Wenn man die Ausstellung „Tolkien – Voyage en Terre du Milieu“ (dt: „Reise nach Mittelerde“) in der Bibliothèque Nationale de France (BnF) betritt, empfängt einen die unverkennbare Stimme John Ronald Reuel Tolkiens. In einem Ausschnitt der BBC-Dokumentation „Tolkien in Oxford“ von 1968, der an die Wand projiziert wird, erzählt er über seine Liebe zur Natur. Neben der Projektion findet sich Tolkiens Lebenslauf in Kurzform. Damit beginnt die Ausstellung, die am 21. Oktober 2019 eröffnete und bis 16. Februar 2020 in Paris zu sehen sein wird. Die DTG war bei der Ausstellungseröffnung dabei um für Euch zu berichten.

Willkommen in Paris

Die Ausstellungsfläche in der Nationalbibliothek Frankreichs umfasst 1000 Quadratmeter und beinhaltet etwa 350 Exponate unterschiedlichster Art. Somit ist es die größte der drei Versionen der Tolkien Ausstellung, die zuvor bereits in Oxford und New York gezeigt worden war. Im Unterschied zu den beiden anderen Standorten, fügte die BnF den Tolkien Exponaten aus dem Bestand der Bodleian Library in Oxford, UK und der Marquette University in Milwaukee, USA noch weitere Objekte aus der eigenen Sammlung hinzu, die auf den ersten Blick nichts mit Tolkien zu tun haben. Diese Ausstellungsstücke der BnF stehen in direkter Nähe zu Tolkiens Originalen und wurden so, in diesem Zusammenhang, noch nie gezeigt.

Ein Höhepunkt der Ausstellung sind sicherlich die nach Tolkiens Motiven handgewebten Wandteppiche der Cité Internationale de la Tapisserie in Aubusson. Zudem sind Manuskriptseiten ausgestellt, die sich im Privatbesitz der Familie Tolkien befinden und u.a. von Christopher Tolkien zur Verfügung gestellt wurden. Es ist ungewiss, ob diese Schätze, die so noch nie gezeigt wurden, in naher Zukunft noch einmal ausgestellt werden. Ein Besuch der Ausstellung lohnt sich also in jedem Fall, auch wenn man bereits in Oxford und/oder New York war. Allein am Eröffnungsabend strömten rund 1000 Besucher in die französische Nationalbibliothek, kalkuliert hatte die Bibliothek mit 400.

Eine halbe Reise durch Mittelerde

Eingeteilt ist die Ausstellung in insgesamt 13 Themenbereiche, die sich in zwei Teile gliedern: I) „Reise nach Mittelerde“, mit zehn zugewiesenen Themenbereichen und II) „Rückkehr nach Oxford“, mit vier thematischen Gruppen. Die Verteilung zeigt bereits, dass hier – im Gegensatz zur Präsentation in Oxford – der Fokus klar auf das Werk und weniger auf den Autor gerichtet ist. Der erste Teil enthält die Themen: die Erfindung von Mittelerde, das Auenland, die Gebiete der Elben, die Zwergenreiche, die Wälder, Rohan, Gondor, Isengard, Mordor und Valinor. Im zweiten Teil finden sich die Themen Tolkien, ein Leben in Oxford, Professor Tolkien, Tolkien als Kinderbuchautor sowie das Werk eines Lebens.

Die einzelnen Themenbereiche sind farblich voneinander abgetrennt und beinhalten jeweils neben einem Thementext auch mindestens eine Illustration, die als große Wandinstallation verwendet wurde. Teilweise wurden auch große Ausstellungselemente integriert, die grafisch herausstechen, wie etwa ein runder Durchgang mit Blick auf die Tür von Beutelsend, ein angedeuteter Orthanc am Übergang von Isengard nach Mordor oder das über den Besuchern schwebende, bedrohlich wirkende Auge Saurons mit umrahmender Ringinschrift. Überhaupt ist diese Ausstellung ein graphisches Highlight. So sehr, dass es schon beinahe von den eigentlichen Höhepunkten ablenkt, den Exponaten. Neben den einzelnen Infotexten am Eingang jedes Themenbereichs, kommen außerdem noch drei Audiostationen und zehn Video Installationen hinzu. Zweimal ertönt zudem die Stimme des Professors wie aus dem Nichts.

Der Grund für die Reise: die Exponate (und Tolkien)

Wer die Tolkien Ausstellung in der Bodleian Library in Oxford oder in der Morgan Library in New York besucht hat, wird viele Objekte wiedererkennen. Tolkiens Zeichnungen etwa, oder seine ersten Entwürfe für die Karte Mittelerdes, wurden bereits in Oxford und New York gezeigt. In der Bibliothèque Nationale de France wurde die Präsentation um Manuskripte aus dem Bestand der Marquette University und besagte historische Objekte aus der Sammlung der BnF erweitert. Gezählt an der Menge der einzelnen Objekttexte, stammen 150 Austellungsstücke von der Bodleian Library, 65 Exponate von der Marquete University und acht von privaten Leihgebern. Dazu kommen 114 „nicht-tolkieneske“ Objekte von der BnF sowie das von Tolkien herausgegebene Buch „The Ancrene Riwle“ aus der bibliotheksinternen Sammlung.

Eine weitere besondere Ergänzung in Paris sind Tolkiens Motive als handgewebte Wandteppiche aus Aubusson. Diese wurden bislang ausschließlich im Rahmen der Teppichweberei präsentiert und sind nun erstmals zusammen mit anderen Tolkien-bezogenen Ausstellungsstücken zu sehen. Gezeigt werden die Motive „Bilbo comes to the Huts of the Raft-elves“, „Rivendell“, „The Halls of Manwë – Taniquetil“ und „Mithrim“.

Wie bereits erwähnt, fügte die BnF Exponate aus der eigenen Sammlung der Ausstellung hinzu. Diese haben auf den ersten Blick vielleicht nicht so direkt mit Tolkien zu tun, wie es etwa eines seiner Manuskripte tut, aber sie zeigen eindrücklich, welcher Art Tolkiens Inspirationsquellen waren. So sind auch kunstvoll illuminierte Bücher aus dem Hochmittelalter ausgestellt, Kupferstiche von bekannten „Fantasy“-Künstlern wie Gustave Doré aus dem 19. Jahrhundert oder auch ein geflügelter Helm, der direkt aus Gondor stammen könnte und ein Rufhorn aus einem Elefantenstoßzahn, das sehr stark an Boromirs Horn erinnert.

Diese Ausstellungsstücke sind, nicht nur in diesem Zusammenhang, bemerkenswert. Doch gerade der Bezug zu Tolkien und dem Rest der Exponate wird, zumindest in der Ausstellung, nicht deutlich. Vielleicht liegt es an der Sprachbarriere (die Thementexte sind zwar englisch übersetzt, die Objekttexte allerdings nicht), aber wir haben viele verwirrte Gesichter gesehen.

Das gewisse Etwas in der Ausstellung

Was diese Tolkien Ausstellung außerdem besonders von den anderen unterscheidet, sind die privaten Leihgaben, im Objekttext gekennzeichnet mit „collection privée“. Diese wurden von der Familie Tolkien, allen voran von Christopher Tolkien, bereitgestellt und wurden in dieser Form noch nie gezeigt. Die Exponate zeigen einen akribisch arbeitenden Professor, der seine Schöpfung ebenso ernst nimmt wie eine komplizierte Übersetzung aus dem Altenglischen. Seien es Deklinationen elbischer Verben, mehrfach korrigierte Zeitangaben im Herrn der Ringe oder verschiedene Entwürfe von Isengard oder Minas Tirith – dieser Autor war eine Ausnahme, das wird hier ganz deutlich. Dass er sich aber nicht nur mit Mittelerde beschäftigte, zeigt beispielsweise der Themenbereich zu Tolkien als Schriftsteller für Kinder. Neben den Briefen an den Weihnachtsmann, die auch in Oxford ausgestellt waren, werden hier erstmalig die originalen Seiten von Herr Glück aus dem Archiv der Marquette University einer breiten Öffentlichkeit gezeigt.

Diese Ausstellung ist die erste in der französischen Nationalbibliothek, die sich mit einem nicht-französischen Schriftsteller befasst. „Und das ist nicht Shakespeare, es ist nicht Dante oder Goethe – das ist Tolkien“, sagte Thierry Grillet, Delegierter für die kulturelle Verbreitung der BnF, bei der Eröffnung des Events für Fans am 23. Oktober. Diese Tatsache ist noch etwas, das diese Ausstellung besonders macht.

Fehlt etwas?

Von den drei Ausstellungsorten hält die BnF die meisten Exponate bereit, trotzdem fehlt einiges, das man etwa in Oxford sehen konnte. Dass in Paris weniger der Mensch, sondern vielmehr das literarische Werk im Vordergrund steht, zeigt sich auch an den Ausstellungsstücken. So sind, auch durch die Leihgaben der Marquette, mehr Manuskripte und Entwürfe zur Entstehung des Legendariums ausgestellt, wohingegen in Oxford Briefe, Photos und Tagebücher im Original zu sehen waren. Auch scheinbare Kleinigkeiten, wie zum Beispiel Kritzeleien neben Kreuzworträtseln in Zeitungen, die Tolkien als Privatperson greifbar machen, waren in der Bodleian Library ausgestellt.

Solche Exponate werden in der BnF nicht gezeigt, auch Tolkiens Einsatz an der Somme im Ersten Weltkrieg wird nur in einer Übersicht erwähnt. Im Interview mit den Kuratoren Vincent Ferré und Frédéric Manfrin erklären diese, dass das Thema in Frankreich im Allgemeinen und in der Nationalbibliothek im Besonderen in den letzten Jahren erschöpfend behandelt worden sei. Da dieser wichtige Teil fehlt, ist der Titel des zweiten großen Teils der Ausstellung, „Rückkehr nach Oxford“, etwas unklar.

„Ausgeglichen“ wird die sehr knappe Darstellung Tolkiens als Privatmensch durch das Bild des schon erwähnten akribischen Professors. Dieses wird vor allem durch die zahlreichen Manuskripte aus dem Tolkien Archiv der Marquette University deutlich. Die Besonderheit des Zusammenwirkens der Exponate aus Oxford und Milwaukee fasst Bill Fliss, Tolkien Archivar der Marquette, im Interview mit uns gut zusammen:

Die Kuratoren der BnF haben im Verbinden der Manuskripte der Marquette University mit den Objekten aus der Bodleian Library hervorragende Arbeit geleistet. Es hat mich sehr bewegt, unsere Entwürfe des Buches von Mazarbul wieder mit den fertigen Zeichnungen vereint zu sehen. Diese befanden sich wahrscheinlich nicht mehr zusammen im selben Raum, seit sie vor vielen, vielen Jahren im Arbeitszimmer von Professor Tolkien erschaffen wurden. Es hat mich mit Stolz erfüllt, eine große Wandvitrine mit Marquette-Manuskripten aus dem Herrn der Ringe am Ende der Ausstellung zu sehen. Es ist ein beeindruckender Anblick, und die Tatsache, dass die Kuratoren sie gegen Ende platzierten, ist ein Beleg für deren Wirkkraft.

Bill Fliss

Tolkien Archivar, Marquette University, Milwaukee, USA

Bei dieser Ausstellung handelt es sich um etwas ganz Besonderes. Ein Besuch lohnt sich auch, wenn man die Tolkien Ausstellungen in Oxford und/oder New York bereits gesehen hat, da die Präsentation in Paris viel Neues bereit hält. Von Deutschland aus kann man die französische Hauptstadt zudem gut mit dem Zug erreichen, was einen Besuch in jedem Fall einfacher macht als etwa in New York.

Für einen persönlichen Eindruck haben wir zusätzlich zu diesem Bericht einen Kommentar für Euch verfasst.

Infos für den Besuch

„Tolkien – Voyage en Terre du Milieu“

Adresse: Bibliothèque Nationale de France, Site François Mitterarnd, Quai François Mauriac, 75706 Paris Cedex 13.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10:00 bis 19:00 Uhr, ausgenommen an französischen Feiertagen
Laufzeit: 22. Oktober 2019 bis 16. Februar 2020
Eintritt: 11 Euro für ein Einzelticket, 15 Euro für die schön gestaltete Jahreskarte (mit dieser braucht Ihr keinen Zeitslot für die Ausstellung zu buchen)

Bilder von der Ausstellungseröffnung

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Credits

Titelfoto und Fotos im Text:  Tobias M. Eckrich

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