Sie war eine der größten Fantasy-Autorinnen, ihre Bücher begeisterten ein weltweites Publikum und nie hat sie sich gescheut, sich für die Dinge, die ihr am Herzen lagen, vor allem auch für den Wert von Fantasy und Science-Fiction, einzusetzen – nun ist Ursula K. Le Guin im Alter von 88 Jahren verstorben.

Leben und Schreiben

Ursula Kroeber Le Guin wurde am 21. Oktober 1929 in Berkeley, Kalifornien, als Ursula Kroeber geboren. Ihre Eltern, die Schriftstellerin Theodora Kroeber und der Anthropologieprofessor Alfred Louis Kroeber, weckten und förderten ihre Begeisterung für Literatur – mit 9 Jahren schrieb sie ihre erste Fantasy-Geschichte. Sie studierte Französische und Italienische Literatur und begann 1953 eine Promotion über den Dichter Jean Lemaire de Belges, die sie jedoch nie vollendete. Ihre Studien führten sie nach Frankreich, wo sie 1954 Charles Le Guin heiratete. Mit ihm hatte sie drei Kinder. Ab den 1950er Jahren schrieb sie über 20 Romane, zahlreiche Gedichte, Kurzgeschichten und Kinderbücher. 1959 wurde ihre erste Geschichte veröffentlicht. Der Durchbruch gelang ihr 1968 mit dem Erdsee-Zyklus. In dieser magischen Welt entführt sie den Leser zu unbekannten Inseln und Meeren und, lange vor Harry Potter, in eine Zauberakademie. Neben dem Erdsee-Zyklus wurde ihre längste Science-Fiction-Reihe, der Hainish-Zyklus, sehr bekannt. Die meisten ihrer Werke wurden auch ins Deutsche übersetzt. Sie gewann zahlreiche Literaturpreise und war Vorbild für unzählige Fantasy- und Science-Fiction-Autoren der nachfolgenden Generationen, wie zum Beispiel für Neil Gaiman, der ihr 2014 die Medal for Distinguished Contribution to American Letters der National Book Foundation in den USA überreichte. Am Montag, dem 22. Januar 2018, verstarb Ursula K. Le Guin in Portland, Oregon. Der Fantasy-Experte Frank Weinreich schrieb in einem Nachruf über sie:

Le Guin spielte erfolgreich auf der Klaviatur beider Großgenres: Science und Fantasy. Und sie verfasste in dem einen wie dem anderen Bereich Meilensteine, an denen kein Mensch vorbeikommt, der sich mit der phantastische[n] Literatur und Kunst beschäftigt.

Frank Weinreich, 24.01.2018 auf TOR-Online

Tolkien – Vorbild und Herausforderung

Von Anfang an stand Ursula K. Le Guins Werk im Vergleich zu dem zehn Jahre zuvor erschienen Herrn der Ringe von J.R.R. Tolkien. Im Vorwort zu ihrem 1987 veröffentlichten Roman Die linke Hand der Dunkelheit schrieb der Literaturkritiker Harold Bloom:

Mehr noch als Tolkien hat Le Guin in unserer Zeit die Fantasy auf die Stufe der Hohen Literatur gehoben.

Harold Bloom, 1987

Doch den Bezug stellt sie auch immer wieder selbst her: So ist eine ihrer bekanntesten Figuren, der Zauberer Ged aus dem Erdsee-Zyklus, von Tolkiens Gandalf inspiriert.

Ernsthafte Überlegungen zur Magie und zum Schreiben für Kinder haben mich gleichermaßen dazu gebracht, mir über Zauberer Gedanken zu machen. Zauberer sind meistens ältere oder alterslose Gandalfs, völlig passend und archetypisch. Aber was waren sie, bevor sie weiße Bärte hatten? Wie lernten sie, was offensichtlich eine gelehrte und gefährliche Kunst ist? Gibt es Akademien für junge Zauberer? Und so weiter.

Ursula K. Le Guin, 1979 in „The Language of the Night: Essays on Fantasy and Science Fiction“ (S. 51)

Dieses Zitat zeigt aber auch, dass Ursula K. Le Guin nicht nur Tolkiens Spuren folgen, sondern Eigenes, Neues schaffen wollte. Die Abgrenzung zum großen “Fantasyvater” Tolkien forderte sie in ihrem Schreiben heraus.
Über den Unterschied zu ihm äußerte sie sich in einer offenen Antwort auf einen Brief:

Zum Beispiel Tolkiens Bezugnahme auf Orte, Personen, Ereignisse (oft lange her), die nicht Teil der unmittelbaren Geschichte sind: Sie überzeugen den Leser von der Realität der unmittelbaren Szenerie – denn sie werden als Teil einer viel größeren Landschaft, einer langen Geschichte [im historischen Sinne], einer ganzen Welt vorgestellt, von der sie nur ein Ausschnitt sind. Das ist eine überzeugende Herangehensweise, um eine erdachte Welt plausibel zu machen. Das ist eine Herangehensweise, die man imitieren kann, indem man sie auf seine eigene Weise umsetzt.

Nun, bei Tolkien hat die Geschichte und Geographie schon in seinen Werken vor dem Herrn der Ringe existiert. Aber in meinen Vorstellungen habe ich oft Ereignisse oder Orte erwähnt, von denen ich noch nichts wusste […]. Diese waren, als ich sie schrieb, nur Wörter – „leere“ Nomen. Ich wusste, dass ich herausfinden würde, wer und was sie sind, wenn meine Geschichte mich zu ihnen brächte. Und das ist auch tatsächlich passiert… Auf die gleiche Art und Weise zeichnete ich die Karte von Erdsee ganz zu Beginn, aber noch wusste ich nichts über jegliche Inseln, erst, als ich „hingereist“ bin.

Ursula K. Le Guin in „Plausibility in Fantasy“

Ganz d’accord mit Tolkien ging sie hingegen in ihrem Engagement für das Ansehen und die Wertschätzung von Fantasy-Literatur. Gegen den Vorwurf, Fantasy verleite zu Eskapismus und Weltfremdheit, schrieb sie:

Diese Aussage ist oberflächlich, wenn sie von oberflächlichen Menschen gemacht wird. Wenn ein Versicherungskaufmann dir sagt, dass SF nichts mit der echten Welt zu tun habe, wenn dir ein Chemie-Erstsemester mitteilt, dass die Wissenschaft den Mythos längst ersetzt habe, wenn ein Zensor ein Buch indiziert, weil es nicht in die Maßstäbe des Sozialen Realismus passe, und so weiter, dann ist das nicht Kritik, sondern Engstirnigkeit. Falls diese Frage überhaupt eine Antwort verdient, dann die Tolkiens, des Autors, Kritikers und Wissenschaftlers. Ja, sagte er, Fantasy ist eskapistisch, und das ist ihre Stärke. Wenn ein Soldat vom Feind gefangen genommen wird, halten wir es dann nicht für seine Pflicht, auszubrechen? Die Geldleiher, die Ignoranten, die Autoritären haben uns alle eingesperrt; wenn unsere Freiheit in Geist und Seele uns etwas wert ist, wenn wir für diese Freiheit einstehen wollen, dann ist es auch unsere Pflicht, auszubrechen, und so viele Leute mitzunehmen wie nur möglich.

Ursula K. Le Guin, 1979 in „The Language of the Night: Essays on Fantasy and Science Fiction“ (S. 204)

Damit referiert sie eindeutig auf Tolkiens Aufsatz Über Märchen und greift dessen Gedanken des positiven, “natürlichen” Eskapismus auf. Wie stark die Verbindung zwischen Le Guin und Tolkien war, erkennt man auch daran, dass ihr Zitat „Fantasy is escapist, and that is its glory“ („Fantasy ist eskapistisch, und das ist ihre Stärke“) so oft Tolkien selbst zugeschrieben wird.

Mit Tolkien teilte Ursula K. Le Guin auch die Liebe zur Sprache. In den Erdsee-Büchern verleiht Sprache Macht, die Zauberer können Magie wirken, wenn sie die “wahren Namen” der Dinge erfahren. Auch für die Autorin selbst spielte sprachliche Präzision eine wichtige Rolle. “Wenn ich nicht den richtigen Namen kenne, kann ich die Geschichte nicht schreiben”, erklärte sie einmal.

Und auch wenn sich Tolkien und Ursula K. Le Guin politisch wohl nicht einig geworden wären, erkennt man doch eine gemeinsame Botschaft in ihren Werken, in denen letztlich keine heroischen Waffenschwinger, sondern vermeintlich schwächere Figuren durch Herzensgüte und Opferbereitschaft zum Erfolg gelangen. Le Guin experimentierte jedoch wesentlich stärker mit dem spekulativen Potenzial ihres Genres, löste etwa in Die linke Hand der Dunkelheit nicht nur Geschlechterrollen, sondern gleich die Existenz verschiedener Geschlechter auf und spielte in Der Planet der Habenichtse (The Dispossessed) die Möglichkeiten und Grenzen einer anarchistischen Gesellschaftsform durch.

Zur Anthologie Meditations on Middle-earth: New Writing on the Worlds of J.R.R. Tolkien (2001) trug Ursula K. Le Guin neben anderen Größen der Fantasy wie G.R.R. Martin oder Terry Pratchett den Artikel „Rythmic Pattern in The Lord of the Rings“ bei über rhythmisch wiederkehrende Stimmungen und Motive, die den Reisecharakter der Geschichte unterstreichen.

Wir werden Ursula K. Le Guin in phantastischer Erinnerung behalten und uns weiterhin an ihren Geschichten begeistern, die die Fantasy tiefgreifend und dauerhaft geprägt haben. Um es mit ihren eigenen Worten zu sagen:

Es ist gut, das Ende einer Reise vor sich zu haben, aber am Ende ist es die Reise, die zählt.

Ursula K. Le Guin, 1969 in „The Left Hand of Darkness“ (S. 220)

Credits

Alle englischen Zitate wurden von den Autoren dieses Artikels übersetzt.

Autoren: Maria Zielenbach, Sophie Bauer, Christiane Steinwascher, Robert Tegethoff, Tobias M. Eckrich, Annika Röttinger,

Quellen

  • Le Guin, Ursula K. The language of the night : essays on fantasy and science fiction. New York: Putnam. 1979.
  • www.ursulakleguin.com/PlausibilityinFantasy.html
  • J.R.R. Tolkien. „Über Märchen“, S. 116. In Gute Drachen sind rar. Stuttgart: Klett-Cotta. 2000 (2. Aufl.).
  • Le Guin, Ursula K. The Left Hand of Darkness. New York: Ace Books. 1969.
  • Wikipedia DE EN
  • www.nationalbook.org
  • www.tor-online.de
  • www.today.uconn.edu
  • www.nytimes.com