Header Tolkiens Wissenschaftliche Aufsätze

Als Professor für englische Sprache und Literatur beschäftige sich J.R.R. Tolkien mit mittelalterlichen Texten. Um diese kreisen auch viele seiner wissenschaftlichen Publikationen. Auch 40 Jahre nach seinem Tod sind sie durchaus von Bedeutung.

Mitarbeit am OXFORD ENGLISH DICTIONARY (Buchstabe „W“)

(1918-1920)
Der Philologe am Werk: Tolkien auf der Suche nach Bedeutungsgeschichte und Vorkommen englischer Wörter aus allen Jahrhunderten, dutzende Entlehnungen aus anderen Sprachen eingeschlossen. Wer den Meister bei der Arbeit sehen möchte, findet ihn unter anderem verewigt in water, wick, willow und wasp.

SIR GAWAIN UND DER GRÜNE RITTER

(Sir Gawain and the Green Knight: mit E. V. Gordon, 1925; WITH PEARL AND SIR ORFEO, 1975; dt. 1967)
Mit dem mittelalterlichen Text Sir Gawain und der Grüne Ritter hat sich Tolkien mehrfach beschäftigt. 1925 veröffentlichte zusammen mit E. V. Gordon eine kommentierte Ausgabe des mittelenglischen Originaltext – seit dem Erscheinen ein immer wieder aufgelegtes Standardwerk. 1975 erschien in der Ausgabe Sir Gawain and the Green Knight with Pearl and Sir Orfeo Tolkiens Übersetzungen dreier mittelenglischen Texte aus dem Oxforder Lektürekanon für das Englischstudium.
Gawain und Pearl (die Klage um ein totes Mädchen, das den trauernden Vater mit der Aussicht auf ewiges Leben tröstet) stammen vom selben Dichter, der unbekannte Verfasser von Sir Orfeo versetzt den griechischen Orpheusmythos in eine ritterliche Welt, die wie im Gawain zur Welt des Märchenhaft-Unheimliche offen steht. Die Motivverwandtschaft zu Tolkiens eigener Dichtung liegt in vielen Punkten auf der Hand, ein sprachlicher Genuss sind die Texte sowieso.
Achtung: die seit 1967 erhältliche deutsche Übersetzung von Hans J. Schütz ist vom Original-Gawain, nicht von Tolkiens neuenglischer Version angefertigt!

BEOWULF

DAS UNGEHEUER UND SEINE KRITIKER (The Monsters and The Critics 1936, dt. 1984 in „Gute Drachen sind rar”)
Hier fordert einer der führenden Experten seiner Zeit für den Umgang mit der bekanntesten altenglischen Dichtung überhaupt neue Maßstäbe ein, die sich an künstlerischer Absicht und Vorstellungswelt des unbekannten Autors orientieren, statt vorrangig nach Textvarianten, historischem Gehalt und verwerteten „Bausteinen“ zu fragen. Damit ist nicht nur ein Richtungsstreit in der englischen Philologie (und allen anderen) angesprochen, sondern wir erhalten auch Einblicke darin, wie sich Tolkien – gerade auch aus eigener Erfahrung als Erzähler! – die zeitliche Tiefe in der Entstehung und Weitergabe einer „großen Geschichte“ und ihrer Motive vorstellt.
A TRANSLATION AND COMMENTARY, TOGETHER WITH SELLIC SPELL (ed. Christopher Tolkien, 2014)
Diese Übersetzung des mittelalterlichen Epos von 1926 scheint zügig und sorgfältig, aber offenbar „für die Schublade“ und zum eigenen Gewinn geschrieben zu sein. Ergänzt ist die Ausgabe um Auszüge aus Tolkiens Beowulf-Vorlesung. Im zweiten Teil des Bandes versucht Tolkien sich an einer literarischen „Einfühlung“ in Atmosphäre und Erzählhaltung der Frühzeit: mit „Sellic Spell“, der neu geschriebenen Vorgeschichte zur Isländer-Saga von Hrolf Kraki, und der (in vielen Punkten ausgepicht modernen!) Ballade „The Lay of Beowulf“.

ÜBER MÄRCHEN

(On Fairy-Stories; 1947, dt. 1984)
Dieser Aufsatz hat es über den Kreis der Tolkien-Leser hinaus in die Diskussionen der modernen Erzähl- und Mythenforschung aller Disziplinen geschafft (und auf Umwegen für den Gattungsbegriff „Fantasy“ gesorgt, eher aus Versehen!). Hier formuliert Tolkien, halb als Autor, halb als Anglist sein Verständnis des Außergewöhnlichen an Märchen und Sagen und beschreibt ihr Verhältnis zur „primären“ Welt und Wirklichkeit. Außer den inneren Gesetzen und der Logik märchenhafter Welten und ihrer Bewohner setzt er sich mit den (uralten) Vorwürfen der Realitätsflucht und -verweigerung auseinander und zerpflückt sie. Besonders liegt ihm die Wirkung am Herzen, die ihren Gipfel im erlösenden Moment der Geschichte erreicht, der rettenden „Eukatastrophe“, in der sich die Hoffnung auf Welterlösung spiegelt und spürbar wird. Ein „Augenöffner“ für alle, die sich an die Erzählstruktur der literarischen Werke Tolkiens erinnern!

DIE UNGEHEUER UND IHRE KRITIKER

(The Monsters and the Critics 1983, dt. 1987)
Diese Sammlung beinhaltet sechs Vorträgen (im Original sieben): „Beowulf: Die Ungeheuer und ihre Kritiker“, „Zur Übersetzung des Beowulf“ („On Translating Beowulf“), „Sir Gawain und der Grüne Ritter“, „Über Märchen“, „Ein heimliches Laster“ („A Secret Vice“), „Rede zum Abschied von der Universität Oxford“ („Valedictory Address to the University of Oxford“), „English and Welsh“ (nur im engl. Original).