Kategorie: Kommentar

Nach 40 Jahren des Zusammentragens, der Forschung und der Publikationen hat J.R.R Tolkiens Sohn Christopher heute sein (wohl) letztes Werk veröffentlicht. Mit dem heutigen Erscheinen von Der Fall von Gondolin endet Christopher Tolkiens Mittelerde-Reise.

Wie schon bei Beren und Lúthien ist bereits das lange Vorwort ein wahrer Genuss. Hier greift Christopher gleich als Erstes seine Aussage aus dem von ihm letztes Jahr herausgebrachten Werk Beren und Luthien auf. Dort schrieb er, es sei „(vermutlich) mein letztes Buch“. Bereits damals rätselten wir, was es denn mit dem "vermutlich" auf sich habe. Aber jetzt liefert Christopher Tolkien die Begründung, indem er klarstellt:

Die Vermutung erwies sich jedoch als falsch, und ich muss jetzt sagen, dass in meinem vierundneunzigsten Jahr Der Fall von Gondolin (sicherlich) das letzte sein wird.

Christopher Tolkien

Im letzten Jahr hatte sich Christopher Tolkien bereits aus dem Estate zurückgezogen und gab seinen Posten in dessenn Board (Vorstand) ab.  Nun liegt sein (sicherlich) letztes Werk vor uns.

Das Ende einer Reihe

Die Veröffentlichung der letzten der drei „großen Geschichten“, die bereits aus dem Silmarillion bekannt sind, bleibt ganz auf der Linie der zwei vorherigen (Die Kinder Húrins und Beren und Lúthien). Es geht um die schriftstellerische Entstehung der Geschichte über die Jahrzehnte hinweg. Dennoch änderte Christoph Tolkien gegenüber Beren und Lúthien den Aufbau des Buches. Die Texte der verschiedenen Versionen der Geschichte kommen zuerst, ohne bzw. mit kurzen Kommentaren. Es folgt Christopher Tolkiens Beitrag zur Entwicklung der Geschichte und eine „Diskussion über den äußerst betrüblichen Abbruch der letzten Version der Geschichte an dem Punkt, als Tuor durch das letzte Tor von Gondolin schreitet“.

Auch was die Gestaltung des Werkes angeht, blieb er sich bzw. den beiden vorangegangenen Werken treu. Alle Zeichnungen und Farbtafeln sind vom Künstler Alan Lee erstellt worden. Christopher nutzt sein letztes Vorwort auch, um Alan Lee für seine Arbeit und Hingabe für die letzten drei Publikationen zu danken.

Dieses Buch gibt viele interessante Einblicke in die Entstehung der Geschichte über den Fall von Gondolin, aber auch die des Silmarillions und des Herrn der Ringe im Allgemeinen. Neben zahlreichen Verweisen auf Beren und Lúthien finden sich auch immer wieder bisher unveröffentlichte Briefschnipsel von J.R.R. Tolkien unter Christophers Kommentaren. Tolkiens Sohn geht hier und da auch auf die Probleme ein, die sein Vater mit der Verfassung des Gesamtwerks hatte. Dazu gibt er immer wieder Kommentare zu diesen eingeflochtenen Briefen.

Der Aufbau des Werks

Der Hauptteil des Werkes, die Geschichte vom Fall Gondolins, kommt in sechs Versionen daher und macht mit 173 Seiten mehr als die Hälfte des Buches aus. Den meisten Versionen geht ein kleiner einleitender Text voraus, in dem Christopher Tolkien die Eigenheiten oder Hintergründe der jeweiligen Version kommentiert.

  • „Die ursprüngliche Geschichte“ – 83 Seiten
  • „Der früheste Text“ – 3 Seiten
  • „Turlin und die Verbannten von Gondolin “ - 6 Seiten
  • „Die Geschichte in der Fassung der Skizze der Mythologie“ – 9 Seiten
  • „Die Geschichte in der Fassung der Quenta Noldorinwa“ – 8 Seiten
  • „Die letzte Fassung“ – 64 Seiten

Zum Ende des Buches gibt es ein sehr ausführliches Glossar von Begriffen rund um die Geschichte, gefolgt von weiteren ausführlichen Anmerkungen. Und schließlich sind die Stammbäume der Fürsten der Noldor und die des Hauses Beor aufgeführt.

Wer also einen Roman oder dergleichen sucht, wird hier nur halb fündig. Es handelt sich nicht, im Gegensatz zu Die Kinder Húrins, um einen von Christopher Tollkien vereinheitlichten Fließtext, sondern um eine Ansammlung der verschiedenen Versionen, wie bereits bei Beren und Lúthien. Die Geschichte vom Fall Gondolins ist in bester Silmarillion-Manier geschrieben. Das Buch ist aber viel mehr als nur diese Geschichte. Es ist ein Einblick in die Art und Weise, wie Tolkien seine Geschichte lebte und veränderte. Alles gut aufgeschlüsselt durch seinen Sohn, dazu mit reichlich Anmerkungen. Es komplettiert für mich die Geschichte auf ihre eigene Weise. Für mich ist es ein Buch, das ich nicht jedes Jahr lese, aber dennoch regelmäßig zur Hand nehmen werde, so wie schon die beiden Vorgänger Die Kinder Húrins und Beren und Lúthien.

Die Geschichte vom Fall Gondolins

Disclaimer: Wie schon erwähnt, ist die Geschichte in bester Silmarillion-Manier geschrieben, sprich: viele Namen und viel Landschaft. Das sollte aber nicht abschrecken! Man kommt auch gut durch die Geschichte, wenn man das Silmarillion nicht auswendig kennt. Für Leute, die das Silmarillion gar nicht gelesen haben, ergibt sich hier und da vielleicht sogar ein Aha-Effekt.

Beim Fall von Gondolin handelt es um die erste von J.R.R. Tolkien geschriebene Geschichte, die in Mittelerde spielt. Sie ist im Ersten Zeitalter angesiedelt. Es geht um den Menschen Tuor, der durch den Vala Ulmo zur verborgenen Stadt Gondolin geschickt wird, um deren König vor einem drohenden Untergang zu warnen. Es wird beschrieben, wie Tour seine Aufgabe erhält und er nach Gondolin kommt. Der König Turgon will seine Stadt aber nicht verlassen und so bleibt Tuor in der weißen Stadt. Mit der Zeit verliebt er sich in Idril Celebrindal, die Tochter Turgons, die seine Liebe erwidert. Aus ihrer Beziehung entspringt das zweite Geschlecht der so genannten Halbelben. Nach einem Verrat (hierzu gibt es unterschiedliche Versionen, wer es genau war) wird die Stadt von den Armeen Melkors zerstört. Tuor, Idril, ihr Sohn Eärendil und einige wenige Überlebende fliehen daraufhin durch einen Tunnel. Turgon stirbt in seiner geliebten Stadt, ebenso der Verräter und viele der Tapfersten aus den zwölf Elbensippen Gondolins. Am Ende seines Lebens erbaut Tuor das Schiff Earráme (‚Meeresschwinge‘), das ihn und Idril Celebrindal gen Westen trägt. Seitdem wurde er nie wieder in Mittelerde gesehen.

Die Übersetzung

Wie schon die zwei „Hauptwerke“ zuvor ist auch dieses Buch von Helmut W. Pesch übersetzt worden. Dies sind aber nicht die einzigen Werke, die Pesch mit Mittelerde in Verbindung bringen. So übersetzte er bereits Der Weg nach Mittelerde, Wie J.R.R. Tolkien „Der Herr der Ringe“ schuf und brachte eigene Werke zum Thema Elbisch auf den Markt.

Im Vorwort zitiert Christopher Tolkien das im Stabreim geschriebene Gedicht Die Flucht der Noldoli aus Valinor. Ein Gedicht, das nach 150 Zeilen von Tolkien abgebrochen wurde. Hier hat Klett-Cotta linksseitig die englische Originalversion abgedruckt und auf der gegenüberliegenden Seite ist die deutsche Übersetzung zu finden.

Das war es

Schließen möchte ich meine Rezension mit einem Zitat aus dem Vorwort:

Wenn ich auf meine Arbeit zurückblicke, die nun nach etwa vierzig Jahren abgeschlossen ist, glaube ich, dass mein eigentliches Ziel zumindest teilweise darin bestand, dem Wesen des Silmarillion und seiner fundamentalen Bedeutung in Bezug auf den Herrn der Ringe mehr Gewicht zu verleihen – und es eher als das Erste Zeitalter der Welt meines Vaters zu betrachten, die Mittelerde und Valinor umfasst.

Christopher Tolkien

Das hat er geschafft und dafür sage ich: Danke!

Produktinformation - Hardcover

Preis: 22 Euro
Seiten:  320
Herausgeber: Christopher Tolkien
Autor: J.R.R. Tolkien
Übersetzer: Helmut W. Pesch
Verlag:  Klett-Cotta
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3608963786

Produktinformation- Hardcover

Preis: 20 brit. Pfund
Seiten:  304
Herausgeber: Christopher Tolkien
Autor: J.R.R. Tolkien
Verlag:  HarperCollins Publishers Ltd
Sprache: Englisch
ISBN: 978-0008302757

Produktinformation Deluxe

Preis: ~75 brit. Pfund
Seiten:  304
Herausgeber: Christopher Tolkien
Autor: J.R.R. Tolkien
Verlag:  HarperCollins Publishers Ltd
Sprache: Englisch
ISBN: 978-0008302764

Credits

Christopher Tolkien - Credit François Deladerrière - © The Tolkien Estate Limited 2016

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