9 Essentielle Fragen an die Klemmbaustein Nerds von Mittelerde aus Basel

BrickWerk Basel

Eine zwölf Quadratmeter große Nachbildung von Mittelerde aus Klemmsteinen des Vereins BrickWerk Basel zeigt die Reise der Gefährten mit über einer Million Steinen und nach zwei Jahren Arbeit. Zu den Höhepunkten zählen Moria mit dem Balrog, die hoch aufragende Festung Isengart, die Belagerung von Helms Klamm und Mordor mit dem Schicksalsberg und Barad-dûr. Die Ausstellung ist derzeit auf Wanderschaft und wird an verschiedenen Orten zu sehen sein.

Das Interview wurde mit Peony Schütz, der Urheberin des Projekts und Gründerin des Vereins BrickWerk Basel, von Lukas Ritzel am 13. Mai 2025 geführt.

1. Tolkien schrieb einst, Mythen und Legenden bestünden aus Wahrheit – nicht aus Tatsachen. Wie haltet Ihr beim Bauen mit den berühmten Klemmbausteinen die Balance zwischen mythologischer Tiefe und den physischen Begrenzungen der Steine? Setzt Ihr eher auf symbolische Darstellung oder visuelle Realität?
Wir haben nicht strikt nach dem Buch gebaut, sondern uns vor allem an den sechs Peter-Jackson-Filmen orientiert. Für mich persönlich war dabei zum Beispiel die Osgiliath-Szene besonders wichtig – eine Szene, die im Film eher klein gehalten wird, in der aber Frodo beinahe den Ring an den Hexenkönig übergibt, völlig hoffnungslos. Und dann Sam, der sagt: „Es gibt noch Hoffnung.“ Diese Szene ist so berührend, sie ist für mich ganz tief „Tolkien“, und genau darum wollte ich sie mit einbauen. Es geht um wahre Freundschaft, um innere Kämpfe – das wollte ich mit Steinen greifbar machen.
Peony Schütz
Gründerin des Vereins BrickWerk Basel

2. Habt ihr bewusst narrative Schichten eingebaut – etwa Echos von Beleriand in den Ruinen Gondors oder Númenórische Symmetrien in der Architektur? Oder folgt das Projekt mehr einer optischen als einer thematischen Treue?

Die Szenen folgen den Filmen – begonnen haben wir mit der Goldenen Halle, dann kam die Weiße Stadt. Ich hatte am Anfang keinen festen Plan, und heute kann man unser Konstrukt aus jeder Richtung begehen. Jede Szene erzählt ihre eigene Geschichte, doch es gibt keine feste Reihenfolge. Zentrale Figuren tauchen an mehreren Stellen auf. Später haben wir als Team Bereiche aufgeteilt: Mordor, Númenor, Bruchtal... Nach dem Bau haben wir dann stets abgeglichen, ob das so auch durch Tolkien (im Buch-Original) gestützt ist. Natürlich konnten wir nicht alles maßstabgetreu (nach Tolkien) umsetzen – etwa die Höhe der Berge oder die sieben Ringmauern von Minas Tirith, das hätte die Dimensionen gesprengt.
Peony Schütz
Gründerin des Vereins BrickWerk Basel

3. Tolkien sprach vom ‚sekundären Glauben‘ – dem vollständigen Eintauchen in eine erfundene Welt. Wie erzeugt Ihr dieses Gefühl mit Klemmbausteinen? Und gab es Besucher*innen, die emotional oder gar spirituell auf Eure Welt reagierten, kannst Du da ein, zwei Beispiele mit uns teilen?

Oh ja. Es gab Menschen, die stundenlang davor standen, völlig versunken, fast ungläubig, dass so etwas überhaupt gebaut wurde. Manche hatten Tränen in den Augen. Es gab Menschen, die Tolkien vorher nicht kannten und sich jetzt die Bücher oder Filme besorgen wollen. Kinder wollen plötzlich den Hobbit lesen. Viele sagten: „Das sieht so lebendig aus – ich kann eintauchen.“ Wir wollen künftig auch animierte Objekte einbauen, zum Beispiel ein Schiff. Licht haben wir jetzt schon viel drin – in Moria, in Gandalfs Stab, beim Balrog... alles leuchtet.
Peony Schütz
Gründerin des Vereins BrickWerk Basel

4. Die Geografie Mittelerdes ist nicht nur Kulisse – sie ist moralisch und metaphysisch aufgeladen. Wie habt Ihr den Übergang zwischen Gegenden wie Lothlórien und Mordor in Farbe, Textur und Materialspannung dargestellt?

Farben haben wir im Team vorher besprochen, aber natürlich waren wir limitiert durch das, was die Bausteinwelt überhaupt hergibt. Tolkien wollte, dass Landschaften bedeutend sind. Darum haben wir die besten Steine für die Natur genutzt, die frischesten Farben, besonders bei Bäumen. Weiß gibt es in der Natur nur auf Bergspitzen, ansonsten dominieren Grautöne – das ganze Werk hat eine eher graue Grundfarbe, dies wird vor allem durch die Berge bestimmt. Für Bruchtal haben wir vier verschiedene Grüntöne verwendet. Die Flüsse sind farblich gemischt, fast impressionistisch. Aber auch die Kosten spielten bei der Wahl der Farben eine Rolle – Dunkelgrün ist teurer als Rot, aus mir unerklärlichen Gründen.
Peony Schütz
Gründerin des Vereins BrickWerk Basel

5. Habt Ihr geheime Referenzen für wahre Tolkien-Kenner versteckt? Gibt es etwa die verborgenen Stufen von Cirith Ungol oder das Grab Elendils am Amon Anwar zu entdecken? Also so was wie „Easter Eggs“?

Oh ja, es gibt so ein Easter Egg, eine klassische Filmszene – aber die hat nichts mit LOTR zu tun. Dann gibt es aber auch Verstecktes: Da ist zum Beispiel die komplett eingerichtete Goldene Halle – man kann sie aber nicht einsehen, das Dach ist geschlossen. In Bruchtal steht auch sehr im Geheimen ein kleines Bett – das referenziert die Szene, in der Frodo aus seinem Koma erwacht und Gandalf bei ihm sitzt. In der Spinnenhöhle gibt es Geheimgänge, die man nur erahnen kann. Überall sind Details verborgen – wer Tolkien gut kennt, wird sie finden. Und das bereichert die Erfahrung, man wird selbst zu einem der Gefährten. In Fangorn haben wir Ents, Huorns und normale Bäume – die ersten beiden mit individuell gestalteten Gesichtern. Und ja, wir haben auch weniger bekannte Szenen dabei wie Isildur, der Sauron den Ring abschlägt – eigentlich ein symbolischer Anfang unserer Reise durch Mittelerde.
Peony Schütz
Gründerin des Vereins BrickWerk Basel

6. Tolkien mochte keine Allegorien, und doch ist seine Welt tief symbolisch. Welcher Eurer Klemmbaustein-Orte trägt für Euch die meiste subtextuelle Bedeutung – jenseits des Sichtbaren?

Moria ist visuell beeindruckend geworden – es löst bei vielen Besucher*innen einen echten Wow-Effekt aus. Doch darüber hinaus spiegelt die Klemmbaustein-Welt auch tiefe und emotionale Themen wider, wie die Freundschaft, etwa in der Szene, in der Frodo Sam wegschicken will. Wir haben auch reguläre Sets mit eingebaut, aber immer erweitert: das neue Hobbithaus, das riesige Bruchtal-Set mit eigener Schmiede und einem zusätzlichen Wasserfall. Sarumans Turm ist ebenfalls drin. Das älteste Set ist das Piratenschiff aus der Herr-der-Ringe-Reihe von vor etwa 20 Jahren – das wurde auch integriert.»
Peony Schütz
Gründerin des Vereins BrickWerk Basel

7. Wie habt Ihr den Klang der Ainulindalë räumlich umgesetzt? Gibt es in Eurem Aufbau Stellen, die Harmonie und Dissonanz der Schöpfungsgeschichte widerspiegeln?

Es gibt klare Gegensätze: die helle, freundliche, grün leuchtende Welt und die düstere, graue, brennende Welt Saurons. Dazwischen existieren Figuren wie Saruman – weiß und unschuldig gekleidet, aber mit bösem Blick, in einem schwarzen Turm. Diese Ambivalenz sollte sichtbar werden – die Dissonanz in der Schöpfung, der gefallene Maia, mitten in der Ordnung.
Peony Schütz
Gründerin des Vereins BrickWerk Basel

8. Hat Euch das Bauen etwas Neues über Tolkiens Welt gelehrt, das Ihr allein durch das Lesen nie erkannt hättet?

Ja, auf jeden Fall. Man merkt erst beim Bauen, wie unfassbar groß und komplex Tolkiens Welt ist. Wir konnten nicht alles darstellen. Manche Besucher*innen vermissen bestimmte Szenen – aber man muss sich fokussieren. Für mich war klar: lieber Tiefe als Breite. Es sollte das Mittelerde sein, das ich mir als Kind beim ersten Lesen des Hobbits vorgestellt habe. Wir haben aber alles im Team diskutiert – die Türme waren ein großes Thema. Wie groß muss Minas Morgul sein? Wie steht es im Verhältnis zu Orthanc und Barad-dûr? Wir haben reale Vergleiche gezogen wie den Eiffelturm oder den Burj Al Arab in Dubai, um ein Gefühl für die Proportionen zu bekommen.
Peony Schütz
Gründerin des Vereins BrickWerk Basel

9. Tolkien sagte: „Die Geschichte wuchs beim Erzählen.“ Ist Eure Klemmbaustein-Version von Mittelerde über Eure ursprüngliche Vision hinausgewachsen – hat sie vielleicht ein Eigenleben entwickelt? Und wenn ja: Was hat Euch dabei selbst am meisten überrascht?

Lego hat 2015 mit den großen Herr-der-Ringe-Sets aufgehört – das war der Anfang meines Traums. Ich begann mit der Goldenen Halle. Und dann wollte ich mehr – baute die Weiße Stadt. Irgendwann brauchte auch ich Gefährten, und so wurde es ein Teamprojekt und schlussendlich zum heute existierenden Verein. Um das Ganze mobil zu machen, bauten wir ebenfalls spezielle Holzkisten, wo die einzelnen Segmente reinpassen. Heute suchen wir nach einer festen Ausstellung, weil zwölf Quadratmeter schwer zu transportieren sind. Die Versicherung ist teuer, bei jeder Ausstellung fehlt etwas oder geht kaputt. Wir haben klein angefangen, aber jetzt ist es riesig. Und ehrlich gesagt: Wir sind keine Geschäftsleute, wir sind Fans. Tolkien-Fans. Klemmbaustein-Fans. Und wir wollten einfach beides vereinen – und etwas Großartiges erschaffen. Ich denke, das ist uns gelungen.
Peony Schütz
Gründerin des Vereins BrickWerk Basel

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Credits:

Fotos: BrickWerk Basel 

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