John Hendrix veröffentlichte 2024 die Graphic Novel The Mythmakers. The remarkable Fellowship of C.S. Lewis & J.R.R. Tolkien im Verlag Abrams Fanfare. Sie gibt einen Einblick in das Leben und die besondere Freundschaft der beiden Schriftsteller.
Das rezensierte Buch ist das englischsprachige Original. Es gibt seit Juli 2026 aber auch eine deutsche Übersetzung im Verlag Knesebeck.
Handlung
„Wizard“ und „Mr. Lion“ laden uns Leser*innen auf ein Abenteuer ein. Sie sind sowohl Erzähler als auch Begleiter auf dieser Reise durch das Leben von Tolkien und Lewis, deren Freundschaft und die Entstehung ihrer bedeutendsten literarischen Werke.
Die Geschichte beginnt mit Tolkiens Kindheit und Jugend in Südafrika und Birmingham. Nach dem Tod der Eltern kümmert sich der katholische Priester Francis Morgan um Tolkien und seinen Bruder. Wir lernen seine Jugendliebe Edith kennen, die er mit 21 Jahren endlich heiraten darf, und auch seine erste literarische Freundesgruppe, die „T.C.B.S.“ (the Tea Club, Barrovian Society).
Lewis’ Kindheit ist geprägt von seinem paradiesischen Zuhause am Stadtrand von Belfast, aber auch von den damaligen Konflikten zwischen England und Irland. Nach dem frühen Tod der Mutter kommt Lewis in ein Internat in Hertfordshire, England – eine harte Zeit für ihn. Im Gegensatz zu Tolkien, für den der katholische Glaube eine wichtige Rolle spielt, wendet sich Lewis immer mehr vom Glauben ab. Ebenso wie Tolkien erhält er ein Stipendium für die Universität in Oxford. Doch noch bevor sich die beiden kennenlernen können, bricht der Erste Weltkrieg aus.
Das zweite Kapitel widmet sich dem Ersten Weltkrieg. Tolkien und Lewis durchleben beide die Schrecken des Krieges und verlieren darin gute Freunde. Tolkien erkrankt schwer am Grabenfieber. Lewis wird in einem Gefecht verletzt und evakuiert. Beide müssen nicht mehr zurück an die Front.
Nach Kriegsende fällt ganz Europa in eine Depression, viele Menschen sehnen sich nach einer Flucht aus der Realität. Diesen ernüchternden Lebensabschnitt skizziert Hendrix im dritten Kapitel. In dieser Zeit schreibt Tolkien unter anderem The Fall of Gondolin – die spätere Basis des Silmarillion. Lewis’ erstes Buch Spirits in Bondage ist eine Sammlung aus Gedichten über Sinnsuche und Zweifel. Im Mai 1926 lernen sich Tolkien und Lewis in Oxford kennen.
Das vierte Kapitel erzählt von Tolkiens und Lewis’ aufblühender Freundschaft, die sich über die Jahre immer weiter festigt. Ein großes Augenmerk liegt auf der Glaubenskrise. Er findet sich neben Tolkien in einem Freundeskreis aus gläubigen Akademikern wieder und zweifelt nun an seinem Atheismus. Die Gespräche zwischen der Freundesgruppe kehren immer wieder zu den Themen Religion und Mythen zurück und prägen die beiden in ihrem Verständnis von Geschichten.
Mit den sich neu gefundenen „Inklings“ sind Tolkien und Lewis in Gesellschaft Gleichgesinnter. Das fünfte Kapitel behandelt die Freundschaft und Entwicklung der Gruppe. Tolkiens erstes Buch The Hobbit nimmt Gestalt an und wird ein voller Erfolg.
Im sechsten Kapitel beschreibt Hendrix die Einflüsse des Zweiten Weltkriegs auf Tolkien und Lewis und die Entwicklung ihrer Freundschaft. Charles Williams stößt in dieser Zeit zu den Inklings, und die besondere Verbindung zwischen ihm und Lewis veränderte die Dynamik zwischen Lewis und Tolkien. Nach und nach entfernten sie sich voneinander. Während Lewis zahlreiche Bücher veröffentlicht und seine Bekanntheit wächst, hat Tolkien Schwierigkeiten mit der Fortsetzung seiner Geschichte. Wie Tolkien und Lewis entwickeln sich auch die Inklings immer weiter auseinander, bis die Gruppe schließlich zerfällt.
Das letzte Kapitel behandelt die weitestgehend getrennten Wege der beiden. Lewis heiratet die amerikanische Schriftstellerin Helen Joy Davidman, ohne seine Freunde zu informieren. Tolkiens The Lord of the Rings erlangt internationalen Erfolg.
Illustration und Stil
Hendrix visualisiert Tolkiens und Lewis’ Leben detailreich und atmosphärisch. Alle Illustrationen sind handgezeichnet, dafür nutzt er verschiedene analoge und digitale Stifte und Werkzeuge. Das gesamte Buch ist in einer ruhigen und warmen Farbpalette aus Lila, Blau, Gelb und Dunkelgrau gehalten.
Texte und Bilder wechseln sich harmonisch ab; Leser*innen können durch die liebevollen Illustrationen in die einzelnen Momente eintauchen. Der „scribble-artige“ Zeichenstil macht die Bilder lebendig, Schraffuren und unterschiedlich texturierte Flächen geben den Illustrationen eine besondere Tiefe. Hendrix visualisiert aber nicht nur einzelne Szenen, sondern transportiert auch Gefühle über die Bilder. Das macht die Geschichte vielschichtig und emotional. Eine Prise Charme und Humor bringen die Figuren „Wizard“ und „Mr. Lion“ (und weitere Nebencharaktere) in die Geschichte.
Die Texte lesen sich sehr angenehm, auch die Dialoge fühlen sich natürlich und authentisch an. Am Ende des Buches findet sich ein kleines Glossar für verwendete Ausdrücke, die einen kulturellen Hintergrund haben. Diese sind für Menschen, die nicht in UK aufgewachsen sind und diesen Kontext vielleicht nicht kennen, kurz erklärt.
Der Erzählrhythmus ist ruhig, aber genügend abwechslungsreich für einen guten Lesefluss. In einigen Passagen vergeht die Zeit zügig, wichtige Momente bekommen aber genug Zeit und werden ausführlicher erzählt. Ein besonderes Element sind die Portale, die interessante, weiterführende Informationen bereithalten. Leser*innen können während der Geschichte selbst entscheiden, ob sie über Seitenverweise zum jeweiligen Portal am Buchende hin- und dann wieder zurückreisen möchten.
Beim Lesen fällt auf, dass das Thema Glaube und Religion eine besondere Rolle in dem Buch spielt. John Hendrix schreibt selbst, dass Lewis und Tolkien ihn sowohl als Künstler als auch als Christ stark beeinflusst haben. Da Glaube aber tatsächlich ein wichtiger Teil im Leben Tolkiens und Lewis’ war, fühlt sich die Herausstellung in diesem Zusammenhang stimmig an.
Fazit und Empfehlung
The Mythmakers ist eine wunderschön gestaltete Graphic Novel und eine liebevoll erzählte Geschichte. Die visuelle Darstellung passt wunderbar zu Handlung und Atmosphäre.
Wer sich für J.R.R. Tolkien und C.S. Lewis interessiert, wird bestimmt Freude daran haben. Es ist eine gelungene, runde Mischung aus realen (mit Quellen belegten) und fiktiven Dialogen und Handlungen.
Besonders berührend fand ich Tolkiens und Lewis’ Leidenschaft für Geschichten und Literatur und wie bedeutend und inspirierend Freundschaft und Gemeinschaft sein können.
Credits:
Titelfoto: Tobias M. Eckrich








