Header Tolkiens kleineren Werke

Eine der bedauerlichsten Tatsachen rund um Mittelerde ist, dass kaum jemand die Werke Tolkiens neben dem Herrn der Ringe, dem Hobbit und dem Silmarillion kennt. Dabei sind unter ihnen einige wunderschöne Kinderbücher wie auch eher anspruchsvolle Märchen, die man unbedingt lesen sollte.

 

BLATT VON TÜFTLER

(Leaf by Niggle, 1945, dt. 1975)
Eine Geschichte über Kunst, Sehnsucht, Tod und Unfertiges: Der Maler Tüftler steckt zum Unverständnis seines praktisch veranlagten Nachbarn Paris sein ganzes Leben in ein hoffnungslos und detailreiches Bild, das einen Baum zeigt. Aus der Arbeit wird er herausgerissen und vom Bild geht fast alles verloren – aber ein Wiedersehen mit dem Mittelpunkt seines Lebens (und mit Paris, der nichts davon hielt) gibt es an unerwarteter. Eine allegorische Geschichte über den Tod, die Tolkien schrieb, als er daran zweifelte, dass er jemals den Herrn der Ringe beenden würde.
Diese Erzählung wurde unter dem Titel „Elbenwald“ als Hörbuch vertont.

BAUER GILES VON HAM

(Bauer Giles of Ham 1949; dt. 1975)
In England hat es doch Drachen gegeben – einer von ihnen, Chrysophylax, stolpert auf einem harmlosen kleinen Verwüstungszug über den gnadenlos bodenständigen Bauern Giles. Einerseits kann der Drache vor dessen Zauberschwert nur kapitulieren, andererseits wäre es geradezu unanständig, wenn ein Drache sein Wort hielte… Der Kampf geht in die zweite Runde, die noch komplizierter wird, weil die versnobten Ritter des Königs mitspielen wollen. Und als der Schatz bei Giles statt beim König landet, wird die Sache endgültig politisch… Ein bedrohlicher und hinterlistiger Wurm als Beinahe-Sympathieträger, und das in einer witzigen Geschichte voller Querköpfe.
Das Buch entstand um 1937 und spielt in der Gegend um Oxford. Es „erklärt“ einige dortige Ortsnamen. Dabei werden sowohl der Ritterroman als auch die akademische Behandlung desselben auf die Schippe genommen. Eines der lustigsten Bücher Tolkiens, passend zum mittelalterlichen Setting illustriert von Pauline Baynes.

SCHMIED VON GROSSHOLZINGE

(Smith of Wootton Major, 1967, dt. 1975)
Der Titelheld bekommt durch einen Stern, den er als Kind in einem Stück Kuchen isst, die Möglichkeit, ins Elbenreich zu wandern. Eine eher allegorische Geschichte, die aber sehr schöne und überraschende Momente hat.
Das Buch erschien unter dem Titel „Der Elbenstern“ als Hörbuch.

BRIEFE VOM WEIHNACHTSMANN

(Letters from Father Christmas 1976, erweitert 2004/ dt. 1977, erweitert 2005)
Viele Jahre lang (ca. 1920-1942) erhielten Tolkiens Kinder als Antwort auf ihre Briefe an den Weihnachtsmann reich illustrierte mit Briefmarken vom Nordpol versehene Briefe vom Weihnachtsmann zurück, in denen dieser und seine Helfer von ihrem Leben und ihren Abenteuern im Kampf gegen den katastrophenträchtigen Polarbären berichten. Eine Auswahl davon ist als Buch erschienen und zeigt nebenbei auch kleine Einblicke in das Leben der Familie Tolkien und das Engagement des Vaters Tolkien, seinen Kindern eine Freude zu machen.
Interessant ist neben den Kindergeschichten, wie Tolkien die Geschehnisse in der realen Welt einfließen lässt (der aufkommende Zweite Weltkrieg wird aufmerksamen Lesen deutlich). Spuren aus der Zeit, als er mit dem Schreiben des Hobbit begann, gibt es auch in Text und Bild.

HERR GLÜCK

(Mister Bliss 1982, dt. 1982-3)
Herr Glück kauft sich ein gelbes Auto mit roten Rädern und macht einen Ausflug damit. Dabei geht einiges schief. Dieses Bilderbuch von Tolkien erscheint im Deutschen normalerweise bilingual, mit den illustrierten Originalseiten gegenüber einer Übersetzung des enthaltenen Texts. Auch ein satirisches und lustiges Buch.

GESCHICHTEN AUS DEM GEFÄHRLICHEN KÖNIGREICH

(Tales from the Perilous Realm 1997, dt. 2011)
Dieser Band ist die heute vollständigste Zusammenstellung bereits veröffentlicher kleinerer Geschichten: Es enthält Roverandom, Bauer Giles von Ham, Die Abenteuer des Tom Bombadil, Der Schmied von Großholzingen und Blatt von Tüftler. Es ist auch als Hörbuch erschienen.

ROVERANDOM

(1998, dt. 1999)
Der kleine Hund Rover verärgert einen Zauberer und wird in einen Spielzeughund verwandelt. Beim Versuch, seine alte Gestalt wiederzubekommen, reist er auf den Mond und unter das Meer. Eine lustige episodische Kindergeschichte mit vielen Anspielungen auf die Zeit ihrer Entstehung, die in Anmerkungen am Ende des Buches aufgeklärt werden (aber zum Verständnis und zum Genuss des Textes nicht nötig sind). Die Geschichte sollte ursprünglich Tolkiens Sohn Michael über den Verlust eines kleinen Spielzeughundes am Strand von Filey hinwegtrösten.

DIE LEGENDE VON SIGURD UND GUDRÚN

(ed. Christopher Tolkien; 2009, dt. 2010)
Eine Nach- und Neudichtung auf der Basis der altnordischen Überlieferung (darum „Sigurd“, nicht „Siegfried“) und unter Aneignung der aus der Edda bekannten Strophenform: von der Erschaffung der Welt bis zu Gudrúns Rache für ihren ermordeten Mann und dem Untergang der Niflungen. Genau die kontinuierliche Dichtung, die es aus alten Zeiten nicht gibt! Für Wagner-Hörer: bis zum Ende der Götterdämmerung, nur ohne Götterdämmerung (aber dafür mit einer spannenden Prophezeiung der Geburt Christi, weil die Welt gerettet wird!).

KÖNIG ARTHURS UNTERGANG

(The Fall of King Arthur, ed. Christopher Tolkien; 2013, dt. 2015)
Ein unvollendetes Epos in Stabreimstrophen über die Vorgeschichte der mörderischen Entscheidungsschlacht des Bürgerkriegs zwischen Arthur und seinem Bastardsohn Mordred. Der ausführliche editorische Rahmen von Christopher Tolkien bettet das Fragment einerseits in die riesige Tradition des Artusstoffs ein und zeigt andererseits, wie der (vor 1934 vorliegende) Text sich in die Arbeit am Silmarillion einordnet. Der Anhang enthält Auszüge eines Radiovortrags („The Old English Verse“), den Tolkien 1938 zur Stabreimdichtung hielt.

THE STORY OF KULLERVO

(ed. Verlyn Flieger, 2015)
„Ausgekoppelt“ aus dem finnischen Nationalepos Kalevala, aber wer das Silmarillion gelesen hat, fühlt sich mit Recht an die Tragödie von Túrin Turambar und seiner Schwester Nienor erinnert. Die Geschichte ist um zwei Vorträge Tolkiens zum Kalevala – in dieser Form ist es eine im 19. Jh. geschaffene „Mythologie für Finnland“, ähnlich wie Tolkien sie sich für England wünschte – und eine exzellente Studie der Tolkien-Expertin Flieger erweitert. Wer von trotzigen Helden und gnadenlosen Schicksalen nie genug bekommen kann (und sind wir das je nach Tageszeit nicht alle?), wird den Band nicht liegen lassen…

THE LAY OF AOTROU AND ITROUN

(ed. Verlyn Flieger, 2016, Erstabdruck 1945)
Die jüngste Neupublikation – eine weitere düstere Sage, diesmal mit bretonischen Motiven, schlingt sich um eine böse Korrigan (wer „Fee“ sagt, den verflucht sie sicher) und ein gebeuteltes Liebespaar. Von Tolkien in den Jahren um 1930 parallel zum Lay of Leithian (siehe The History of Middle-Earth: The Lays of Beleriand) und in derselben Versform gedichtet, nur ohne Happy-End. Wer in all den Liebeskatastrophen allmählich ein Muster zu erkennen glaubt, glaubt sicher richtig, wer sich nach Elben sehnt, die so richtig zum Fürchten sind, wird seine finstere Freude am Mini-Epos und den damit verwandten Gedichten haben…