Kategorie: Rezensionen

"Wundern Sie sich nicht, es sieht aus wie ein Kinderbuch, ist aber keins!", sagt uns der Buchhändler, als wir ihn nach Huw Lewis-Jones' Verrückt nach Karten fragen. Wir finden es nicht auf Anhieb, hatten bei anderen kartografischen Werken gesucht, dabei ist es bei der Fantasyliteratur einsortiert, wie wir erfahren. Als wir es dann in den Händen halten, wird uns auch klar, wieso. Zumindest der Untertitel hätte uns ein Hinweis sein können: Geniale Geschichten von fantastischen Ländern.

Ein ganzes Buch über Karten?

Verrückt nach Karten ist ein ca. A4 großes, 265 Seiten starkes Hardcoverbuch, das in der Tat ein wenig an ein Kinderbuch erinnert, denn es ist sehr bunt gestaltet und zeigt auf dem Cover eine Karte, die wie eine Schatzkarte für Kinder wirkt, gezeichnet von Bill Bragg. Erschienen ist die deutsche Übersetzung im wbg THEISS Verlag. Das gesamte Buch ist aufwändig und sehr schön gestaltet. Nicht selten nimmt eine Karte die komplette Doppelseite in Anspruch und alle Beiträge werden durch großformatige Karten ergänzt. Die Skizzen, Illustrationen und historischen Karten sind qualitativ sehr hochwertig reproduziert und sehr gut leserlich. Insgesamt beinhaltet das Buch 167 Farbillustrationen. Neben biographischen Informationen zu den Autoren am Ende des Buches, findet sich auch weiterführende Literatur zum Thema, ein Zitat- und ein Bildnachweis sowie ein Register zur einfachen Suche. Im Klappentext auf der Rückseite findet sich der erste Hinweis auf den Professor. J.R.R. Tolkiens bekanntes Zitat: "Ich begann wohlweislich mit einer Karte und machte die Geschichte passend" wirkt hier wie eine Empfehlung oder wie eine Erklärung für ein Buch über phantastische Karten. Tolkien, seine Weltenschöpfung und die Karten zu Mittelerde werden uns im Buch noch häufiger begegnen.

Neben einem Prolog des Erfolgsautors Philip Pullman und einem Epilog des Buchillustrators Chris Riddell (u.a. illustrierte er Terry Pratchetts Bücher), ist das Buch in vier Teile aufgeteilt: "Täuschend echt" (2 Aufsätze), "Literarische Karten" (9 Aufsätze), "Karten erstellen" (8 Aufsätze) und "Karten lesen" (4 Aufsätze). In fast jeder Kategorie findet sich eine Karte von Tolkien zum jeweiligen Thema. Die unterschiedlichsten Beiträge zu diesem von Huw Lewis-Jones herausgegebenen Werk wurden von insgesamt 24 Autoren verfasst. Darunter finden sich auch ein Artikel von Tolkien-Experte Brian Sibley und einer von Daniel Reeve, der die Mittelerde-Karten zu den Peter Jackson Verfilmungen anfertigte.

Von der Mappa Mundi nach Mordor

Der englische Originaltitel The Writer's Map, die Karte des Schriftstellers, weist eindeutiger auf die literarische Kartographie hin, die hier bestrieben wird, als es der deutsche Titel des Buches tut. "Es geht dabei um einen Atlas der Reisen, die Schriftsteller machen", schreibt Huw Lewis-Jones. "Dieser [Atlas] umfasst nicht nur die großen und kleinen Karten, die tatsächlich in ihren Büchern erscheinen, sondern auch die Karten realer Orte, die sie inspiriert haben, und die Skizzen, die sie beim Schreiben verwenden."

Insgesamt sechs Karten zu Tolkiens Werken finden sich zwischen mittelalterlichen Karten wie der Hereford-Karte, einer Mappa Mundi aus dem 13. Jahrhundert, modernen Stadtkarten wie dem Londoner Reiseführer London A-Z, unfertigen Skizzen verschiedenster Autoren und ausgearbeiteten, veröffentlichten literarischen Karten wie etwa zu C.S. Lewis' Narnia, zur Schatzinsel von Robert Louis Stevenson oder zu den Schauplätzen von Drachenzähmen leicht gemacht von Cressida Cowell. Die Karten zu Mittelerde sind also in bester Gesellschaft und reihen sich jeweils in die unterschiedlichen inhaltlichen Teile des Buches ein, in denen sie behandelt werden. Zwei davon gehen jeweils über eine komplette Doppelseite. Die realen, historischen Karten werden dabei immer wieder mit den fiktionalen Karten verglichen, beziehungsweise die literarischen Karten in den Kontext ihrer eventuellen Vorlagen gesetzt. So wird etwa eine um 1450 angefertigte "moderne" Weltkarte von Fra Mauro einer von Stephen Briggs entworfenen Karte zu Terry Pratchetts Scheibenwelt gegenübergestellt.

Wo geht es nach Hobbingen, bitte?

Daniel Reeve beschreibt in seinem Beitrag Unerforschtes Gebiet – Der Zeichner von Mittelerde sehr eindrücklich, wie er zu Tolkien und somit auch zur Kalligraphie und Kartographie gekommen ist. Er berichtet, wie er sich, nachdem er erfahren hatte, dass die Dreharbeiten zum Herrn der Ringe in seinem Heimatland stattfinden, am Set beworben hatte: "...falls sie nicht schon 500 elbische Kalligrafen hätten, könnte ich vielleicht für sie arbeiten." Über die Elbenschrift kam es zu ersten Karten, die dann als Filmrequisiten verwendet wurden. Dabei musste auch auf die unterschiedlichen Dimensionen für die Aufnahmen geachtet werden, etwa im "Gandalf-Maßstab" oder im "Bilbo-Maßstab". Solche und weitere unterhaltsame Anekdoten machen den Text lesenswert.

Da sich Reeves Essay im Aufsatzteil "Karten erstellen" befindet, beschreibt er auch den Prozess, wie es zum Zeichnen und Herstellen einer Karte kommt. Ein bisschen schade ist, dass Reeve nicht auf die urpsrünglichen, von Tolkien und seinem Sohn Christopher gezeichneten Karten Bezug nimmt. Auch Brian Sibley geht in seinem zusammen mit Huw Lewis-Jones verfassten Beitrag nur kurz darauf ein. In einem Buch über literarische Kartographie wäre es zum Beispiel interessant, die präziseste, von Tolkien minutiös kommentierte Karte von Mittelerde zu integrieren.

Ein weiterer Artikel in dieser Kategorie des Kartenerstellens stammt etwa von Miraphora Mina und erläutert die Entstehung der Karte des Rumtreibers aus Harry Potter und der Gefangene von Azkaban. Leider wird auch hier nicht erwähnt, warum die Film-Karte in der Darstellung der Figuren auf der Karte von der Beschreibung im Buch abweicht.

Der Herausgeber, der verrückt nach Karten ist

"[Karten] sind mitreißend, voller Wunder, Möglichkeiten und Abenteuer. Dasselbe gilt für ein gutes Buch. Sie geben uns die Freiheit, an jeden anderen Ort zu fliehen, wann immer wir wollen oder müssen. Bücher wie Karten sind voller Magie." Huw Lewis-Jones ist seine Liebe zu Karten in diesem Buch anzumerken. Doch nicht nur ihm, auch die anderen 23 Autoren machen deutlich, welch wertvolle Informationen und magische Erweiterungen eine einfache Karte beinhalten kann. Jedes Essay verfolgt einen anderen Ansatz zur Interpretation und durch die Einteilung in die unterschiedlichen Kategorien zieht sich ein roter Faden durch die Sammlung. Drei der insgesamt 25 Beiträge sind vom Herausgeber verfasst (einer davon zusammen mit Brian Sibley) und Lewis-Jones beschreibt auf eine sehr persönliche Art, was ihn an Karten von klein auf fasziniert. Er ist Historiker und Ausstellungskurator und forscht zu Entdeckungsgeschichte, Literatur, Fotografie und Umwelt. Neben seiner Schrifsteller- und Herausgebertätigkeit unternimmt er zudem Expeditionen auf der ganzen Welt und arbeitet als Naturforscher.

Das Buch ist eine klare Empfehlung für alle, die ebenso wie Tolkien von Karten und fiktiven Orten fasziniert sind, aber auch für all jene, die sich dafür interessieren, wie eine Welt und dadurch auch eine Geschichte im Kopf eines Autors Gestalt annehmen. Es ist eine Liebeserklärung an die Phantasie, an den Erfindergeist von Schrifstellern und an die phantastischen Reisen, die wir Leser zu den ausgedachten Orten unternehmen können. Der Empfehlung von Huw Lewis-Jones gehen wir gerne nach, wenn er schreibt: "Verlieren Sie sich in einem guten Buch. Wir haben immer genau die Karte, die Sie brauchen."

Produktinformation

Preis: 34,00 Euro (für wbg Mitglieder 27,20 Euro)
Format: Hardcover
Seiten: 256
Herausgeber: Huw Lewis-Jones
Verlag: wbg THEISS
Sprache: deutsch
Übersetzung: Hanne Henninger
ISBN: 978-3-8062-3931-7
Blick ins Buch: www.blickinsbuch.de

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Credits

Titelbild: Ausschnitt aus Buchcover zu Verrückt nach Karten von Huw Lewis-Jones (Hg.), wbg THEISS Verlag
Bild 1: "The Land of Make Believe" von Jared Hess, 1930, wbg THEISS Verlag
Bild 2: "Terra Java" Karte aus dem Vallard Atlas von Nicholas Vallard, 1547, wbg THEISS Verlag
Bild 3: Blick ins Buch: Oxford Karte aus Lyras Oxford von Philip Pullman, 2003 und "Arctic Ocean Greenland" aus The Times Atlas of the World von John Bartholomew & Sons, 1959, wbg THEISS Verlag
Bild 4: Weltkarte aus dem Theatrum Orbis Terrarum von Abraham Ortelius, 1598, wbg THEISS Verlag
Cover: Verrückt nach Karten von Huw Lewis-Jones (Hg.), wbg THEISS Verlag

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