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Die neue Übersetzung
Radiointerview: WDR 5. Wolfgang Krege und Hans-Jörg Modelmayr
Das gesamte Interview als RTF Dokument zum Download: Kreges Worte

Interview als MP3 (1,9 MB; 24 K Qualität)
Interview als MP3 (3,8 MB; 32 K Qualität)

Interview des Westdeutschen Rundfunks mit Wolfgang Krege und Hans-Jörg Modelmayr
Gesendet am 10.12.2001 im Rahmen des Kulturmagazins "Scala" im Hörfunkprogramm WDR 5 (Länge des Gesamtbeitrags: 16:20 Minuten)
Die Wortbeiträge werden möglichst genau wiedergegeben; lediglich Verhaspler und Ähs wurden zum Zwecke der besseren Lesbarkeit eliminiert. Ergänzungen des Transkribenten wurden in [eckige Klammern] gesetzt.
WDR Tja, kurz vor Weihnachten kommt der Film Der Herr der Ringe in die Kinos, und ich muß gestehen: ich bin sehr gespannt darauf. Und obwohl ich mich sehr darauf freue und Fantasy-Filme liebe, habe ich doch oft die Erfahrung gemacht, daß die Bücher, die Filmen zugrundeliegen oft besser sind als die Filme. Das war bei Harry Potter so, das war bei der Unendlichen Geschichte so, und das war sogar bei Im Namen der Rose [sic!] so, trotz Sean Connery - weil, jeder hat natürlich andere Bilder vor Augen beim Lesen, und ganz besonders bei einem Buch wie dem Herrn der Ringe. Und deshalb geht es heute bei uns - wenige Tage vor dem Filmstart - um das Buch bzw. die Bücher. Und bei mir im Studio sind jetzt zwei absolute Ringe- und Tolkien-Kenner: der Anglist Hans-Jörg Modelmayr, der Tolkiens Werk schon seit 1964 kennt und großer Fan ist, und Wolfgang Krege, der den Herrn der Ringe neu übersetzt hat. Diese Neuübersetzung ist im vorigen Jahr erschienen, Herr Krege. Wie kam es dazu, zu dieser Neuübersetzung?
Krege Ich hatte schon einige andere Bücher von Tolkien übersetzt, darunter zwei sehr eng mit dem Herrn der Ringe zusammenhängende, nämlich das Silmarillion und den Hobbit. Man muß wissen, daß das zwei sehr verschiedene Bücher sind: Das Silmarillion, ganz in archaisierendem Stil gehalten, die Nacherzählung alter Heldenlieder; und der Hobbit, ganz in moderner Konversationsprosa gehalten. Diese beiden Dinge mußte man im Herrn der Ringe dann zusammenbringen. Und nachdem ich die beide übersetzt hatte, ergab es sich, daß ich dann die Neuübersetzung des Herrn der Ringe anvertraut bekam.
WDR Die Originale sind ja in den 30er bzw. 40er Jahren geschrieben worden von Tolkien. War das schwierig, die zu übersetzen? War das ein anderes Englisch, als es heute zum Beispiel gesprochen und geschrieben wird?
Krege Vor allem das Silmarillion ist in einem Englisch [verfaßt], das heute nirgends mehr gesprochen und geschrieben [wird], einem sehr stark archaischen Englisch, das auch von der englischen Kritik, die ganz auf ihre moderne Spra[che], auf die Modernität ihrer Sprache stolz ist, fürchterlich beschimpft wurde. Der Hobbit dagegen ist in ganz normalem modernen Englisch geschrieben. Und im Herrn der Ringe stoßen diese beiden Dinge aufeinander. Man kann daraus als Übersetzer die Konsequenz ziehen, eine mittlere Linie zwischen beiden zu befolgen. Dann bekommt man so eine gleichmäßige, etwas patinierte Sprache - nicht geradezu altertümlich, aber auch nicht so ganz modern -, die sich dann mit wenig Variationen durch das ganze Buch hindurchzieht. Oder man kann im Gegenteil den Kontrast zwischen beiden besonders stark herausarbeiten. Denn das ist ein Buch, in dem eine Gegenwart - die Gegenwart dieser erfundenen Welt von Mittelerde - mit einer vielschichtig übereinandergelagerten Vergangenheit zusammenstößt. Das muß sich in verschiedenen... das kann sich in verschiedenen Sprachformen und in Sprachen verschiedener Epochenstile ausdrücken.
WDR Ich sagte eben, das Buch ist im Jahr 2000 erschienen. Natürlich gibt es den Herrn der Ringe auf Deutsch schon länger. Das ist in den 60er Jahren schon mal übersetzt worden, und wahrscheinlich ist das die Version, die die meisten auch im Regal noch haben, die das vor zehn, zwanzig Jahren gelesen haben. Das hat damals eine Übersetzerin übersetzt. Wieso ist es jetzt nochmal übersetzt worden? Wieso war das notwendig?
Krege Ich muß gestehen, daß ich auch das Buch zuerst in der alten Übersetzung gelesen habe, und diese alte...
WDR Vor dem Original?
Krege Bevor ich das Original gelesen habe. Ich habe erst sehr viel später, als ich an den anderen Büchern Tolkiens arbeitete, das Original gelesen. Dabei fiel mir dann doch auf, daß man das Buch anders lesen kann. Ich war auch von der alten Übersetzung zunächst begeistert, und ich verstehe die Leute, die das drei, vier Mal gelesen haben, für die das jetzt sowas wie die Bibel ist, und an der man kein Wort ändern darf - darum bin ich kräftig beschimpft worden von den Tolkien-Lesern. Aber wie gesagt, man muß... Wenn man ins Original schaut, merkt man, daß da andere Möglichkeiten drin sind, als sie in der damaligen Übersetzung wiedergegeben waren. Und da diese Kritik öfter laut wurde - auch in Deutschland -, hatte sich der Verlag entschlossen, auch den Herrn der Ringe neu übersetzen zu lassen, den letzten... Daß ich das machen würde, war schon vorher einigermaßen klar, weil ich die anderen Dinge gemacht hatte, aber dann kam... als ich den Hobbit übersetzt hatte, kam eine Reihe von geradezu hymnischen Rezensionen - eine davon in der Frankfurter Rundschau -, und das hat den letzten Anstoß gegeben, daß ich dann auch den Herrn der Ringe übersetzen durfte.
WDR Auf die Kritik gehen wir gleich nochmal näher ein, die es dazu gegeben hat. Ich denke, wir hören uns jetzt mal einen Ausschnitt an aus dieser neuen Übersetzung.
[Hier folgt die Rezitation folgender Textstelle: "Am nächsten Vormittag ... würde dann ihn besitzen." (Neue HdR-Übersetzung, grüne Ausgabe, Bd.I, S.70f.)]
WDR Ein Ausschnitt aus dem Buch Der Herr der Ringe. Hans-Jörg Modelmayr, Sie haben in England studiert, haben Tolkien auch persönlich kennengelernt in Oxford, wo er Professor war, und Sie haben schon 1964 sein Werk kennengelernt. Wie war das gerade, als Sie das gehört haben? War das anders als das, was Sie damals kennengelernt haben?
Modelmayr Ja, es ist ganz anders als die erste Übersetzung, die mich unheimlich geärgert hat, weil ich nur das Original kannte und es nicht nur einmal, sondern zehnmal gelesen habe. Und alle Leute, die in Cambridge damals auf zwei Beinen durch die Uni liefen, lasen das. Und die Musik, die Vielschichtigkeit wurde ja schon angeschnitten, diese verschiedenen Sprachebenen, dieses wunderbar große komplexe Werk hat mir im Deutschen in der ersten Übersetzung weh getan. Und ich war einer von denen, die den Klett-Verlag ständig genervt haben. Und als dann endlich der Hobbit erschien, der...
WDR Also haben wir es unter anderem Ihnen zu verdanken, daß es eine neue Übersetzung...
Modelmayr Ja, es kam ein Anruf: Herr Krege hat jetzt den Auftrag bekommen. Und das fand ich wunderbar, denn er hat den Hobbit sooo schön übersetzt; der liest sich, als hätte Tolkien das auf Deutsch geschrieben. Und das passiert selten, daß Sie als Leser, der das Original kennt, nicht an die Übersetzung denken, sondern genauso gerne das Buch lesen, so begeistert, nachts weniger schlafen, um weiterzukommen. Und das ist ihm auch mit dem Herrn der Ringe gelungen. Und deshalb bin ich jetzt sehr, sehr froh, daß die deutschen Leser nicht mehr eine teilweise verstaubte Sprache sich antun müssen, wie das bei der ersten Übersetzung leider der Fall war.
WDR Woran liegt das denn? Können Sie da mal ein Beispiel nennen für den Unterschied zwischen der ersten und der zweiten?
Modelmayr Ja, es hat einen ganz tiefen Grund, und zwar den: wir hatten so eine Sprache nicht. Durch das Dritte Reich ist das Mythische durch die Pervertierung des Mythischen, des Germanischen so diskriminiert, so beschädigt worden, daß diese arme Übersetzerin praktisch gar nicht wußte, wo sie anfangen soll. Und sie fällt ab und zu in einen Zungenschlag, der natürlich nicht faschistisch ist, aber der so obertönig irgendwie kritische Leute an alten Kram erinnerte, der natürlich schrecklich ... [unverständliches Wort] ist.
WDR So ein bißchen tümelnd, nicht?
Modelmayr Tümelnd, sehr tümelnd. Aber nicht... das ist also bestimmt nicht jemand, die so kryptofaschistisch da den Tolkien an Land zog. Der Tolkien hat im Krieg selber in einem Dokument gesagt: Dieser verdammte Mistkerl von Adolf Hitler hat die germanischen Sagen ein für allemal versaut. Und das tat ihm im Herzen weh, denn diese Mythen sind, ob die aus Indien stammen oder aus irgendeiner anderen Kultur, einfach Allgemeingut. Sie spiegeln menschliche Erfahrung, die uns heute noch bewegt. Und warum lesen so viele junge Leute jetzt wieder den Herrn der Ringe, gottseidank?
WDR Warum?
Modelmayr Ja, weil es allgemein alle berührt. Sie wollen sich konfrontieren lassen von den auch schlimmen Seiten des Lebens. Sie wollen überleben. Und in diesem Buch werden praktisch die Machtstrukturen zum Teil sichtbar gemacht. Die Kinder sind der Tyrannei von Institutionen nicht mehr so hilflos ausgeliefert, wenn sie Potter und Tolkien lesen.
WDR Harry Potter, [da] können wir vielleicht ganz kurz drauf eingehen. Der Potter-Erfinderin Joanne K. Rowling wird ja vorgeworfen, daß sie überall geklaut habe, unter anderem auch beim Herrn der Ringe. Stimmt das?
Modelmayr Das ist an sich Unsinn, würde ich sagen. Der Tolkien hat das neue Genre der Fantasy in der Art erfunden. Natürlich gibt es noch die Romantik, Märchen und alles mögliche - nur er hat diese Fantasy-Gattung erfunden und hat einen ganz großen Maßstab, einen hohen Maßstab gesetzt. Und sie schafft es, in diesem neuen Genre was neues, wunderbares zu schaffen. Und da ist überhaupt nichts geklaut: sie hat ihre eigene Stimme, ihre eigene Farbe, ihre Charaktere. Aber es ist ähnlich komplex. Es zielt erstmal auf jüngere Leser in den ersten Büchern, aber sie schafft es, diese Konflikte nicht zu verniedlichen. Sie werden den Kindern eröffnet, sozusagen. Und es wird gezeigt, wie fellowship, Freundschaft... wie man als ganz kleiner, schwacher Mensch doch Überlebenschancen hat - aber nicht als Held.
WDR Und sie hat es natürlich auch geschafft, eine ganz konsequente Gegenwelt zu entwerfen zur Realität. Das hat Tolkien auch gemacht, und er hat das ja auch sehr konsequent gemacht: In den Büchern sind Landkarten drin von Mittelerde und den Ländern, wo das spielt, und es gibt - habe ich sogar gesehen - am Ende einen Anhang, wo die ganzen Elbennamen nochmal erklärt sind. Herr Krege, wie sind Sie denn mit sowas umgegangen? Da wird ja auch geschrieben, wie die Namen ausgesprochen werden müssen und so weiter.
Krege Ich mußte mich natürlich tief hineinarbeiten und unter anderem das Elbische studieren, das ja von Tolkien als eine Sprache teil[weise] - nicht ganz konsequent, und nicht ganz durchgängig - festgelegt worden ist. Ich darf aber nochmal auf diesen Vergleich mit der Fantasy eingehen. Als Klett-Cotta das Buch machte, nachdem es mehrere andere Verlage in Deutschland abgelehnt hatten, da dachte man überhaupt nicht an Fantasy, sondern das stand im Zusammenhang der Beschäftigung mit den Mythentheorien von Eliade, Ernst Jünger, Pannwitz, Kerényi. Und das wurde aufgefaßt als ein großes - und das ist es meines Erachtens auch - ein großes mythopoetisches Werk. Und diese Mythologie kann man nicht zu allgemein jetzt über alle Teile ausdehnen - es ist schon die altgermanische Mythologie. Darum war Tolkien so betroffen: weil der Nationalsozialismus ihm das gewissermaßen diskreditiert hatte, woran sein Herz hing. Er wollte eine Synthese, glaube ich, schaffen aus moderner Literatur und der Anknüpfung an eine in der Moderne ganz diskreditierte und eigentlich verlorengegangene Tradition der altgermanischen und altenglischen Literatur.
Modelmayr ...und der keltischen.
Krege Die keltische am Rande auch, aber das war nicht so sein Thema.
WDR Kommen wir nochmal auf die Kritik zu sprechen, die Sie eben schon erwähnt haben. Es gibt ja offenbar Leute wie Sie, Herr Modelmayr, die sagen: Gottseidank, es gibt eine neue Übersetzung, weil die alte, die war so tümelnd, und die war schrecklich. Aber es gibt natürlich auch viele Fans, die die alte Übersetzung kennen, und die sagen: Nee, also die neue, die gefällt mir nicht, weil die ist ganz anders. Wie kommt das denn? Also, was sagen Sie zu dieser Kritik, Herr Krege?
Krege Also, ich kann es verstehen. Die haben das dreimal in der alten Fassung gelesen und haben nicht das englische gelesen, nicht, und die denken, das ist ein heiliger Text jetzt, und da darf man nichts mehr dran ändern.
Modelmayr Also, das will ich jetzt nicht verallgemeinern: Aber dazwischen gibt es so sektenartige Verhaltensmuster. Was sie ja schon sagen: das Heilige Buch. Das widerspricht total dem Verständnis von Tolkien, der mit diesem ganzen Tümeln, auch in den Vereinigten Staaten, als da dieser Rummel anfing, überhaupt nichts zu tun haben wollte; der entsetzt war, was da an den Campusen gemacht wurde mit seinen Texten. Also, dieser ganze Schnickschnack, dieser Rummel, das war ihm zuwider. Und er hat es auch nie als was anderes aufgefaßt als eine möglichst wahrhaftige, konkrete Darstellung von sehr komplexen Bezügen.
WDR Also, Sie sagen, es lohnt sich auch für die, die das alte Buch kennen, auf jeden Fall, die neue Übersetzung nochmal zu lesen.
Modelmayr Unbedingt. Ja, sie kommt dem Tolkien viel näher.
WDR Und wir hören uns zum Schluß nochmal einen Ausschnitt daraus an.
[Hier folgt die Rezitation folgender Textstelle: "Auf einem Seitenweg ... Frodo antwortete nicht." (Neue HdR-Übersetzung, grüne Ausgabe, Bd.I, S.467f.)]
WDR Nochmal ein Ausschnitt aus dem Buch Der Herr der Ringe, das vom Übersetzer Wolfgang Krege neu übersetzt wurde. Mit ihm und dem Anglisten und Tolkien-Kenner Hans-Jörg Modelmayr habe ich über den alten und den neuen Herrn der Ringe gesprochen. [...]
 

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