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„Der Hobbit: Eine unerwartete Reise“ – Kino der Brüche

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Wie soll ich nur anfangen, mit meiner Rezension? Gleich nach dem Film bin ich ab zur Weihnachtsfeier meines eigentlichen Arbeitgebers und die Kollegen haben mich natürlich gleich nach meinen Eindrücken befragt. Es fing mit einem Schulterzucken an. Ja, schon, aber, irgendwie … Nach einem drei-Gänge Menü, einigen Gläsern besten Rotweins (sicher aus Dorwinion) und wunderbaren Gesprächen zu völlig anderen Themen bin ich immer noch nicht schlauer, wie ich den „Hobbit“ nun beschreiben soll.

Ich fang mal ganz weit vorne an, im Herbst 2011. Damals fand mein persönliches umfangreicheres letztes Update vor der Premiere statt, nämlich bei der Ring*Con, als ich die ersten beiden Produktionsvideos und einen Vortrag von DTG-Mitglied Stefan Servos zum Thema sah. Und den allerersten Trailer habe ich mir angeschaut. Seitdem nur noch Bilder im Kleinformat samt Überschriften, die sich durch den Konsum von Inhalt auf sozialen Netzwerken nicht vermeiden lassen. Von den ersten Rezensionen kannte ich auch nur die Überschriften. Der Spiegel titelte „Ganz großes Kino“ – was ich so nach dem heutigen Eindrücken nicht ganz unterschreiben kann. Auf jeden Fall ging ich heute als relativ unbedarfter Zuschauer auf Reisen in Peter Jacksons neuster Vision von Mittelerde, dank der freundlichen Einladung von Warner Brothers.

Im Spannungsverhältnis der Adressaten

Eine der größten Herausforderungen des Films ist sicher die Umsetzung einer Vorlage, die klar und deutlich als Kinderbuch angelegt ist, vor allem nachdem die Stimmung im Vorgängerwerk „Der Herr der Ringe“ meist sehr ernst und düster ist. Als Vorbereitung auf die Premiere, habe ich angefangen den Hobbit noch einmal zu lesen. Ich bin noch nicht ganz durch (die Zwerge sind gerade von Thranduil aufgegriffen worden), aber das reicht ja auch erst mal, denn der Film kommt nur bis zur ersten Rettung durch die Adler. Ich kann mich daran erinnern, dass meine erste Lektüre des Hobbits ein wenig enttäuschend war. Sie kam gleich nach dem Herrn der Ringe, zu Teenager-Zeiten, als ich einfach nur mehr von der sagenhaften Welt Mittelerdes erfahren wollte. Damals erschien mir das Buch irgendwie zu kindlich. Heute schaue ich mit anderen Augen auf den Text. Im Hobbit steckt viel mehr als auf den ersten flüchtigen Blick ersichtlich, vor allem eben viele Verweise auf die größere Mythologie Mittelerdes. Trotz des lustig daherkommenden Schreibstils, in dem der Erzähler den Leser oft direkt anspricht, mit an die Hand nimmt, sozusagen, geht es um fundamental wichtige und ernste Themen wie Mitleid, Vorherbestimmung, Gier und Freundschaft, um nur einige zu nennen. Tolkien schafft den Spagat zwischen Kinderbuch und Themen, die auch erwachsene Leser ansprechen. Wie sieht das nun bei Peter Jackson aus?

Sprunghaft, fällt mir dazu ein. Die Schenkelklopfer und lauten Lacher sind definitiv vorhanden, auch wenn einige Situationen und Charaktere für meinen Geschmack ein bisschen zu albern daherkommen. Radagast mit seinen Rhosgobel-Rennkaninchen ist so ein sehr gewöhnungsbedürftiges Beispiel. Aber der Film ist eben nicht FSK 6, sondern 12, und so können wir uns in der nächsten Szene gleich auf altgewohntes Gemetzel einstellen. Der ein oder andere nachdenkliche Moment des Innehaltens wird ebenfalls geboten. Und wer glaubt, singende Orks (übrigens sehr gelungen!) wären keine Option – wird enttäuscht. Für mich fügt sich das nicht wirklich zu einem harmonischen Ganzen zusammen. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb –ist der Film sehr unterhaltsam und weist keine Längen auf.

Der „Hobbit“-Look: Sind Zwerge die eitleren Elben?

2011 stand Stefan Servos mit einer Axt im Kopf auf der Bühne in Bonn und erklärte dem Saal Details zu den Charakteren der Zwerge. Die ersten Bilder waren erschienen und zeigten Thorin & Co. in ihrer ganzen Herrlichkeit, samt aufwendig geflochtener Bärte und Haare. Naja, hoffte ich, vielleicht haben die sich nur zum Foto-Shooting so aufgemotzt. Einem Elben traut man das natürlich zu, morgens extra früher aufzustehen und sich noch schnell die Haare zu flechten. Aber einem Zwerg? Bei Jackson tragen die Zwerge auch während der Reise ihre aufwendigen Frisuren – leider wird nie gezeigt, wer wem da morgens die Haare arrangiert …

Vom Look des Films war ich insgesamt eher enttäuscht. Die große Einstiegsszene, in der Bilbo in einer Rückblende von der Eroberung des Einsamen Bergs erzählt, ist so offensichtlich CGI, dass man sich wie in einem, zugegebenermaßen aufwendig designten, PC-Spiel oder aber in einem Pixar Animationsfilm fühlt. Insgesamt sind die Farben sehr grell und so sieht selbst das eher naturbelassene Auenland alles andere als naturalistisch aus. Auch die Massenszenen sind nicht wirklich gelungen. Vielleicht liegt es an der 3D-Technik, aber für mich wirkten die mittlerweile 10 Jahre alten Spezialeffekte im „Herrn der Ringe“ realistischer.

Jackson zeigt auch in diesem Film, dass es durchaus anders geht. Der animierte Gollum hat eindeutig eine Oscar-Nominierung verdient, ob nun als Nebendarsteller oder in der Kategorie Spezialeffekte. Der Rätselwettstreit mit Bilbo gehört auf jeden Fall zu den Highlights des Films, da der Hobbit nicht nur gegen Gollum antritt, sondern natürlich auch gegen dessen Alter Ego Sméagol. Das Gespräch der „drei“ ist herrlich, vor allem wenn Sméagol am liebsten selbst auf die von Gollum gestellte Frage antworten möchte. Ein weiteres solches Gesprächshighlight ist übrigens Bilbos „Guten Morgen!“ an Gandalf zu Beginn der Geschichte. Die spitzfindige Szene Tolkiens wird von Martin Freeman und Ian McKellen fantastisch umgesetzt.

Von neuen Leitmotiven und Schwerpunkten

Heimat, oder eher gesagt, der Verlust der Heimat, ist ein zentrales Motiv in Peter Jacksons „Hobbit“. Indem er Thorin in der anfänglichen Rückblende nach Erebor zur Zeit des Drachenangriffs versetzt, er somit beim Verlust seines Heims direkt dabei ist, und seinen seitherigen Weg als umherwandernder Schmied und Handwerker nachzeichnet, setzt er bewusst einen Schwerpunkt auf das Thema Heimat/-losigkeit. Der bis dahin gut behütete Bilbo bricht zunächst aus seinem gemütlichen Smial auf, um den Zwergen zu helfen einen Schatz zu erobern. Später will er seinen neuen Freunden vor allem die Rückkehr in die alte Heimat ermöglichen. Der kleine Hobbit mit dem großen Herzen, übrigens – wie nicht anders zu erwarten – brillant gespielt von Martin Freeman, darf auch schon etwas früher als im Buch sein Köpfchen und seinen Mut beweisen, was der Geschichte sehr gut tut.

Die Zwerge äußern außerdem noch vor Beginn der Reise Bedenken, dass sich andere Mächte auf den Weg zum Schicksalsberg machen und ihnen in ihrer Queste zuvorkommen könnten. Dabei wird schnell klar, dass sie dabei nicht nur an marodierende Orks oder die neue dunkle Macht in Dol Guldur denken, sondern zum Beispiel auch an Elben, zu denen Thorin nicht das geringste Vertrauen hat. In der Rückblende am Anfang sieht man, dass Thranduil – auf einem unsagbar schlechten CGI Hirsch reitend – und sein Elbenheer den Zwergen bei der Zerstörung Erebors nicht zu Hilfe gekommen sind. Die Angst vor Konkurrenz um den Schatz, die ersten Anzeichen der Drachenkrankheit, setzt also von Beginn an ein.

Die Psychologie der Orks

Sehr gelungen finde ich das tiefere Eindringen in die Psychologie der Orks. Sie sind nicht mehr nur bloße Statisten des Bösen, die kaum ein vernünftiges Gespräch führen können, sondern avancieren hier zu echten Anführern mit Köpfchen und eigener Motivation. Azog befindet sich auf einem persönlichen Rachefeldzug gegen seinen Erzfeind Thorin – womit der Angriff der Warge und Orks jenseits des Nebelgebirges auch plausibler erklärt wird, als mit dem eher zufälligen Treffen im Buch. Und der König unter dem Berg ist so geistreich, dass er einem fast leid tut, als er von Gandalf niedergestreckt wird.

Magische Momente über das Buch hinaus

Der Hobbit in drei Filmen? Da gab es schon vorab größere Irritationen. Die Geschichte gibt sicher viel her, aber bietet lange nicht so viel Stoff wie Der Herr der Ringe. Aber es wurde ja nicht nur Der Hobbit verfilmt. Wer tiefer in die Welt Mittelerdes eintaucht, sich z.B. die Anhänge des Herrn der Ringe oder gar die History of Middle-earth antut, der findet schnell heraus, dass Tolkien der Meister nicht-erzählter Geschichten ist. Er kannte die Hintergrundgeschichten seiner fiktiven Welt sehr genau, ist aber nie dazu gekommen, sie in aller Ausführlichkeit aufzuschreiben. Im Eintrag zum Jahr 2941 in den Annalen steht – neben der Queste der Hobbits: „The White Council meets; Saruman agrees to an attack on Dol Guldur, since he now wishes to prevent Sauron from searching the River. Sauron having made his plans abandons Dol Guldur.“ (S. 458) [Gerade keine deutsche Übersetzung zur Hand, deshalb in meinen eigenen Worten: „Der Weiße Rat trifft sich; Saruman stimmt einer Attacke auf Dol Guldur zu, da er Sauron jetzt an einer Suche am Fluss hindern möchte. Sauron, der seine Pläne geschmiedet hat, verlässt Dol Guldur.“] Ich kann mich genau daran erinnern, als ich den Eintrag zum ersten Mal gelesen habe. „Mann, wäre das eine geile Geschichte gewesen“, dachte ich – und nun bekommt man sie endlich erzählt!

Während des Aufenthalts der Zwerge und Bilbos in Imladris trifft sich der Weiße Rat. Saruman versucht die Bedrohung im Süden Düsterwalds noch herunterzuspielen, während Galadriel fleißig Gandalfs Gedanken liest. Man bekommt hier irgendwie den Eindruck, dass Galadriel dem Zauberer weitaus überlegen ist, was im Sinne der Vorlagen sicher nicht ganz korrekt ist, aber die Position Tolkiens starker Frauenfiguren schön untermauert. Apropos schön: Kate Blanchett in diesem scheinbar schlichten weißen Kleid dahinschreitend ist einfach unwiderstehlich!

Außerdem bekommen wir einen ersten Blick auf Dol Guldur und einen Cumberbatch-förmigen Schattenriss – leider ohne die entsprechende stimmliche Begleitung. Die Verfilmung kommt also, wie erhofft und angekündigt, von den Pfaden des Buches ab und erzählt Geschichten, auf die Tolkien Fans schon immer gewartet haben.

Fazit?

Tja, man muss mit den Brüchen leben können. Wenn man sich auf die schnellen Schnitte zwischen kindgerechter Unterhaltung und leichtem Horrorfilm einlässt und das Augenmerk eher auf die schauspielerischen Leistungen statt den Look des Films legt, wird man sich mit diesem Film sehr gut anfreunden können. Leider kein Aha-Erlebnis mit Gänsehaut-Garantie wie damals „Die Gefährten“, aber trotzdem unterhaltsames Kino mit kleinen bis mittelgroßen magischen Momenten.

Quelle:

Tolkien, J.R.R (1999): The Return of the King: Being the Third Part of The Lord of the Rings. London: HarperCollins.

Marie- Noëlle Biemer studierte Anglistik, Russistik und BWL an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und Business Studies an der University of Bradford, UK. Sie arbeitet als Redakteurin bei einer englischsprachigen Fachzeitschrift in Frankfurt. Zu ihrem Lieblingsthema William Morris und dessen Einfluss auf J.R.R. Tolkien hat sie bereits zwei Artikel veröffentlicht. Als Pressesprecherin der Deutschen Tolkien Gesellschaft kümmert sie sich um Presseanfragen, –mitteilungen und die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins. Sie ist außerdem Redakteurin der DTG Website.

Bild: © Warner Bros

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