Ein ausführlicher Bericht zur Ausstellung „Tolkien – Voyage en Terre du Milieu“ (dt: „Reise nach Mittelerde“) in der Bibliothèque Nationale de France (BnF) in Paris findet Ihr in einem eigenen Artikel.

Als ich letztes Jahr die Tolkien Ausstellung in der Bodleian in Oxford besuchte, war ich tief ergriffen von den Exponaten und der Geschichte, die sie erzählten. Teilweise hatte ich Tränen in den Augen, da mich die persönlichen Briefe, Photos und Erinnerungen so berührten. Beim Betreten des Ausstellungsraumes war ich sehr überrascht ob der kleinen Raumgröße. Die Objekte wirkten mitunter etwas gedrängt, aber eben durch diese „Enge“ und die dunkle Farbgebung und Beleuchtung hatte das Ganze auch etwas sehr intimes an sich. In der BnF hatte ich dieses Gefühl nicht. Vielmehr war ich nun etwas überfordert mit der schieren Unendlichkeit dieser Ausstellung und ihrer Exponate.

Jeder Bereich wirkt durch die eigene Farbgestaltung gänzlich anders als der vorige und ich musste mich immer wieder umstellen und neu orientieren. Ich wusste teilweise nicht, wo ich nun als erstes hinsehen sollte. Da die graphischen Wandgestaltungen nicht beschriftet sind, entgeht dem Besucher im Themenbereich „Professor Tolkien“ vielleicht ein schönes Detail: An der Wand sieht man als großes Bildelement die Innenaufnahme eines Bibliothekssaals. Wie uns ein Besucher ganz nebenbei erzählte, handelt es sich dabei um den ältesten Teil der Bodleian Library in Oxford. Es stellte sich heraus, dass er früher dort angestellt war! Die alten Bücher blieben teilweise nur deshalb in den Regalen stehen, weil sie so dicht aneinandergedrängt einsortiert worden wären.

Eine solch ergriffene Bewunderung wie in Oxford verspürte ich hier nicht, aber das mag zum einen daran gelegen haben, dass ich viele der persönlichen Ausstellungsstücke schon kannte, zum anderen vielleicht aber auch an den Ausmaßen und dem Fokus auf das Werk und weniger auf den Menschen dahinter liegen.

Die Wandteppiche aus Aubusson

Ein wahrer Augenöffner, wie Sam sagen würde, sind die Wandteppiche aus Aubusson. Ich hatte schon einige Bilder und auch Videos davon gesehen, sie waren ja in Fan-Kreisen kaum zu über-sehen, aber ihre wahre Schönheit kann man dadurch nicht einmal ansatzweise greifen. In der BnF hängen sie an farblich abgestimmten Wänden, im Spotlight der Ausstellung und in unmittelbarer Nähe zu ihren originalen Vorbildern, den Kunstwerken Tolkiens. Es ist ein Erlebnis der besonderen Art, diese Werke in echt zu sehen. Die Farben leuchten in einer Intensität, wie sie es als Aquarellbilder vermutlich zuletzt getan haben, als Tolkien die Farbe frisch aufs Papier auftrug.

Die riesigen Neuinterpretationen fördern dabei Details zu Tage, die man in den Originalen vielleicht erst wahrnimmt, nachdem man die Teppiche näher betrachtet hat. Ein Beispiel hierfür sind die winzigen Gebäude auf der Spitze des Taniquetil, die namensgebend für das Werk „The Halls of Manwë“ sind, die man aber im Aquarell fast nur mit Gwaihirs Augen erkennt. In den Wandteppich zu „Rivendell“ ist sogar ein Detail mit eingewoben, das es im Original nicht zu sehen gibt: Christopher Tolkien erzählte bei einer Ausstellung der vorigen Wandteppiche, wie er als Kind eine Träne über dem Aquarellbild verlor und dachte, es ruiniert zu haben. Sein Vater arbeitete den Wassertropfen geschickt in das Blatt eines Baumes um. Als Hommage an diese Anekdote webte die Cité Internationale de la Tapisserie an jener Stelle eine Träne statt eines Blattes in den Baum.

“Collection privée”

Bei den Exponaten aus privaten Sammlungen geht einem natürlich das Herz auf, wenn man bedenkt, was man da nun gerade vor sich hat. Ein Schriftstück, das vielleicht noch nie zuvor der Öffentlichkeit zugänglich war, und das eventuell so schnell auch kein Tolkienfan mehr sehen wird. Auch die Leihgaben der Marquette sind erstaunlich. Besonders beeindruckt hat mich der Brief des Königs, ein wunderschön gestaltetes Manuskript, das in den Anhängen zum Herrn der Ringe veröffentlicht werden sollte, aber verworfen wurde. Es handelt sich dabei um einen Brief von König Elessar an Sam, der schließlich in der History of Middle-earth: Sauron defeated veröffentlicht wurde. Der Brief ist wunderschön gestaltet und die längste bekannte Prosa in Sindarin und Tengwar.

Solche Schätze und viele weitere finden sich in dieser außergewöhnlichen Ausstellung, die meiner Meinung nach einen Besuch in Paris unbedingt wert ist, auch wenn man bereits in Oxford und/oder New York war.

Infos für den Besuch

Tolkien – Voyage en Terre du Milieu“

Adresse: Bibliothèque Nationale de France, Site François Mitterarnd, Quai François Mauriac, 75706 Paris Cedex 13.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10:00 bis 19:00 Uhr, ausgenommen an französischen Feiertagen
Laufzeit: 22. Oktober 2019 bis 16. Februar 2020
Eintritt: 11 Euro für ein Einzelticket, 15 Euro für die schön gestaltete Jahreskarte (mit dieser braucht Ihr keinen Zeitslot für die Ausstellung zu buchen)

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Credits

Titelfoto und Fotos im Artikel: Tobias M. Eckrich

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