Project Northmoor

Project Northmoor

Eine Videoveröffentlichung auf Twitter sorgte gestern für Erstaunen. Mit dem Start des Project Northmoor soll in naher Zukunft der Grundstein für eine neue Epoche in der Tolkien-Forschung gelegt werden. Allerdings kamen bei Nachfragen Ungereimtheiten ans Licht. Aber der Reihe nach.

Ein Video mit prominenter Aufstellung

In dem Video erzählen viele bekannte Gesichter wie etwa Ian McKellen, Martin Freeman oder John Rhys-Davies zunächst von den Geschichten J.R.R. Tolkiens. Insbesondere der nachhaltige Einfluss seiner Werke mit den dort enthaltenen, schier endlosen Welten kommen zur Sprache. Die eigentliche Neuigkeit wird dann in der Mitte des Videos enthüllt: Die Stätte des Lebens und Schaffens des beliebten Autors in der 20 Northmoor Road in Oxford stehe nach langer Zeit wieder zum Verkauf. Und nun soll das Fandom spenden, um das Haus zu kaufen und dort einen Ort zu schaffen, an dem seinen gesammelten Werken und seinem Leben gebührend gedacht wird. Nach Aussagen der Betreiber gäbe es bislang noch keinen zentralen Standort, welcher der Tolkien-Forschung gewidmet sei. So dürfe es nicht bleiben. Hätte das Projekt Erfolg, könnten die Besucher das Haus daher nicht nur von außen bewundern, sondern sie seien auch ins Innere eingeladen, um an (nicht weiter beschriebenen) Schreibseminaren, Tagungen und Kulturveranstaltungen teilzunehmen. 
Dazu müssten jedoch einige Dinge angegangen werden. Zuerst einmal müsse man das Grundstück inkl. Haus kaufen – 4 Millionen Pfund müssten hierfür zusammenkommen. Zusätzlich brauche das Projekt zusätzlich 500.000 Pfund für Renovierung und Umbau des Hauses und Gartens. Erdgeschoss und Garten sollen in einen Zustand versetzt werden, in dem Tolkien sie wiedererkennen würde; im Obergeschoss dagegen wolle man die Schlafzimmer “nach Aspekten der Kulturen von Mittelerde” umgestalten.

Unlike other writers of his stature, there is no centre devoted to J.R.R. Tolkien anywhere in the world. Yet. @ProjNorthmoor https://t.co/pzMg8Yk2t2 pic.twitter.com/jx2r5MVbcw

— Ian McKellen (@IanMcKellen) December 2, 2020

Die Hintergründe

Im Jahre 1930 zogen John Ronald Reuel und Edith Tolkien zusammen mit ihrer jungen Familie in ihr neues Haus nach Oxford. Sie wohnten dort ganze 17 Jahre, in denen Tolkien unter anderem eines seiner bekanntesten Werke, Der Hobbit, schrieb. Somit eignet sich dieser für ihn so bedeutende Ort hervorragend, um dort des Autors zu gedenken. Die derzeitigen Eigentümer hatten das Anwesen 2004 für 1,6 Millionen Pfund gekauft. Im selben Jahr wurde das Gebäude in die Denkmalschutzklasse 2 eingestuft, weil Tolkien dort lebte. Aussagen auf der Homepage des Project Northmoor wie “Save Tolkien’s Home” erwecken den Eindruck, das Haus sei unmittelbar bedroht, was angesichts des Denkmalschutzes aber nicht der Fall ist.

Die Widersprüche

Es gibt allerdings einige Ungereimtheiten bezüglich des Projekts. So wird der inhaltliche Tolkien-Bezug der Seminare und Veranstaltungen bei genauerem Hinsehen nicht weiter erklärt. “Unsere Vision ist es, Tolkiens Haus nicht in ein langweiliges Museum, sondern in ein heimeliges Haus fortwährender Kreativität umzuwandeln, in dem neue Generationen von Autoren, Künstlern und Filmemachern inspiriert werden”, künden die Organisatoren auf ihrer Homepage vage an. Schaut man genauer hin, stellt nur der Leser selbst die Verbindung zwischen dem “der Tolkien-Forschung gewidmeten Zentrum” und der geplanten Nutzung des Hauses als Tagungsstätte her. Man darf sich also fragen, ob es bei den angekündigten “kreativen Seminaren” überhaupt um Tolkien geht oder ob Name und Ort lediglich als Werbe-Zugpferd dienen sollen. In den FAQ räumen die Projektleiter mittlerweile ein, dass Seminare zu Tolkiens Leben und Werk lediglich einen Teil des Programms ausmachen werden; Tolkien sei der Funke, der die Fantasie entfachen solle.

Weder Tolkien Estate noch die Tolkien Society sind an dem Projekt beteiligt. Gegen eine Nutzung im Sinne der Tolkien-Forschung spricht auch das Vorhaben, die Schlafzimmer in Anlehnung an die Kulturen Mittelerdes auszustatten. Das klingt eher nach Themenhotel als nach Forschungsstätte – ebenso wie die Hobbithöhle im Garten, das Flett in Tolkiens geliebter Birke und die Raucherecke in Gestalt von Smaugs Höhle, die errichtet werden sollen, falls mehr als 4,8 Millionen Pfund an Spenden zusammenkommen. Der Zutritt soll nur nach Voranmeldung im Rahmen der Tagungen, Seminare und Kulturveranstaltungen möglich sein. Die Organisation erklärt das damit, dass alle Gebäude in der Northmoor Road Wohngebäude sind. Eine Nutzung als öffentliches Museum sei schlichtweg nicht erlaubt. Von einer offenen Bildungsstätte kann jedenfalls keine Rede sein. Da helfen auch die versprochenen Stipendien nicht, die es (ab 4,6 Millionen Pfund Spendeneingang) Menschen mit geringem Einkommen ermöglichen sollen, an den Seminaren oder Veranstaltungen teilzunehmen.

Viele Versprechen, wenig Transparenz

Der Spendenaufruf macht auch im Hinblick auf die Plattform stutzig, auf der der Aufruf gestartet ist. So wurde dieser nicht auf bekannteren Spendenaufrufwebsiten wie GoFundMe oder Kickstarter veröffentlicht, sondern auf einer eigenen Website. Außerdem ist nicht direkt nachvollziehbar, wie und ob die Spendengeber bei Nichtzustandekommen des Spendenaufrufs wieder an ihr gespendetes Geld gelangen. Lediglich ein Blick in die FAQs hilft weiter: “Wir werden trotzdem in der Lage sein, eure Spenden zu nutzen, um die Ziele unserer Stiftung zu verwirklichen,” versprechen die Organisatoren. Das heißt: Geld zurück gibt’s nicht. Neben den erklärten Zielen, “Wissen über und Wertschätzung von den Werken Tolkiens und seiner Freunde, der Inklings, zu fördern”, wird auch ganz allgemein von Kunst, Kunsthandwerk und Literatur durch kreatives Schreiben, Film und andere Medien gesprochen. Quasi als Trostpflaster soll beispielsweise in Oxford oder auch anderswo ein Zentrum für Seminare und Veranstaltungen geschaffen werden. Künftige Künstler und  Autoren im Bereich Fantasy und anderen Genres sollen sich dort inspirieren lassen. Ob die Fans, die vermutlich konkret von Tolkien-Seminaren in Tolkiens altem Haus träumen, wohl ebenso bereitwillig für ein eher allgemeines Kulturzentrum an einem beliebigen Ort spenden würden?

Wer aus den USA spendet, gibt indes gar nicht direkt an Project Northmoor. Stattdessen geht die Spende zunächst an die christliche Organisation The Signatry, die wiederum einen Fonds unterhält, der mit Project Northmoor zusammenarbeitet, um “die Wertschätzung für J.R.R. Tolkiens Leben und Glauben zu steigern”. Auch dafür nennen die Organisatoren vermeintlich nachvollziehbare Gründe: nur bei einer Spende innerhalb der USA sei die Spende für Amerikaner steuerlich absetzbar. Deshalb wäre The Signatry als Zwischenhändler notwendig. Es darf allerdings stutzig machen, dass die Leitung von The Signatry entscheiden darf, was mit den Geldern im Fonds tatsächlich passiert – basierend auf US-Recht und den Zielen von The Signatry, die sich sogar vorbehält, das Geld möglicherweise zunächst einer anderen Organisation zukommen zu lassen: 

Der Vorstand der Signatry trifft die endgültigen Entscheidungen über die Zuschüsse aus dem Fonds. [...] Da das Project Northmoor derzeit nicht berechtigt ist, in den Vereinigten Staaten steuerlich absetzbare Spenden für wohltätige Zwecke zu vergeben, werden zusätzliche Schritte erforderlich sein, bevor ein Zuschuss aus dem Fonds gewährt wird, um das Project Northmoor zu unterstützen. The Signatry kann sich nach eigenem Ermessen dafür entscheiden, dies durch eine Zuwendung an eine andere Organisation zu erreichen, die die notwendige Sorgfalt walten lässt, um ausländische Wohltätigkeitsorganisationen wie Project Northmoor Limited zu unterstützen.

Diese komplizierten Umstände werden in den FAQ damit gerechtfertigt, es sei in Corona-Zeiten sehr schwierig gewesen, zeitnah ein Konto und die notwendige Spendeninfrastruktur für eine neue Stiftung aufzutun. Die besagte Organisation sowie die ebenfalls christliche Plattform The Stewardship, über die die Spenden aus dem Vereinigten Königreich laufen, seien schlichtweg als erste zur Mitarbeit bereit gewesen. Diese Schwierigkeiten wären indes bei der Nutzung einer der gängigen Crowdfunding-Plattformen gar nicht erst aufgetreten. Dort bekommt zwar niemand eine Spendenbescheinigung, aber dieses Problem haben Spender, die weder in den USA noch im Vereinigten Königreich leben, ohnehin.

Gründung der Wohltätigkeitsorganisation inkl. Firma

Nach englischem Recht muss sich eine Wohltätigkeitsorganisation für eine von vier rechtlichen Formen entscheiden. Das Komitee hat sich für die Gründung einer haftungsbeschränkten Limited entschieden. Die Teilhaber der Firma PROJECT NORTHMOOR LIMITED (Company number 13002586) sind Dr. Diana Margaret Ashley Briggs, Dr Nigel Ian Campbell Pearson und Simon James Sheldon.
 
Die Gesellschafter der Limited sind zugleich die Stiftungskuratoren der gemeinnützigen Organisation (Charity number: 1192314). Beides wurde am 6. November 2020 eingetragen. Dabei haften alle drei Gesellschafter der Limited mit einem Pfund. Das sind ihre Einlagen in die Firma, welche zugleich das Stammkapital des Unternehmens und der Wohltätigkeitsorganisation ist.

Die Dankeschöns für die Spenden

Für mehr Motivation, sich dem Fellowship of Funders anzuschließen, sorgen einige Zugaben, die je nach Höhe der Spende variieren:

  • Hobbit Gifts (>20 Pfund): Der Name wird im Red Book of Funders erwähnt, welches zukünftig in Tolkiens ehemaligen Studierzimmer zu finden wäre.
  • Dwarf Gifts (>200 Pfund): Neben der Erwähnung im Buch wird der Name auch auf einem Wanddisplay erscheinen.
  • Human Gifts (>2.000 Pfund): Spender werden zusätzlich zu einer speziellen Veranstaltung für die Unterstützer des Projekts, inkl. einem Hobbit-großen Frühstück, nach Oxford eingeladen.
  • Elf Gifts (>20.000 Pfund): Darüberhinaus erhalten Spender Stammgast-Status und dürfen sämtliche Veranstaltungen in der 20 Northmoor Road kostenlos besuchen.
  • Wizard Gifts (>200.000 Pfund): Ein Raum oder eine Stelle im Garten werden den Spendern oder ihren Liebsten gewidmet.
  • Valar Gifts: Bei einer noch höheren Spende können Spender mit den Projektleitern ein größeres Geschenk aushandeln.

Wie die Belohnungen umgesetzt werden, falls der Kauf des Hauses nicht gelingt, findet keine Erwähnung.

Hinweis in eigener Sache

Die DTG ist nicht in dieses Projekt eingebunden, oder hat irgendwelche Beziehung zu dem Projekt oder den beteiligten Firmen. Auch möchte die DTG nicht vor Spenden an das Projekt warnen oder dergleichen. Wir möchten Euch über das Projekt und seine Hintergründe informieren und sind der Ansicht, dass jeder selbst entscheiden sollte, wofür er spendet und wofür nicht. 

Credits:

Fotos: Annika Röttinger
Text: Willie Holtz, Christiane Steinwäscher, Sophie Bauer, Tobias M. Eckrich, Annika Röttinger

 

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