Tolkien Biographien und Sekundar Literatur - Tobias M. Eckrich

Am 3. Januar 1892 ist einer der bedeutendsten Literaten des 20. Jahrhunderts geboren: John Ronald Reuel Tolkien. Man könnte Mr. Tolkien als einen etwas verschrobenen Oxford-Professor beschreiben, der die Sprachwissenschaft liebte und in seiner wenigen Freizeit für seine vier Kinder phantastische Geschichten erfand. Oder als einen leidenschaftlichen Sprachenerfinder, der herausfinden wollte, welche Völker diese phantastischen Sprachen sprechen würden. Oder als einen der einflussreichsten Fantasy-Autoren unserer Zeit.

Doch wer genau war dieser Mensch und was hat er erlebt? Auf dieser Seite haben wir die wichtigsten Stationen in Tolkiens Leben übersichtlich zusammengefasst.

1892

Geburt und frühe Kindheit

John Ronald Reuel Tolkien wurde am 3. Januar 1892 als Sohn englischer Eltern in Bloemfontein (im heutigen Südafrika) geboren, zwei Jahre später folgte sein Bruder Hilary. Vater Arthur war Bankmanager. Bis auf den Biss einer Tarantel, der wahrscheinlich für die grausigen Spinnen in Tolkiens Werken verantwortlich war, verlief das Leben in Bloemfontein weitestgehend ereignislos.

1896

Arthurs Tod

Im Februar 1896 starb Tolkiens Vater Arthur. Seine Mutter Mabel war mit ihren Söhnen Ronald und Hilary im Jahr zuvor in die englischen Heimat gefahren. Nach Arthurs Tod bliebtsie mit den Jungen in England. Im Sommer mietete sie ein Haus in Sarehole Mill, einem ländlichen Ort bei Birmingham. Die rurale Idylle prägte Tolkien sehr und findet sich in Form des Auenlandes in Tolkiens Werk wieder.

1900

King Edward's School

 

1900 bestand Tolkien die Aufnahmeprüfung der King Edward’s School in Birmingham, für die er ein Stipendium erhielt. Da der tägliche Schulweg von Sarehole zu weit gewesen wäre, zog die Familie näher an die Stadt. Auch die städtische Betriebsamkeit, das industrielle Umfeld und der Gegensatz zum Ländlichen, findet sich in Tolkiens Werken wieder.

1904

Mabels Tod

 

Mabel war eine große Inspirationsquelle für den jungen Ronald. Sie hatte die Jungen bis zur Einschulung selbst unterrichtet und legte dabei großen Wert auf Sprache und Literatur. So lernte Tolkien schon früh Latein und Französisch, aber auch Botanik, Klavierspielen und Zeichnen. Zudem war Mabel zum katholischen Glauben konvertiert, den sie auch an ihre Söhne weitergab. Als die Mutter 1904 überraschend an Diabetes starb, brach für die Kinder eine Welt zusammen. Tolkien war zu diesem Zeitpunkt 12 Jahre alt.

1908

Edith

Nachdem Ronald und Hilary nach dem Tod ihrer Mutter zunächst bei ihrer Tante Beatrice untergekommen waren, zogen sie 1908 in das Haus der Mrs. Faulkner in Birmingham. Eine weitere Bewohnerin ist Edith Bratt, ebenfalls Waise. Sie und Ronald würden später ein Liebespaar, entgegen der Wünsche seines Vormundes, Pater Francis Morgan. 1910 wurde Tolkien schließlich jeder Umgang mit Edith verboten.

1911

Exeter College Oxford

Tolkien schloss die Schule ab und erhielt ein Stipendium. Sein Studium begann 1911 am Exeter College in Oxford. Dieses richtete er zunächst auf die ‚Classics’ aus (Griechisch-Römische Geschichte, Philosophie und Sprache) aus, später wechselte er zur Philologie und spezialisierte sich auf englische Literatur des Mittelalters. Die alten germanischen und keltischen Sprachen Alt-Isländisch, Alt-Englisch, Walisisch und Gotisch hatten es Tolkien besonders angetan, genauso wie Finnisch und die semintischen Sprachen des nahen Ostens.

1913

Wiedersehen mit Edith

1913 wurde Ronald mit 21 Jahren volljährig und kontaktierte noch am Vorabend seines Geburtstags Edith. Diese hatte sich in der Zwischenzeit mit einem anderen Mann verlobt, löste die Verlobung jedoch nach einem Treffen mit Ronald auf. 1914 verlobten sich Ronald und Edith; sie heirateten im März 1916.

1915

Studienabschluss

Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, meldeten sich die meisten jungen Männer in Tolkiens Umfeld freiwillig zum Kriegsdienst. Er selbst wollte erst sein Studium beenden, das er ein Jahr später mit First Class Orders und Auszeichnung abschloss. Studienbegleitend hatte seine militärische Ausbildung bereits begonnen, die nun, 1915, vervollständigt wurde.

1916

Erster Weltkrieg

 

Nach etwa einem Jahr militärischer Ausbildung begann Tolkiens aktiver Kriegsdienst im Juni 1916. Tolkien wurde in Frankreich stationiert, wo er an der Schlacht an der Somme teilnahm. Die meisten seiner Freunde überlebten den Krieg nicht. Zum Ende des Jahres erkrankte er an so genanntem Grabenfieber, kehrte nach England zurück und begann im Lazarett, die Geschichten seiner wachsenden Mythologie niederzuschreiben. Einen Großteil davon kennen wir heute als Das Silmarillion.

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1917

John

 

Tolkiens ältester Sohn, John Francis Reuel Tolkien, wurde am 16. November 1917 geboren. Tolkien ging es gesundheitlich zu dieser Zeit etwas besser, er wurde zwar für untauglich für den allgemeinen Kriegsdienst befunden, jedoch für einsatzfähig für den Heimatschutz. Trotzdem plagte ihn das Grabenfieber noch lange und er war immer wieder mehrere Tage bis Wochen im Krankenhaus.

1920

Michael

 

Tolkiens zweiter Sohn, Michael Hilary Reuel Tolkien, wurde am 22. Oktober 1920 geboren. Später würde er seinen Spielzeughund verlieren und seinen Vater dazu inspirieren, Roverandom zu schreiben. Im gleichen Jahr zogen die Tolkiens nach Leeds, wo Tolkien eine Dozentenstelle für englische Sprachwissenschaft an der Universität annahm, nachdem er einige Zeit beim New English Dictionary in Oxford gearbeitet hatte.

 

1924

Christopher

 

Am 21. November 1924 wurde Tolkiens dritter Sohn, Christopher John Reuel Tolkien, geboren. Er würde später der wichtigste Kritiker und literarischer Erbe seines Vaters werden und etliche Werke nach dem Tod seines Vaters veröffentlichen, wie etwa Das Silmarillion oder die 12-bändige History of Middle-earth. Die Karten Mittelerdes, die heute noch dem Herrn der Ringe beiliegen, stammen von Christopher.

1925

Professor for Anglo-Saxon in Oxford

Tolkien wurde 1924 von der Universität Leeds zum Professor for English Language befördert, doch schon im folgenden Jahr wurde die Stelle zum Rawlinson and Bosworth Professor of Anglo-Saxon in Oxford vakant und Tolkien bewarb sich darauf. So erfolgte seine Berufung zum Professoren für angelsächsische Geschichte und Literatur und die Familie zog zurück nach Oxford, wo Tolkien ein Haus in der Northmoor Road kaufte.

1926

C.S. Lewis, die Kolbítar und die Inklings

 

1926 lernte Tolkien Clive Staples Lewis kennen und gemeinsam gründeten die beiden den literarischen Dozenten-Club Kolbítar (isländisch: Leute, die so nah am Feuer beisammensitzen, dass sie in die Kohle beißen), in welchem sie zusammen mit anderen Enthusiasten die Isländischen Sagas am Kaminfeuer übersetzten und vortrugen. Später entwickelte sich daraus der literarische Diskussionskreis der Inklings, denen u.a. Charles Williams, Hugo Dyson und Owen Barfield angehörten.

1929

Priscilla

 

Am 18. Juni 1929 wurde Ronalds und Ediths jüngstes Kind und die einzige Tochter geboren, Priscilla Mary Anne Reuel Tolkien. Sie vertritt noch heute ihre Familie in der Öffentlichkeit und nimmt an Veranstaltungen der Tolkien Society teil. 1992 brachte sie zusammen mit ihrem ältesten Bruder John das Buch The Tolkien Family Album heraus, das viele Familienphotos und zahlreiche Anekdoten enthält.

1930

In einer Höhle unter der Erde...

Die Tolkiens zogen von Hausnummer 22 in Nummer 20 in der Northmoor Road. Hier korrigierte Tolkien gerade die Klausuren seiner Studenten, als er in den Prüfungsunterlagen eine leere Seite fand. Darauf schrieb er, ohne recht zu wissen, warum: „In a hole in the ground, there lived a Hobbit.“ Aber was bitte, war ein Hobbit? Dem musste er auf den Grund gehen. So entstand die wunderliche Geschichte über einen Hobbit namens Bilbo, der über Nacht von einer Gruppe Zwerge und einem Zauberer zum Meisterdieb ernannt wird und einen Drachen überlisten soll.

1937

The Hobbit

 

Die Abenteuergeschichte über Bilbo und den Zauberring schrieb Tolkien zunächst nur zur Unterhaltung seiner Kinder und eher durch Zufall kam es zu einer Veröffentlichung. Als The Hobbit 1937 publiziert wurde, war das Buch ein großer Erfolg und die Verleger Allen & Unwin baten Tolkien um eine Fortsetzung. Mit dieser Aufgabe vielleicht etwas überrumpelt, schrieb er schließlich von Bilbos 111. Geburtstag und sehr schnell entwickelte die Geschichte ein eigensinniges Leben.

1945

Merton Professor of English Language and Literature in Oxford

 

Während des Zweiten Weltkriegs diente Tolkien als Luftschutzwart in Oxford. Seine Heimatstadt wurde zum Glück nicht bombardiert und so war der Dienst allgemein ruhig. Sein Söhne Michael und Christopher waren als Soldaten bei der britischen Luftwaffe. 1945 wurde Tolkien zum Merton Professor of English Language and Literature gewählt.

1949

Fertigstellung eines Epos

 

Als Tolkien mit der Fortsetzung des Hobbits 1949 fertig war, hatte sich das Werk in eine gänzlich andere Richtung bewegt und es waren mehrere Jahre vergangen. Der Herr der Ringe hatte nur noch sehr wenig von der kindlichen Leichtigkeit, mit der er den Hobbit erzählt hatte und große Themen wie Freundschaft, Liebe, Krieg und Verlust standen im Mittelpunkt.

1954/55

The Lord of the Rings


1954 und 55 wurde Der Herr der Ringe veröffentlicht. Wegen der Kosten für das Papier teilten die Verleger das Buch in drei Bände. Die ersten beiden Bände, The Fellowship of the Ring und The Two Towers, erschienen 1954, der dritte Band, The Return of the King, folgte ein Jahr später.Ursprünglich war diese Aufteilung nicht vorgesehen und Tolkien war damit nicht glücklich. Vor allen Dingen fand er, der Titel des dritten Bandes würde zu viel über eine gewisse Figur verraten.

1959

Ruhestand

Fünf Jahre nach dem Erscheinen von Die Gefährten ging Tolkien in den Ruhestand. Er wurde mit etlichen Auszeichnungen geehrt. Die Tolkiens zogen in die Sandfield Road 76, Oxford. Die neu gewonnene Zeit verbrachte er damit, seine Mythologie, Das Silmarillion, zu bearbeiten und für eine Veröffentlichung vorzubereiten. Sein ewiger Perfektionismus hielt ihn jedoch davon ab, dieses Vorhaben bald abzuschließen.

1965

Ein folgenreicher Rechtsstreit


Eine illegale Kopie und der daran anschließende Rechtsstreit 1965 in den USA machten den Herrn der Ringe auch dort breitflächig bekannt. Es folgte eine Kultbewegung unter den amerikanischen Studenten, die Tolkien berühmt machte. Durch die mediale Aufmerksamkeit, die mit diesem Streit einherging, wurden auch in England und anderen Ländern immer mehr Leser auf die Bücher aufmerksam, sodass das Epos internationale Beliebtheit erlangte.

1971

Ediths Tod


1968 waren Ronald und Edith nach Poole, in der Nähe von Bournemouth, an die Südküste Englands gezogen, um dort ihren Lebensabend zu verbringen. Nach kurzer, aber schwerer Krankheit starb Edith am 29. November 1971 in Bournemouth. Auf ihren Grabstein ließ Tolkien neben ihrem bürgerlichen Namen und ihren Lebensdaten den Namen „Lúthien“ setzen. Nach Ediths Tod bezog Tolkien Räumlichkeiten in Oxford, die ihm vom Merton College zur Verfügung gestellt wurden.

1973

Tod

Im August 1973 reiste Tolkien nach Bournemouth, um Freunde zu besuchen. Nach kurzer Krankheit starb Tolkien am 2. September 1973 im Alter von 81 Jahren in Bournemouth. Auf dem Grabstein in Wolvercote bei Oxford stehen die Namen Beren und Lúthien, ein Symbol für eine den Tod überdauernde Liebe. Christopher Tolkien nahm sich des literarischen Nachlasses seines Vaters an und veröffentlichte 1977 Das Silmarillion, für Tolkien das wichtigste Werk seines Legendariums.

Ohne Tolkien keine Fantasy?

Seit einiger Zeit sorgen wir mit der Aussage „Ohne Tolkien keine Fantasy“ für viele Diskussionen. Natürlich ist der Slogan keine reine Provokation, sondern bietet vielmehr eine gute Diskussionsgrundlage. Denn natürlich stimmt die Aussage so nicht ganz – auch ohne Tolkien hätte es das Genre Fantasy gegeben, doch sicherlich hätte es ohne Mittelerde anders ausgesehen. Die Phantastik, wie wir sie heute kennen, mit Werken von J.K. Rowling, Markus Heitz oder Rollenspielen wie Dungeons & Dragons ist in vielen Teilen von Tolkiens Schöpfung inspiriert. „Ohne Tolkien keine Fantasy“ fasst allerdings die immense Bedeutung Tolkiens und Mittelerdes für die moderne Fantasy zusammen, ohne dabei Wegbereiter wie William Morris oder Lord Dunsany außer Acht zu lassen, die wiederum J.R.R. Tolkien inspirierten.

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