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Literatur. Fantasy. Fandom.

Rezension & Lobeshymne: Adams. The music of "The Lord of the Rings" films

Es ist ungewöhnlich für mich, die Rezension eines Buchs mit Tolkienbezug in der Ich-Form zu schreiben, aber bei diesem außergewöhnlichen Werk verlangt es die Begeisterung, die Bewunderung und die Freude über eine herausragende Publikation, daß ich mich nicht nur sachlich, sondern auch ganz persönlich zu Doug Adams äußere.

Als ich das Paket aus dem Briefkasten holte, war ich zuerst ein wenig überrascht. Gut, mir als Tolkienfan sind gewichtige Ausgaben des Herr der Ringe (Folio-Edition oder einbändige Deutsche in Rot bei Klett-Cotta) nicht unbekannt, und die History of Middle-earth mit ihren zwölf Bänden ist auch in der Taschenbuchvariante keine Leichtigkeit. Sie übertreffen die typische Taschenbuchausgabe von Krimis, Fantasy- oder historischen Romanen, die bei etwa 300-400g liegt, sicherlich, doch The Music of ‘The Lord of the Rings’ Films (MLotRF) bringt stolze anderhalb Kilogramm auf die Waage. Der Grund wird nach dem Auspacken offensichtlich: über 400 Seiten in einem Format, das ich nur als Bild- oder Kunstband beschreiben kann. Erstklassiger Druck, hervorragendes, schweres Papier, eine gebundene Ausgabe, wie es sich ein jeder Freund gebundener Bücher nur wünschen könnte. Ich hatte kurz den Eindruck, es müßte von Taschen stammen, doch der ebenso in Köln beheimatete Verlag dieses Werks, Alfred Music Publishing GmbH ist offenbar auch in der Lage, solch hochwertige Publikationen herauszubringen.

Autor: Doug Adams

Vorneweg direkt der Hinweis: Das Buch erscheint auf englisch und entspricht der US-amerikanischen Originalausgabe, einschließlich der “Rarities-CD” mit bisher unveröffentlichen Musikstücken und einem Interview mit Howard Shore (natürlich vom Autor geführt.) Doug Adams ist ein hoch angesehener Musikjournalist, der sich wie viele Andere vor etwa zehn Jahren auf eine Entdeckungsreise begeben hat, die es in dieser Form in der Filmgeschichte noch nie gegeben hat (und vermutlich auch nie wieder geben wird) – die Filmtrilogie des neuseeländischen Regisseurs Peter Jackson. Als klar wurde, daß der Soundtrack zur Filmtrilogie von einer ausgewiesenen Koryphäe wie dem Kanadier Howard Shore kompiniert werden sollte, nahm der Wunsch, auch diese außergewöhnliche Reise zu dokumentieren. Adams hat daran kontinuierlich zehn Jahre lang geschrieben, gefeilt und in einer Form an der Filmtrilogie teilgenommen, wie es nur wenigen anderen zuteil wurde.

The Music of "The Lord of the Rings" Films - Titelbild

Optisch ist das Buch im edlen Schwarz/Weiß gehalten, mit viel Platz, um Notenblättern, Fotografien, dem Text und Skizzen der Filmtrilogie den notwendigen Raum zu geben. Der Schutzumschlag bedeckt den schwarzen Einband, auf dessen Titel in goldener Farbe die Gravierung des Rings in Tengwar prangt. Auf Seite iii zeigt sich der Ansatz der Publikation mit “A Comprehensive Account of Howard Shore’s Scores” und die Ankündigung des Vorworts von Howard Shore und der Einleitung von Fran Walsh, die zusammen mit Philippa Boyens und Peter Jackson die Drehbücher schrieb. Das gesamte Buch wird mit zahlreichen Fotografien aus der Filmtrilogie und Skizzen der beiden Künstler John Howe und Alan Lee verschönert.

Der Inhalt teilt sich in drei große Gruppen auf, die “Themes” (also die einzelnen, musikalischen Themen/ Leitthemen/-motive), den “Annotated Score” (den kommentierten Soundtrack) und die “Recording Sessions” (Berichte zu den einzelnen Aufnahmen mit dem London Philharmonic Orchestra u.a.). Hierbei nimmt der “Annotated Score” mit fast zweihundertdreißig Seiten den größten Teil ein, gefolgt von den “Themes” mit gut einhundertdreißig Seiten. Das zeigt schon, welche Aufgabe dieses gerade auch für musikwissenschaftlich Interessierte Buch übernimmt: Eine konkrete, fachlich exzellente Auseinandersetzung mit dem kreativen Meisterwerk eines ausgezeichneten Komponisten.

Adams listet in den “Themes” alle wiederkehrende Leitmotive der Filmtrilogie auf und setzt sie sowohl in den erzählerischen als auch den musikalischen Kontext. Wie entwickelt Shore ein Leitmotiv, welche Wandel durchläuft es in den drei Filmen, welche Funktion im Gesamtkonzept erfüllt es? Kurzweilig und unterhaltsam geschrieben darf meine Begeisterung aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich das Buch vor allem an vorgebildete Leser wendet. Nach einer Erläuterung des Leitmotivs inklusive Notenfolge werden die “Thematic Relationships”, die Bezüge zu weiteren musikalischen Elementem im Soundtrack erläutert, und dann im Abschnitt “In Theory” die musikwissenschaftlichen Begründungen für die jeweilige Instrumentalisierung, die Skalen und Notenfolgen geliefert. Ein kurzer Auszug zum LOTHLÓRIEN Leitmotiv, das zum ersten Mal im Prolog zu The Fellowship of the Ring zu hören ist:

The music of LOTHLÓRIEN suggests the maqam hijaz, an Arabic mode not unlike the Western Phrygian mode, though with an augmented second between its second and third scale degrees. While certain of maqam hijaz’ microtonalities were shed, Shore often stresses the augmented second interval in the maqam’s opening. This interval is used not to evoke an exotic otherness, but to create a sense of age that speaks of Middle-earth’s ancient eras. As Lothlórien becomes more involved with the contemporary Middle-earth of The Lord of the Rings, this augmented second occurs less often. By the time LOTHLÓRIEN is stated in The Return of the King, the augmented second has been completely eliminated and the theme sounds in D Phrygian.

Doch obwohl sich sicherlich nicht jedem Leser sofort erschließen wird, welche musikalischen Feinheiten hinter der Entwicklung der Filmmusik stecken, so läßt es doch erahnen, welche Komplexität und Qualität in Howard Shores Arbeit steckt. Eine unglaubliche Menge an Arbeit, die berechtigterweise mit dem OSCAR (c) ausgezeichnet wurde.

Wer sich bis heute nach den Gründen für den Erfolg der Filmtrilogie fragt, der kann einen der Gründe auf jeden Fall benennen: Die Filmmusik. Doug Adams skizziert eine magische, geradezu überirdisch wirkende, musikalische Reise, die für viele Tolkienfans den Weg nach Mittelerde geebnet und die Filmtrilogie in einer Art und Weise bereichert hat, die sie unvergesslich machte.

Dieses Buch kann ich nur wärmstens empfehlen, aufgrund der anspruchsvollen Gestaltung, dem kenntnisreichen Inhalt, der CD mit unveröffentlichtem, musikalischen Material und dem Wunsch, daß noch viel mehr Tolkienfans diese musikalische Analyse einer beeindruckenden Filmtrilogie zu schätzen lernen.

Letzte Hinweise

Die deutsche Herr-der-Ringe-Film.de Fan-Community hat die “Annotated Scores” der letzten Jahre auf deutsch übersetzt. Sie können als PDF bei HdR-Film.de heruntergeladen werden. Achtung: Diese Texte beziehen sich nicht auf dieses Buch!

Doug Adams hat zu seiner Publikation einen Blog, der lesenswert ist: http://www.musicoflotr.com. Hier wird auch erklärt, in welchem Bezug diese Publikation zu den bisherigen “Annotated Scores” steht.

In München kann man im April die erneute Live-Aufführung des Soundtracks erleben: http://www.muenchenevent.de

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Über den Rezensenten

Marcel R. Bülles ist Gründungsvorsitzender der Deutschen Tolkien Gesellschaft e.V., Mitbegründer der Ring*Con (größte europäische Fantasy-Convention) und Mitglied im Board of Editors des wissenschaftlichen Jahrbuchs “Hither Shore.” Er gehört zu den beliebtesten internationalen Rednern zum Thema Tolkien und Mittelerde und hat bereits in Italien, der Schweiz, Großbritannien, USA, Kanada und Slowenien Vorträge zu seinem Lieblingsautor gehalten. Vor kurzem erschien seine Übersetzung von Henry Gees “Die Wissenschaft bei Tolkien.” Als aktives Mitglied der DTG ist er u.a. Gastautor für die Webseite tolkiengesellschaft.de. Auf seinem Blog http://www.macrobee.de widmet er sich fantastischen Themen in allen Medien.

An English version of this article will be published soon.