Vom 1. bis zum 3. Mai 2015 fand das Tolkien Seminar der Deutschen Tolkien Gesellschaft in Aachen statt. Die einzige jährlich stattfindende internationale Konferenz zum Autor und seinem Werk machte bereits zum zweiten Mal an der RWTH Aachen Station.

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Prof. Peter Wenzel begrüßt die Konferenzteilnehmer (Foto: Christoph Ortmann)

Peter Wenzel, Studiendekan am Institut für Anglistik, Amerikanistik und Romanistik, erzählte uns gleich bei der Begrüßung, er sei vom ersten Seminar in Aachen vor zwei Jahren so begeistert gewesen, dass er auf die erneute Anfrage der DTG sofort ja gesagt habe. „Die Dinge mit neuen Augen sehen zu können, das ist eine der wichtigen Funktionen von Tolkiens fairy stories“, sagte Wenzel. Die DTG trage ebenfalls zur Augenöffnung bei, mit der alljährlichen Organisation einer allgemein zugänglichen akademischen Konferenz ohne Teilnahmegebühren. Mit viel Humor entließ er uns in ein eukatastrophisches Wochenende.

Im ersten Vortrag von Timo Lothmann und Janek Scholz ging es um Tolkiens Faërie als ein konzeptioneller Rahmen für die Entstehung von Geschichten. Darin wurde Tolkiens Aufsatz historisch eingeordnet und vor allem mit Nachfolgern wie Gilles Fauconnier, Johan Huizinga und Walter Benjamin verglichen. Tolkien geht dabei als kultureller Vorreiter hervor, der trotzdem tief in der englischen Geschichtenerzähltradition verwurzelt ist. Renée Vinck, die diesjährige Rezipientin der Ehrendoktorwürde der University of the Blue Mountains, beschäftigte sich dann mit den Geschichten der Elben über das Erlangen der Sterblichkeit, im Gegensatz zu den bereits sehr gut untersuchten menschlichen Geschichten über die Unsterblichkeit. Gerard Hynes sprach über das Tolkien’sche Konzept der Zweitschöpfung im Unterschied zu Gottes Schöpfung und dessen Vordenker, die bis ins Mittelalter zurückzuverfolgen sind.

Wilhelm Kuehs lieferte einen spannenden Vortrag über Tolkiens Kessel von Geschichten (und eine Bananenschale) mit vielen aktuellen Zeitbezügen. Es ging um Weltverständnis mithilfe von Mythen, Empathie und Sprache. „Wirklichkeit kommt darauf an, wie wir die Geschichte erzählen“, sagte Kuehs und gab aktuelle Beispiele. So kann man die Geschichte der Schuldenkrise als Analogie zum Herrn der Ringe erzählen, mit der EU als rettende Gefährten. Aus der Sicht Griechenlands wird die EU aber sicher eher in der Form von Orks dargestellt. Er stellte außerdem fest, dass Mythen das Muster zur Lösung wirklicher Konflikte enthalten. Der Held scheitert oft im ersten Versuch, der meist mit der Brechstange vonstattengeht, bekommt aber eine zweite Chance und findet die Lösung, oft durch Hilfe anderer, oder indem er sich in die Gegenseite hineinversetzt. Auf einen Helden wie Frodo muss man warten, „denn Bescheidenheit führt zum Auenland“, sagte Kuehs.

Jonathan Nauman wies auf Parallelen zwischen Tolkiens Ausführungen zur moralischen Pflicht des Künstlers und G.K. Chestertons „Piece of Chalk“-Essay hin. Zum offiziellen Abschluss des ersten Seminartages gab es noch ein Konzert mit Bardensang und Zauberklang aka Friedhelm Schneidewind und Daniela Osietzki. Beim gemeinsamen Abendessen ging die Fachsimpelei zum Thema weiter, an meinem Tisch unter anderem über lokale Märchen und Sagen.