The Green Knight – eine kurze Kritik des Films von David Lowery

The Green Knight – eine kurze Kritik des Films von David Lowery

Erst einmal vorweggestellt: Eine Kritik dieses Films lässt sich ohne inhaltliche Spoiler nicht verfassen.

Der Film „The Green Knight“, der am 29. Juli 2021 in die Kinos kommt, basiert auf dem aus dem 14. Jahrhundert stammenden Gedicht „Sir Gawain and the Green Knight“. Der Autor der einzigen erhaltenen Niederschrift ist leider nicht bekannt, er stand aber auf derselben Stufe wie Geoffrey Chaucer, was seine Bekanntheit zu Lebzeiten angeht. Die berühmteste Übersetzung aus dem Mittelenglischen wurde von J.R.R. Tolkien angefertigt. Diese wurde von seinem Sohn Christopher Tolkien als erstes Buch nach dem Tod seines Vaters 1975 veröffentlicht.

THE GREEN KNIGHT - TELEPOOL GmbH
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Inhaltlich lässt sich der Film kurz als klassische Heldenreise beschreiben. Gawain muss auf seiner Queste einige Prüfungen bestehen, um einen Eid zu erfüllen, den er geleistet hat. Bei jeder seiner Aufgaben wird er, ohne dies zu wissen, auf eine der fünf ritterlichen Tugenden Edelmut, Höflichkeit, Reinheit, Tapferkeit und Brüderlichkeit getestet. Wo kommt jetzt eigentlich der titelgebende Green Knight ins Spiel? Dieses Wesen, das nicht nur aufgrund seiner grünen Färbung eine Mischung aus Mensch und Natur darstellt, stört das Weihnachtsfest am Hofe König Artus‘ und spricht eine Herausforderung aus: „Welcher der Anwesenden hat den Mut, einen Schlag gegen mich zu führen? Sollte dieser Schlag erfolgreich sein, muss sich dieser Mann in einem Jahr in der Grünen Kapelle einfinden, um diesen Schlag genauso entgegenzunehmen.“ Der unerfahrene Gawain, der noch von keiner begangenen Heldentat berichten kann, stellt sich der Herausforderung und köpft den gigantischen Gegner. Ist dieser Heldenmut es wert, nur noch ein Jahr zu leben?

Als Gawain an Allerheiligen zu seiner Suche nach der Grünen Kapelle aufbricht, erwartet keiner der Ritter, ihn noch einmal lebend zu sehen. Gawain schafft es, die Kapelle rechtzeitig zu erreichen, wo ihm durch ein Gespräch mit dem Green Knight bewusst wird, dass er damit zwar seine Ehre unter Beweis gestellt hat, dies allerdings nur, indem er die ritterlichen Tugenden nicht verkörpert hat. Der Film endet hier, im Gegensatz zur literarischen Vorlage, mit einem offenen Schluss. Wird Gawain als Sir in die Geschichte eingehen und wenn ja, ist dies gerechtfertigt?

THE GREEN KNIGHT - TELEPOOL GmbH
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Obwohl sich der Film in einigen Punkten deutlich vom Gedicht unterscheidet, wird das grundsätzliche Dilemma zwischen Ehre und vollkommener Ritterlichkeit sehr gut herausgearbeitet, ohne die Zuschauer*innen belehren zu wollen. Das offene Ende regt zum Philosophieren an und lässt den Film noch sehr lange nachwirken.

Die Darsteller, angefangen mit Dev Patel („Slumdog Millionär“) als Gawain über Ralph Ineson („Guardians of the Galaxy“) als Green Knight und Alicia Vikander („The Danish Girl“) als Gawains Geliebte Essel, spielen bis in die gut besetzten Nebenrollen sehr eindringlich, ohne jede Form von Overacting. Besonders Dev Patel liefert eine herausragende Leistung ab, die ihn nach seiner Rolle in „Slumdog Millionär“ auf eine neue Stufe hebt. Völlig zu Recht wird er dafür bereits mit einer Oscar-Nominierung in Verbindung gebracht.

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(L to R) Director David Lowery, actor Ralph Ineson and actor Dev Patel on the set of THE GREEN KNIGHT, an A24 Films release. Credit : Eric Zachanowich / A24 Films

Visuell ist der Film berauschend: In sehr dunklen, erdigen Farbtönen gehalten, komponiert David Lowery in Zusammenarbeit mit Andrew Droz Palermo Bilder, die das mittelalterliche England nicht beschönigen und die man sich jederzeit als Gemälde an die Wand hängen kann. Untermalt werden diese von einer eindringlichen, die Wirkung der Bilder noch verstärkenden Musik, komponiert von Daniel Hart.

Zusammenfassend ist diese Interpretation für mich eine echte Bereicherung des bisherigen filmischen Werks, das sich mit den Sagen rund um König Artus beschäftigt. Wer einen Ritterfilm mit Schwertkämpfen erwartet, wird sicher enttäuscht. Wer sehen will, wie ein Mensch an seinen Aufgaben wachsen und dennoch scheitern kann, der wird mit einem nachdenklichen Ausdruck auf dem Gesicht – aber hochzufrieden – das Kino verlassen und sich darauf freuen, den Film ein zweites Mal anzuschauen.

J.R.R. Tolkien hat das Gedicht einmal beschrieben als „a window of many-coloured glass, looking back into the Middle Ages“. Diese Aussage trifft für mich auch auf dieses filmische Meisterwerk zu.

The Green Knight

Regie: David Lowery
Besetzung:
DEV PATEL (Gawain)
ALICIA VIKANDER (Lady / Essel)
JOEL EDGERTON (Lord)
SARITA CHOUDHURY (Mutter)
SEAN HARRIS (König)
KATE DICKIE (Königin)
ERIN KELLYMAN (Winifred)
RALPH INESON (Green Knight / Grüner Ritter)
MEGAN TIERNAN (Prinzessin / Gawains Königin)

Kinostart: 29.07.2021

Credits:

Alle Fotos: TELEPOOL GmbH
Autor: Ulf Schönherz

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