Artikel von Daniel Appel

earendil eissmann

Ausschnitt aus “Frodo’s Dream of Earendil” von Anke Eißmann

Am 24. September 1914, heute vor genau einhundert Jahren, schrieb J.R.R. Tolkien das Gedicht „The Voyage of Éarendel the Evening Star“. Im späten September 1914 weilte J.R.R. Tolkien auf der Phoenix Farm bei seiner Tante Jane Neave. Zuvor hatte er im mittelalterlichen Exeter Book eine Sammlung von Gedichten unter dem Titel Crist gelesen. Diese Gedichtsammlung gehört neben dem Beowulf zu den wichtigsten Überbleibseln angelsächsischer Literatur. In einem der von Cynewulf verfassten Gedichte war Tolkien auf einen Vers gestoßen, der ihn nicht losließ:

Eala Earendel engla beorhtast

ofer middangeard monnum sended

(Hail Earendel, brightest of angels, / above the middle-earth sent unto men; Heil Earendel, strahlendster der Engel, / über der mittleren Erde den Menschen gesandt)

Tolkien, so kann man in Humphrey Carpenters Biografie nachlesen, schrieb später: „I felt a curious thrill, as if something had stirred in me, half wakened from sleep. There was something very remote and strange and beautiful behind those words, if I could grasp it, far beyond ancient Eng­lish” (Ich spürte einen merkwürdigen Schauder, als hätte sich etwas in mir geregt und wäre halb aus dem Schlaf erwacht. Etwas sehr Fernes, Fremdes und Schönes lag hinter diesen Worten, wenn ich es nur greifen konnte, weit hinter dem Altenglischen.) Auf den ersten Blick mag man glauben, dass es der Begriff middangeard / middle-earth gewesen sein muss, der Tolkien so tief berührt hat. Überraschenderweise ist dem nicht so. Vielmehr war es das Wort Earendel, das eine solche Faszination auf ihn ausübte. Im Angelsächsischen wird éarendel mit ‚Lichtschein, Strahl‘ erklärt, doch Tolkien war der Ansicht, an dieser Stelle besäße das Wort eine besondere Bedeutung. Er glaubte, Earendel sei ursprünglich ein Name gewesen:

When first studying A[nglo]-S[axon] professionally […] I was struck by the great beauty of this word (or name), entirely coherent with the normal style of A[nglo]-S[axon], but euphonic to a peculiar degree in that pleasing but not ‘delectable’ language. Also its form strongly suggests that it is in origin a proper name and not a common noun. This is borne out by the obviously related forms in other Germanic languages; from which amid the confusions and debasements of late traditions it at least seems certain that it belonged to astronomical-myth, and was the name of a star or star-group. To my mind the A[nglo]-S[axon] uses seem plainly to indicate that it was a star presaging the dawn (at any rate in English tradition): that is what we now call Venus: the morning-star [or sometimes evening star] as it may be seen shining brilliantly in the dawn, before the actual rising of the Sun. That is at any rate how I took it. Before 1914 I wrote a ‘poem’ upon Earendel who launched his ship like a bright spark from the havens of the Sun. I adopted him into my mythology – in which he became a prime figure as a mariner, and eventually as a herald star, and a sign of hope to men. [Letters, p. 385]

(Als ich A[ngelsächsisch] zum erstenmal fachgemäß studierte […], fiel mit die große Schönheit dieses Wortes (oder Namens) auf, das ganz und gar im normalen Stil des a[ngelsächsischen] aufgeht, aber in dieser gefälligen, doch nicht „einschmeichelnden“ Sprache bis zu einem ungewöhnlichen Grade wohlklingend ist. Außerdem deutet die Form stark darauf hin, daß es ursprünglich ein Eigenname und kein gewöhnliches Substantiv ist. Dies wird bestätigt durch die offenbar verwandten Formen in anderen germanischen Sprachen, aus denen bei allen Verwechslungen und Entstellungen späterer Überlieferungen zumindest soviel sicher hervorzugehen scheint, daß es zu einem astronomischen Mythos gehörte und der Name eines Sterns oder einer Sternengruppe war. Nach meiner Auffassung scheinen die a[ngelsächsischen] Belege klar zu besagen, daß es ein Stern war, der die Morgendämmerung ankündigte (jedenfalls in der englischen Überlieferung), das heißt, der, den wir heute Venus nennen: der Morgenstern [oder manchmal auch Abendstern], wie man ihn hell leuchtend in der Frühe, kurz vor Sonnenaufgang sehen kann. So jedenfalls habe ich es verstanden. Vor 1914 schrieb ich ein „Gedicht“ über Earendel, der mit seinem Schiff wie ein blitzender Funke aus dem Hafen der Sonne auslief. Ich adoptierte ihn für meine Mythologie – in der er zum Urbild eines Seefahrers und schließlich zum Botenstern, zum Hoffnungszeichen für die Menschen wurde.“ (Briefe, S. 502))

Earendil. (c) Lukas Walzer

Earendil von Lukas Walzer

Inspiriert von dem ersten, vagen Eindruck, den der Vers aus dem Crist auf ihn gemacht hatte, versuchte Tolkien seine Ahnungen zu greifen und goss sie in Form des Gedichts „The Voyage of Éarendel the Evening Star“. Kurze Zeit später, im Herbst oder Winter 1914, zeigte er dieses Gedicht seinem Freund G. B. Smith. Dieser sagte, dass es ihm gefiele, und fragte, worum es darin eigentlich gehe. Tolkien antwortete mit dem Eingeständnis: „Ich weiß nicht, will sehen, daß ich es herausfinde.“ Wie wir wissen, verbrachte er den Rest seines Lebens damit. Aus dem Keim dieses Gedichts erwuchs schließlich sein „Silmarillion“, sein middle-earth, und tatsächlich, so möchte ich Tolkiens eigene Worte korrigieren, ‚adoptierte‘ er Earendel nicht bloß für seine Mythologie: Earendel war vielmehr der Urfunke, an dem sich seine Mythologie entzündete. Einmal mehr wird an diesem außergewöhnlichen Ereignis deutlich, was Tolkien meinte, als er sagte, dass Worte und Namen den Keim seiner Geschichten bilden würden, und dass er sich nicht als Erfinder seiner Geschichten, sondern als Entdecker verstehe. Earendil wurde schließlich zur Schlüsselfigur im Silmarillion, die ihren Schatten (oder besser: ihr Licht) auch auf den Herrn der Ringe warf.

Heute vor einhundert Jahren jedenfalls wurde dieser Funke entzündet, wurde dieser Keim gelegt – in Form des folgenden Gedichts (leider nur in einer überarbeiteten Fassung):

ÉALÁ ÉARENDEL ENGLA BEORHTAST

Éarendel arose where the shadow flows

At Ocean’s silent brim;

Through the mouth of night as a ray of light

Where the shores are sheer and dim

He launched his bark like a silver spark

From the last and lonely sand;

Then on sunlit breath of day’s fiery death

He sailed from Westerland.

He threaded his path o’er the aftermath

Of the splendour of the Sun,

And wandered far past many a star

In his gleaming galleon.

On the gathering tide of darkness ride

The argosies of the sky,

And spangle the night with their sails of light

As the streaming star goes by.

Unheeding he dips past these twinkling ships,

By his wayward spirit whirled

On an endless quest through the darkling West

O’er the margin of the world;

And he fares in haste o’er the jewelled waste

And the dusk from whence he came

With his heart afire with bright desire

And his face in silver flame.

The Ship of the Moon from the East comes soon

From the Haven of the Sun,

Whose white gates gleam in the coming beam

Of the mighty silver one.

Lo! with bellying clouds as his vessel’s shrouds

He weighs anchor down the dark,

And on shimmering oars leaves the blazing shores

In his argent-timbered bark.

Then Éarendel fled from that Shipman dread

Beyond the dark earth’s pale,

Back under the rim of the Ocean dim,

And behind the world set sail;

And he heard the mirth of the folk of earth

And the falling of their tears,

As the world dropped back in a cloudy wrack

On its journey down the years.

Then he glimmering passed to the starless vast

As an isléd lamp at sea,

And beyond the ken of mortal men

Set his lonely errantry,

Tracking the Sun in his galleon

Through the pathless firmament,

Till his light grew old in abysses cold

And his eager flame was spent.

Von der ersten Strophe kennen wir auch die Urfassung:

Éarendel sprang up from the Ocean’s cup

In the gloom of the midworld’s rim;

From the door of Night as a ray of light

Leapt over the twilight brim,

And launching his bark like a silver spark

From the golden-fading sand

Down the sunlit breath of Day’s fiery Death

He sped from Westerland.

Quellen & weitere Artikel zum Thema:

  • Humphrey Carpenter/Christopher Tolkien: The Letters of J.R.R. Tolkien
  • Humphrey Carpenter: J.R.R. Tolkien: A Biography
  • Wayne Hammond/Christian Scull: J.R.R. Tolkien Companion and Guide
  • John Garth: “Middle-earth turns 100”, Blog
  • John Garth: “Birth of a new world” im Guardian