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Literatur. Fantasy. Fandom.

Odin hat mich gerettet!

Das Thing ist etwas ganz Besonderes, und das seit dem ersten Mal, als siebzehn unverzagte Tolkienisten Köln unsicher machten. Auf dem Thing XIII auf der Burg Breuberg sind es über hundert Besucher, und heute haben die Feierlichkeiten begonnen.
Für mich war bereits gestern Arbeitsantritt, denn als ehemaliger Vorsitzender und jetziger Geschäftsführer wird man doch noch zur Arbeit geprügelt, ohne sich dagegen wehren zu können. Wichtig für mich: Ich habe an und für sich auf dem Thing keine Verpflichtungen. Keine Termine. Nur gutes Bier.
Doch der Weg dahin war nicht nur mit Steinen, sondern auch mit Tretminen, Stolperfallen und nahezu unüberwindlichen Hindernissen übersät. Als ich Dienstagabend meine letzten persönlichen Vorbereitungen traf, hatte ich bereits neun Pakete mit stattlichen siebzig Kilogramm Lebendgewicht auf die Burg geschickt. Büromaterialien, Technik, Zubehör – alles, was eine Veranstaltung so braucht.
Mein eigener Koffer sollte eigentlich kein Problem gewesen sein, aber wenn das Wörtchen »wenn« nicht wäre …
Am letzten Wochenende hatte sich das Canon-Multifunktionsgerät entschieden, den Druckkopf abzugeben (eine durchaus typische Erkrankung bei Tintenstrahlern.) Nur: Mein Bahnticket steckte noch in den digitalen Welten – ich konnte es nicht ausdrucken. Bei vielen der neumodischen, gerne in grellbunten Werbeanzeigen bepriesenen Technikwunderwerken heißt das aber, daß das Gerät gar nichts mehr macht: weder drucken, kopieren, faxen noch scannen. Nüschte.
Na jut, stehen wa halt ma wat früher oof, wa? Gehen wir zum Copyshop umme Ecke, der dir das ausdrucken tut. Gesagt, getan. Der alte Schrott-PC kann aber den modernen USB-Stick auslesen. Erste Panikschübe durchströmten meinen Körper, denn die Zeit war eng bemessen. Hätte ich doch auf meine Großmutter gehört und alles schon »ne Woche vorher jerejelt…«

Ich hetzte vom S-Bahnhof Schweineöde (auch Schöneweide) genannt zum Ostkreuz, dann in die nächste S-Bahn Richtung Hbf. Eine verzweifelte SMS an meine zukünftige Frau mit der Bitte »SUCH MIR DAS TICKET IM NETZ RAUUUUUUSSSS AAAAAAAAAAAAH« wurde nicht gehört, bevor meine Schönheit auf dem Weg in die Uni war. Argh. Die Chance war auch vertan – denn ich dachte ja, im Hauptbahnhof der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland gibt es ein Internetcafé mit Drucker – oder ein BusinessCenter ;) Weit gefehlt.

An der Information angekommen (offizieller Countdown: T -00:07:36) erzählte mir die freundliche Dame, daß es zwar zwei Internetcafés gäbe – aber keine Druckmöglichkeit. Sie wäre aber gerne bereit, mir mein Ticket auszudrucken, wenn ich die Auftragsnummer bekommen könnte.

Lieber Leser, versuche Dir Folgendes vorzustellen: Ein 1,84m großer, gut 80kg schwerer junger Mann mit einem übergroßen, ca. 20 kg schweren Rollkoffer raste durch den Hauptbahnhof der Hauptstadt und schrie »HEISS UND FETTIG!«, bis er im Food Corner das Café entdeckte. (Normalerweise lache ich immer über die Leute, die so spät dran sind, aber wer den Schaden hat…)

Dort angekommen, regte sich kurz mein Geiz ob der 2€ für 30 Minuten, aber mein Leben hing davon ab, pünktlich zu sein. Das Universum, nichts Geringeres, hing davon ab! Ich bezahlte die zwei Euro – nur um zu merken, daß der Computer neben der Geldfressmaschine noch zwanzig Minuten lief. Eine gute Seele hatte seinen Rechner laufen lassen, weil: wer braucht in einem Bahnhof 30 Minuten für soetwas?!?!

Entnervt setzte ich mich hin, packte Laptop und Netbook aus, um das Passwort für meinen Bahn-Online-Zugang zu suchen. Warum? Ich habe für jeden einzelnen Eintrag in jedem einzelnen Forum, auf jeder Shoppingseite ein eigenes Passwort mit hohen Standards. Dafür habe ich wiederum ein passwortgeschütztes Crypto-Programm, das aber dann nicht helfen kann, wenn ich die Passwörter aus dem Netz nicht mit dem Programm synchronisiere. Was ich nicht getan hatte. T – 00:05:12.

Verzweifelt prügelte ich die Bahnseite dazu, mir ein neues Passwort zuzuschicken, gleichzeitig rief ich die Webmail meines Internetproviders auf, die natürlich auch ein knackiges Passwort hatte. Ich rief meine Mails – nichts. Ich ging zur Bahnseite, forderte achtmal neue Passwörter an. Rief die Webmail ab – nichts. Resignation machte sich in mir breit. T – 00:04:22.

DA! DA! Sie waren da – acht Emails. Irgendeine angeklickt, bei der Bahn eingeloggt, im Netbook das aufgerufene Wordpad benutzt und den Auftragscode eingegeben. Rechner einpacken, Zeuch nehmen, mein 2€-Internetzeit-Ticket einem verdutzten, aber dankbaren Australier in die Hand drücken, der gerade ebenso 2€ bezahlen wollte – und LOOOOOOOOOOOS (siehe oben.)

Am Informationsschalter hatten meine Stoßgebete an Odin gezeigt, daß er wirklich existiert. Niemand wartet, ich konnte direkt freundlich, aber leicht gehetzt und verschwitzt die Sachlage erklären – und die Dame begann ihren Computer mit den Auftragsdaten zu füttern. Die Kollegin daneben fragte, welchen Zug ich nehmen wolle, und ich meinte nur »Den ICE Richtung Frankfurt, glaube ich (falsch natürlich, mußte nach Hannover und umsteigen) um 11.15 Uhr (falsch, 11.16)« T -00:02:27.

Die Dame vor dem Computer sagte nur: »Äh, hier ist das Ticket. Sie haben nur eine Minute. Zweimal die Treppe runter, mittlere Treppe links. Viel Glück!«

Ich rannte los, und zum ersten Mal in meinem Leben erfuhr ich, was es heißt, sich in die Kurve zu legen. Mein Rollkoffer brach nach hinten links aus, bevor ich die Achse wieder auf Spur bringen konnte, ich hetzte mit weit über 20 kg Beladung (hatte ich meinen Rucksack erwähnt?) die irgendwie unglücklich gestufte Treppe des Hauptbahnhof hinunter, eine Etage hinab, erreichte die zweite Etage…

Ich sah den Schaffner. Alle Türen waren geschlossen – bis auf eine. Er stand im Türrahmen und hatte die Kelle erhoben. Das Signal zur Abfahrt. Vor meinem geistigen Auge spielten sich unendlich viele Szenen ab (mein ganzes Leben auch, also nix mit Nahtoderfahrung und so!) Eine zeigte, wie ich mit meinem Koffer, Rucksack und Leib die Treppe hinabstürzte und sich der Zug unter dem sauronesken Lachen des Schaffners in Bewegung setzte und er mir die Kelle noch an den Kopf warf…
Aber das Wunder geschah. Ich setzte zu einem Bodycheck eines jungen Manns an, der beim Draft des College-Football gute Chancen in der nächsten Saison hatte, und warf mich in die Bresche, doch der Schaffner war bereits geschickt zur Seite getreten – und ich erreiche den Zug. T -00:00:01.

Schwer atmend, verschwitzt und mit rauschendem Blut in den Ohren sah ich, wie eine nette Neuseeländerin lachend an mir vorbeiging und den Daumen hochhielt. Der Schaffner war Berliner, unterhielt mich mit einigen, typisch unhöflichen Bemerkungen à la »Na, da wollen wir uns ersma setzen, wa?« und »Hätte ja auch schiefjehen können, wa?« Als ich sagte »Ich konnte det Ticket nich ausdrucken, und meene Freundin hat jepennt, wa?« meint er nur »Persönliche Befindlichkeiten kann ick nisch beurteilen, ick bin hier nur der Reisebegleiter, wa?«

Ich liebe die Bahn. Das Thing kann kommen.

Bildnachweis: Gemeinfreies Bild von User Angr, Berlin Hauptbahnhof.

Berlin Hauptbahnhof
Datum 28. Mai 2006
Quelle Eigenes Werk
Urheber User:Angr

  • Peregrin Tuk

    Ich laß meine Fahrkarten immer aus dem Automaten rauslaufen. Kostet dasselbe wie ein Online-Ticket, dafür darf die Bahn Papier und Toner bezahlen (und nicht ich) und streßfreier ist es auch noch ;-)