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| George Clark & Daniel Timmons (Eds.) |
| J.R.R. Tolkien and his literary resonances (Views of Middle-Earth) |  |
| Wie Timmons im Vorwort zu diesem Sammelband erwähnt, fand die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Tolkiens Werken bisher kaum in Buchform statt. Abgesehen von der großartigen Sammlung von Essays, die die "Proceedings of the J.R.R.Tolkien Centenary Conference" darstellt, findet sich im ansonsten breiten Veröffentlichungsspektrum der Literaturwissenschaft wenig Erhellendes zu LotR, Hobbit, Silm etc. Dies wollen die Autoren der hier versammelten Aufsätze ändern - und, um es vorwegzunehmen, es gelingt ihnen. |
| Ein fast gleichzeitig erschienener Geschwisterband (Tolkien´s Legendarium; V.Flieger & C.F.Hofstetter 2000 - Besprechung folgt demnächst) setzt sich eingehend mit der History of Middle-Earth auseinander, während Timmons das Ziel dieses Buches folgendermaßen formuliert: "...to address (and redress) the gaps in Tolkien scholarship, and especially to put Tolkien´s works in their proper contexts and explore some of the springs that nurtured his vast imagination" (Introduction, S. 5). Die Mehrzahl der hier versammelten Artikel widmet sich deswegen auch Verbindungslinien, die zwischen literarischen Werken, bzw. Autoren verschiedenster Epochen und Tolkien gezogen werden können: Sir Gawain, Beowulf und nordische Sagen - Milton, Chaucer und Sidney - C.S. Lewis und H. Rider Haggard. Während all diese Aufsätze interessante Aspekte aufweisen, die ich teilweise noch ansprechen werde - sind es die Beiträge, die sich primär mit Tolkiens Werk beschäftigen, die dem Sammelband seine Höhepunkte geben: Verlyn Fliegers Beschäftigung mit Tolkiens frühem Öko-Aktivismus, W.A.Seniors Untersuchung zum "Verlust" als Zentralthema und, vor allem, Tom Shippeys hervorragende Beschreibung von Tolkiens "images of evil" und ihrer Verankerung in zentralen Bereichen des Lebens im 20. Jahrhundert. Um alle diese Essays genau vorzustellen, bräuchte ich wohl einen Flammifer für mich - deswegen also nur kleine Appetithappen zu jedem. |
| C.W.Sullivan III. sieht Tolkien in der Tradition der Sprache und Literatur der Völker, mit denen er sich als Wissenschaftler beschäftigt hat - sozusagen als Bewahrer mündlicher Erzählungen in schriftlicher Form. So finden sich einige typische erzählerische Techniken bei Tolkien, die auch die Sagas Nordeuropas aufweisen. Der nächste Beitrag, von Jonathan Evans, ist eine sozusagen drakologische Betrachtung Mittelerdes. Er kommt zu dem Schluß, das Tolkien mit der Vielzahl verschiedener Drachen und ihrer Bedeutung für die Erzählung die "realen" Legenden und Märchen Europas nachzeichnet - und so unter anderem den magischen Hintergrund seiner Subcreation begründet. Als Suche nach einem neuen Heldenbild versteht George Clark den "Hobbit" und "LotR". In der Abkehr vom traditionellen Helden der germanischen Welt sieht er schon Bilbo als unfreiwilligen "Anti"helden - der Inbegriff dieser neuen Form aber ist für Clark Sam (!), der wahre Held des 3. Zeitalters. Geoffrey Russom widmet sich danach Tolkiens Verskunst und seinem gekonnten Gebrauch unterschiedlicher alter Versmaße. Der Einfluß von Sir Gawain auf Tolkiens Bücher ist das Thema des nächsten Essays. Roger C. Schlobin will dabei keinen direkten inhaltlichen Einfluß postulieren, wohl aber einen durch den Ton und die Thematik des mittelalterlichen Werkes - vor allem in den Tugenden der Hauptfiguren (wie Verantwortungsbewusstsein, Mitleid oder Freundschaft) finden sich solche Verbindungen, die mehr als Gewalt und Tod die Handlung bestimmen. |
| Faszinierend, gleichzeitig aber wohl auch zum Widerspruch anregend, ist der Aufsatz von Charles Nelson. Seiner Meinung nach hat Tolkien, ähnlich der mittelalterlichen Literatur, die sieben Todsünden als Charakterzüge der verschiedenen Rassen in Mittelerde verwendet. Da gibt es die Habgier der Zwerge, den Stolz der Menschen oder den Neid der Elben (der zur Gleichgültigkeit anderen gegenüber führen kann), aber auch die Trägheit der Ents und die "Völlerei" der Hobbits. All diese Sünden fänden sich in Mittelderde, immer aber auch Vertreter der jeweiligen Rassen, die sich über sie hinwegsetzen können. Voll und ganz ergeben sind dagegen die Orks ihrem Zorn und Grima Schlangenzunge seiner Lüsternheit. |
| Der nächste Teil des Bandes widmet sich stärker literarischen Verwandtschaften. Bei Tanya Caroline Wood geht es um Sir Philip Sidney´s "Defense of Poesy" (und "On Fairy Stories), bei Debbie Sly um Ähnlichkeiten zu Milton´s "Paradise Lost" und der Kraft der Dunkelheit als zentralem Thema, und William N. Rogers II & Michael R. Underwood untersuchen Verknüpfungen mit H. Rider Haggard´s Werken, die Tolkien auch selbst als Einflüsse nannte. Speziell die degenerierte Beraterin Gagool in "King Solomon´s Mines" sehen sie als möglichen Vorläufer von Gollum. David Sandner schließlich widmet sich der immer wieder höchst interessanten Beziehung zu C.S.Lewis und der unterschiedlichen Ausgestaltung ihrer jeweiligen Sekundärwelt. Mit einem Blick auf die verschiedenen Arten von Allegorie (und hierbei natürlich auch auf Tolkiens kritische Meinung hierzu) ebnet Sandner den Weg zum dritten Teil des Bandes, der nun fest im 20. Jahrhundert wurzelt. |
| Verlyn Flieger sieht in Tolkiens Wunsch nach einem Stop des Raubbaus an der Natur eine frühe Form des Öko-Aktivismus, die sich auch stark im LotR niederschlägt. Vor allem die Befreiung des Auenlandes und den Kampf der Ents gegen die Vernichter der Natur hebt sie hervor - in beiden Fällen nehmen Bäume, wie in Tolkiens Leben, eine zentrale Rolle ein. Doch sie hinterfragt auch den deutlichen Fokus auf die Taten der "Bösen" und widmet sich der zivilisationsbedingten Vernichtung der Natur (z.B. im Alten Wald) oder auch dem "kultivierten" Wald (Lorien) als Gegensatz zum (wilden) Fangorn. Fraglich, ob dieser Widerspruch in Mittelerde oder in einem paradiesischen Land jenseits der Realität aufgelöst werden kann. Man wird das Gefühl nicht los, dass Tolkien an diesem Punkt auch keine Lösung gefunden hat. |
| Mit Faye Ringel´s Essay über Frauen, die Fantasy schreiben, schweift der Band noch einmal kurz von Tolkien´s zentralen Themen ab und verweist auf neue Tendenzen des Genres. Obwohl sie in seiner Tradition schreiben, sind die vorgestellten Autorinnen meist nicht mit Tolkien´s Darstellung von sozialen Strukturen und, vor allem, Frauen einverstanden. Sie setzen dem ihre eigenen Vorstellungen entgegen und geben so ihrer Fantasy eine Tiefe, die in vielen LotR-Plagiaten komplett fehlt. |
| Nun aber zu den beiden m.E. besten Beiträgen des Bandes. W.A. Senior beschäftigt sich mit "Verlust" (loss) als Zentralthema in allen Werken Tolkien´s. Geprägt von den eigenen Kriegserfahrungen webt er eine nicht enden wollende Kette von Verlust und Tod in seine Geschichten. Allein die Konzentration auf LotR kann erklären, dass viele Kritiker gerade in dieser Beziehung Tolkien falsch einschätzen und ihm das zu positive Ende seiner Geschichte vorwerfen. Senior hält dieses Thema für einen zentralen Aspekt, der Tolkien von den meisten seiner "Nachfolger" abhebt. |
| Der Beitrag von Tom Shippey zu "Darstellungen des Bösen" in Mittelerde gibt dieser Sammlung ihren krönenden Abschluß, der gleichzeitig wissenschaftlich fundiert ist, bestens unterhält und auch noch zu weiteren Diskussionen Anlaß gibt. Tolkien´s "Böses" entspringt seiner Meinung nach dem 20. Jahrhundert, reflektiert dessen zentrale Themen und ist weitaus vielschichtiger als der immer gleiche schwarz/weiß-Vorwurf seiner Kritiker vermuten lässt. So zeichnet er ein Bild der Orks, das nicht einfach das Gute der anderen Rassen ins Gegenteil verkehrt, sondern in dem durchaus z.B. Moral und Kameradschaft ihren Platz haben können. In gewisser Weise sind sie, so Shippey, modernen Menschen nicht unähnlich, wenn sie ihr eigenes Verhalten nicht an den durchaus vorhandenen moralischen Werten orientieren können. Es folgt eine etymologische Abhandlung über das Wort "wraith" (Ringwraiths -Ringgeister), die Shippeys linguistische Brillianz anklingen lässt. Darauf aufbauend widmet er sich der (physischen) Existenz der Ringgeister und dem fahlen Schimmer des Guten, der ihnen vor langer Zeit inne gewohnt haben mag, jedoch für immer pervertiert wurde. Und wieder zieht Shippey die Verbindungslinie zum alltäglichen Grauen des Lebens (Verzweiflung, Langeweile, Bürokratie). Zuletzt geht er noch auf die Grabunholde der Hügelgräberhöhen ein, deren Herkunft schwer zu erklären ist. Sind es die böse gewordenen Geister der Begrabenen oder fremde Mächte, die den Triumpf über die Dunedain erneut genießen wollen. Shippey kann die Frage nicht beantworten - er sieht sie, wie die anderen Darstellungen des Bösen bei Tolkien, aber auch bei Orwell oder Golding, als sehr geeignet an, das alltägliche Grauen der modernen Welt in literarischer Form zu präsentieren. |
| Doch nicht nur Shippeys Beitrag ist, wie hoffentlich deutlich geworden ist, absolut lesenswert. Als wissenschaftlicher Beitrag zum Studium von Tolkien´s Werk kann ich diesen Sammelband nur empfehlen. Womit wir aber auch zu dem Problem des Buches kommen: dem Preis! Wie bei den meisten wissenschaftlichen Büchern (die sich in der Regel nur an Bibliotheken und Freaks verkaufen lassen und deswegen eine Miniauflage haben) liegt dieser deutlich über der generellen Schmerzschwelle von DM 100,-- (für ganze 200 Seiten plus Bibliographie). Bei amazon.de gibt es ihn immerhin schon für ca. DM 137,-- (versandkostenfrei - juchhe) - zum Vergleich: bei amazon.co.uk kommt man dagegen mit Porto auf über DM 160,--, bei amazon.com auch noch auf fast DM 150,--.
Allein wer in einer Universitätsstadt wohnt, sollte doch mal nachsehen, ob nicht die entsprechende Bibliothek das Buch hat - oder es per Fernleihe besorgen kann. Meine Recherchen haben 10 Fundorte in Deutschland ergeben - die meisten davon, wie sollte es anders sein, in Bayern. Aber trotzdem viel Glück bei der Suche.
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| Rezensent Alex Reimann |
| ISBN 0-313-30345-4 Preis 55$ |
| Herausgeber Greenwood Press. Erscheinungsdatum 2000 |
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