Buchmesse rief er an und sagte mir, es gebe da ein geheimes Projekt von HarperCollins zu Tolkien, über dessen Inhalt er mir noch nichts sagen dürfe, und ob ich Interesse hätte. Ich habe natürlich spontan zugesagt, unter dem Vorbehalt, dass dies alles terminlich machbar sei. Es handelte sich dabei, wie sich herausstellte, um Beren und Lúthien.
Helmut W. Pesch

Übersetzer

Mit Herrn Pesch hatte ich damals, vor 10 Jahren, schon für Die Kinder Húrins zusammengearbeitet. Er ist ein so enormer Tolkienkenner, dass er sofort sieht, welche Textteile denn schon im Buch der Verschollenen Geschichten veröffentlicht sind, welche im Silmarillion, und welche er neu übersetzt, das ist natürlich ein sehr großer Vorteil. Herr Möhring ist ein ganz ausgezeichneter Lyrik-Übersetzer, das hat schon etwas Kongeniales, was er da macht. Das haben wir schon bei Die Legende von Sigurd und Gudrún gesehen, das er in Stabreimen übersetzt hat – eine außergewöhnliche Schwierigkeit. Bei Herrn Möhring kann ich mich aber darauf verlassen, dass es richtig gut wird. Man muss eben auch Glück haben als Lektor, oder man muss sagen, dass ein Lektor sehr, sehr abhängig davon ist, dass er gute Übersetzer hat. Und da bin ich sehr froh, dass ich gerade Herrn Pesch und Herrn Möhring für diese Aufgabe gewinnen konnte. 

Stephan Askani

Lektor bei Klett-Cotta

Als Deutsche Tolkien Gesellschaft interessiert uns die deutsche Übersetzung sehr, und so wollten wir von Herrn Pesch wissen, wie man als Übersetzer an solche Werke herangeht und wie beeinflusst man von anderen ist.

Wenn man solche kanonischen Texte hat, muss man sich als Übersetzer auch darauf beziehen, etwa in der Nomenklatur. Stilistisch hat sicherlich jeder Übersetzer seine Eigenheiten, wenngleich er oder sie natürlich verpflichtet ist, den Text adäquat umzusetzen. Ich vertrete das Prinzip einer funktionalen Übersetzung, nach dem Grundsatz: Was würde ein deutscher Sprecher bei demselben Sachverhalt sagen? Gerade bei Sachtexten, wie in diesem Fall bei den Texten von Christopher Tolkien, ist es notwendig, erst einmal den Sachverhalt zu durchdringen, um ihn dann in der Zielsprache so wiedergeben zu können, dass er verständlich ist.
Helmut W. Pesch

Übersetzer

Natürlich wollten wir auch Genaueres über den Inhalt des Buches wissen, auch wenn uns klar ist, dass darüber nur sehr wenig gesagt werden darf. Wir haben trotzdem nachgefragt.

Ich wurde von HarperCollins angesprochen, da Christopher Tolkien eine Art neuer Version der Geschichten seines Vaters über Beren und Lúthien zusammengestellt hatte. Einiges davon ist schon in verschiedenen Formen veröffentlicht worden, aber ich glaube, es ist auch neues Material dabei, das auf spannende Weise zusammen verwebt wurde. Aber ich bin mir dessen nicht 100% sicher, dafür bräuchte ich mehr Informationen des Verlegers.

Alan Lee

Illustrator

Von Herrn Askani wollten wir wissen, zu welchem Zeitpunkt Klett-Cotta von HarperCollins für diese Veröffentlichung miteinbezogen wurde.

Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zu HarperCollins, wir sind in einem ständigen Kontakt und Austausch miteinander. Darum habe ich natürlich die Neuigkeit und das Manuskript um einiges vorher bekommen, ich musste aber eine Verschwiegenheitsklausel unterschreiben. Wenn ich da etwas erzählt hätte, wäre ich da wahrscheinlich im Tower of London bis an mein Lebensende bei Brot und Wasser eingesperrt worden! (lacht) Aber ich habe nicht einmal meiner Frau davon erzählt und ihr erzähle ich eigentlich alles. 

Stephan Askani

Lektor bei Klett-Cotta

Auf die Frage, ob er uns einen genauen Zeitpunkt nennen dürfe, meinte Herr Askani lachend: „Na, ein bisschen was muss ich ja auch für mich behalten.“ Nun, das verstehen wir natürlich.
 
Auch Herr Pesch sah sich mit der Frage nach dem Inhalt konfrontiert:

Über den genauen Inhalt, der mir inzwischen vorliegt, bin auch ich zur Vertraulichkeit verpflichtet, aber wie auch in der Verlagsankündigung von HarperCollins zu lesen ist, handelt es sich im Wesentlichen um Material, das bereits auf Englisch in verschiedenen Bänden der History of Middle-earth vorliegt. Vieles davon gibt es aber noch nicht auf Deutsch. Ich werde die Prosatexte übersetzen und zusammenstellen und Hans-Ulrich Möhring die poetischen Texte. Etwas aus dem Tolkien-Kanon zu übersetzen ist für mich als Übersetzer verständlicherweise die „Königsklasse“, zumal ich mich schon mehr als ein halbes Leben lang mit Tolkien beschäftigt habe.

Helmut W. Pesch

Übersetzer

Mr. Lee hingegen sagte augenzwinkernd:
Es ist auf jeden Fall vieles dabei, das ich selbst noch nicht wusste, und es gibt so viele verschiedene Versionen dieser Geschichte, die sich im Laufe der Zeit ziemlich radikal änderte. Christopher hat einen Weg gefunden, sowohl die Geschichte von Beren und Lúthien zu erzählen als auch die Entwicklung derselben zu verdeutlichen. 
Alan Lee

Illustrator

Wir fragten Herrn Askani, ob er bestätigen könne, dass sich in dem Buch bislang (auch im Englischen) unveröffentlichte Versionen der Geschichte befinden.
So viel darf ich gar nicht erzählen. Neu ist jedenfalls, wie Christopher Tolkien die Versionen dieser Geschichte im Sinne seines Vaters miteinander verbindet. Aber das Ganze soll ja auch geheim bleiben – lassen wir also die Frage offen, dann bleibt es bis Mai spannend.
Stephan Askani

Lektor bei Klett-Cotta

Wir dürfen also auf die Veröffentlichung im Mai sehr gespannt sein! Sobald wir ein Exemplar davon bekommen, werden wir Euch natürlich davon berichten. In der Zwischenzeit freuen wir uns auf neue, gesammelte Erkenntnisse über die schönste Liebesgeschichte in Arda.

Die Geschichte von Beren und Lúthien hatte solch eine besondere Bedeutung für Tolkien, dass es auch als Geschichte etwas ganz Besonderes ist. Als seine Frau Edith starb, ließ er den Namen „Lúthien“ in ihren Grabstein meißeln. In seiner ganz eigenen, persönlichen Mythologie spielten diese beiden Charaktere, Beren und Lúthien, eine riesige, riesige Rolle.

Alan Lee

Illustrator

Englische Ausgabe

Preis: £20,00
Seiten: 304
Verlag: HarperCollins Publishers
Sprache: englisch
Herausgeber: Christopher Tolkien
ISBN: 978-0008214197

Deutsche Ausgabe

Preis: 22,00€
Seiten: 320
Verlag: Klett-Cotta
Sprache: deutsch
Übersetzung: Helmut W. Pesch, Hans-Ulrich Möhring
ISBN: 978-3608961652

Update:

Wie der Verlag Klett-Cotta am 22. Februar 2017 mitgeteilt hat, wird sich die Veröffentlichung von Beren und Lúthien  wahrscheinlich auf den 10. Juni 2017 verschieben. Dies hat mit der Verzögerung bei der englischen Orginalausgabe zu tun. Die Veröffentlichung der englischen Ausgabe ist nun für den 1. Juni geplant.

Bilderrechte:

  • Coverbild Beren und Lúthien: Klett-Cotta
  • Portrait Alan Lee: Tobias M. Eckrich
  • Portrait Helmut W. Pesch: Tobias M. Eckrich
  • Portrait Stephan Askani: Brigitte Winter