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Events > Archiv > Lustrum 2001 | Index Archiv | Index Events
Eine Tolkien Odyssee
Daß man nicht nur in Deutschland Tolkien feste zu feiern versteht, bewies das diesjährige "Lustrum" der niederländischen Tolkien Gesellschaft 'Unquendor'. Für die DTG war Christian Weichmann vor Ort - hier sein Bericht

Vom 8. bis 10. Juni besuchte ich das 4. Lustrum Festival der Niederländischen Tolkiengesellschaft Unquendor, d. h. ich feierte mit ihnen das 20-jährige Bestehen ihrer Gesellschaft. Diese Veranstaltung fand in Den Briel (oder wie man heute schreibt Brielle) statt, der ersten Stadt, die die niederländischen Rebellen (Geuzen) von den Spaniern befreit hatten (1572)
Das Festival stand unter dem wohlverdienten Motto '2001 - Eine Tolkien Odyssee' und um mich darauf einzustimmen, begann ich meine Reise in kolumbianischer Tradition indem ich, wo ich doch nach Nord-Westen wollte, erst einmal nach Süd-Osten aufbrach. Doch ein wohlkalkulierter Bogen brachte mich schließlich dann doch noch nach Brielle. Die Stadt irritierte mich zunächst etwas. Denn sie war als gut erhaltene mittelalterliche Festungsstadt beschrieben und das Quartier in einem Hotel namens Bastion gebucht. Aber als ich ankam, sah ich zunächst nur das sehr zweckmäßige und moderne Hotel (siehe Bild) und eine ebenso moderne Vorstadt dahinter. Von der (tatsächlich vorhandenen) alten Stadt war nur der mächtige Turm der Katharinenkirche zu erblicken
Die langsam eintrudelnden internationalen Gäste wurden von den Niederländern freundlich begrüßt und mit Namensschildern, Programmen, Getränkewertmarken und allen nötigen Informationen versorgt. Dann wurde das Festival offiziell eröffnet und die Gäste zum Platz vor dem Restaurant 'De Hoofdwacht' im Gebäude der alten Hauptwache, in dem der Hauptteil des Programms stattfinden sollte, gebracht. Denn an diesem Platz befindet sich auch die Touristeninformation, an der eine Stadtführung der besonderen Art durch ein Unquendor-Mitglied begann.

Das Restaurant 'De Hoofdwacht' in und vor dem ein Großteil des Programms stattfand. Hier am Samstag mit dem Tolkienmarkt davor

Und der oberste Raum, wo das Programm stattfand. Ebenfalls am Samstag, nach dem Bankett, wohl gefüllt mit wohlgefüllten Tolkienfans
Die Stadtführung wurde kurz in der Stadtbibliothek unterbrochen, wo eine Tolkien-Ausstellung aufgebaut war, die aus den Tolkien-Büchern der Bibliothek, einigen Artikeln aus René van Rossenbergs Tolkienwinkel (teilweise mit Preisen) und einigen Bildern bestand. Die Bilder stammten einerseits von dem Ukrainer Sergei Iukhimov (sehr bunte pseudomittelalterliche Bilder. Die 'Höhepunkte' waren für mich der Meisterdieb Beutlin, als er den Becher stiehlt, mit Zylinder und Verbrecheraugenmaske und Yavanna als Maria (oder umgekehrt)) und Leen Zuydgeest (im Vergleich dazu sehr unauffällige schwarz-weiße Bilder)
Der Rest des Nachmittags stand zur freien Verfügung und wurde allgemein genutzt, um ein bißchen vor der Hoofdwacht in der Sonne zu sitzen, etwas zu trinken und mit anderen zu reden und anschließend etwas Essen zu gehen.
Das Abendprogramm bestand aus einer losen Folge von Programmpunkten, die alle in 'De Hoofdwacht' stattfanden und in allgemeines Trinken und Reden eingebettet waren. Es begann mit einem interessanten Vortrag über Tolkien in Südafrika. Speziell was es heute noch für Spuren gibt, wie an Tolkien erinnert wird und über die Gründung der südafrikanischen Tolkien-Gesellschaft Haradrim
Anschließend folgte ein Quiz von Irene van de Veeke (im Bild stehend (rechts) mit den Preisen (links)), das allerdings ein klein wenig zu einfach für die Kandidaten war, so daß zwischendrin neue Fragen improvisiert werden mußten (die sich dann nicht nur um Tolkien, sondern auch um '2001 -Odyssee im Weltall' und Alkoholika drehten)
Den Abschluß des Programms (und meines Tages) bildete der - fleißigen Thing-Besuchern schon bekannte - Vortrag René van Rossenbergs über Tolkiens Besuch in Rotterdam 1958.
Der Samstag begann vor dem Hotel mit der Mitteilung, daß über Nacht die Spanier Den Briel wiedererobert hätten, und wir uns durch ein Nebentor einschleichen müßten. Also begaben wir uns unter ortskundiger Führung zu einem anderen Stadttor, als jenem, das am direkten Weg vom Hotel zum Tagungsort lag. Doch auch dort standen spanische Wachen, die uns nicht passieren lassen wollten. Doch zum Glück lagerten auf der anderen Seite des Stadtgrabens einige Geuzen, die am Abend zuvor aus der Stadt geworfen worden waren und die gerne bereit waren uns zu helfen. Diese besiegten die Spanier in einem kurzen aber heftigen Kampf (Bild unten) und verschafftten uns so Zugang zur Stadt, wofür ihnen mit einem Lied gedankt wurde
Der Rest des Tages verlief dann wieder friedlich. Auf dem Platz vor der Hauptwache war der Tolkienwinkel als Tolkienmarkt aufgebaut, wo man so manchen Gulden loswerden konnte, wenn man wollte. Außerdem gab es einige Tische für Tolkienspiele im Restaurant. Aber das Hauptprogramm spielte sich ganz oben ab und bestand aus vier Vorträgen und einer Podiumsdiskussion. Dies wurde nur durch das Mittagessen und die vorhergehende Frage, welche Suppe man dazu haben wolle, unterbrochen. Dabei endete das Essen entgegen der allgemeinen Erwartung schon nach der vorher bestellten Suppe
Die Vorträge begannen mit einem sicher sehr interessant zu lesenden Vortrag über den 'Schatten des Todes' in Tolkiens Werk von Michaël Devaux, dessen Verständlichkeit allerdings unter einigen Störungen, der etwas zu großen Länge und der Tatsache, daß er von einem Franzosen in Englisch gehalten wurde, litt. Anschließend kam ein deutlich leichterer aber ebenfalls sehr interessanter Vortrag über Tolkienübersetzungen und -rezeption in Russland von Mark Hooker
Nach der Mittagspause ging es mit Marjorie Burns weiter, die über 'Brücken, Türen und Tore im Herrn der Ringe und im Hobbit' und ihre verschiedene Bedeutung und ihre Beziehungen zur nordischen oder keltischen Mythologie vortrug. Leider war dieser Vortrag sehr gekürzt, denn einige interessante Punkte blieben doch unausgeführt. Den letzten Beitrag lieferte Ben Koolen, der über Ardalogie vortrug, also Studien darüber, wie Mittelerde als Welt funktionieren könnte, nur von dem ausgehend, was im Herr der Ringe, im Hobbit und im Silmarillion steht

Das Podium der Konferenz: v.l.n.r.: Prof. Marjorie Burns, Prof. Michaël Devaux, Dr. Mark Hooker und Dr. Ben Koolen. Sowie der Moderator Dr. Ron Pirson (unten)
Zum Abschluß diskutierten die Vortragenden noch unter der Leitung von Ron Pirson, der auch schon die Vorträge anmoderiert hatte, miteinander und mit dem Publikum
Am Abend fand das Bankett statt, das wie alle erwartet hatten mit einer Suppe begann (nach guter holländisch Tolkienscher Tradition mit 'Maggot-Soup') und zur allgemeinen Erleichterung nicht damit endete. Nebenbei wurde die Geschichte von 'Sir Gawain und dem grünen Ritter' von Pat Reynolds erzählt, was man sich nie entgehen lassen sollte, wenn man die Gelegenheit hat, es zu hören. Außerdem gab es natürlich einige Toasts und Ansprachen, sowie viele Glückwünsche und einige Geschenke für Unquendor
Um Mitternacht verlagerte sich das Fest dann auf die Room Parties im Hotel und die Nacht wurde entsprechend kurz
Der Sonntag brachte noch eine Auktion mit gebrauchten Tolkienialia (im weitesten Sinne, das heißt, alles was mal einem Tolkien Fan gehörte, inklusive Star-Wars-Figuren) auf dem Platz vor der Hauptwache bei schönem Sonnenschein. Dabei gelang es René van Rossenberg (auf dem Bild mit verschollenen Geschichten) immer wieder erstaunliche Summen aus den Taschen seiner Opfer zu ziehen, allerdings diesmal für anderer Leute Kassen
Schließlich folgte ein Konzert der Gruppe Anois (auf dem Bild ist nur ein Teil der Mitglieder zu sehen), die früher keltische Volksmusik machte und nun hauptsächlich ihre eigenen Vertonungen von Tolkiengedichten in diesem Stil spielt. Mir hat die Musik (trotz einiger technischer Probleme) gefallen, wenn ich auch nicht immer fand, daß sie immer ganz zum Thema paßte
Den Abschluß sollte ein 'Scheunentanz' bilden, den Peter Buchs von den Eredain (Schweizer Tolkiengesellschaft) vorbereitet hatte, allerdings verzögerte sich dieser so lange, daß ich vor dem Beginn aufbrach zurückzukehren
Kaum war die Veranstaltung zu Ende, begann es zu regnen, so wie ich auch schon auf dem Hinweg durch den Regen gefahren bin, um dann zwei Tage schönes Wetter zu haben
Insgesamt kann ich nur sagen: Schön war es, lustig war es, interessant war es, international war es (Niederländer, Briten, Amerikaner, Schweden, Dänen, Schweizer, Belgier, Franzosen und ein Deutscher waren dort, wenn ich keinen übersehen habe) und in fünf Jahren gibt es wieder eine Gelegenheit, dann zum Thema '50 Jahre Herr der Ringe in Übersetzung' (denn die Niederländische von 1956 war die erste)
Christian Weichmann (Maksâtan)

[Unquendor, mit Bildern vom Lustrum]

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