Pages Navigation Menu

Literatur. Fantasy. Fandom.

Rezension: Die Philosophie bei „Der Hobbit“

Letztes Jahr erschien The Hobbit and Philosophy von Gregory Bassham und Eric Bronson im Amerikanischen, Anfang diesen Jahres ist nun die Übersetzung vom DTG-Gründungsvorsitzenden Marcel Aubron-Bülles im Wiley Verlag als Die Philosophie bei „Der Hobbit“ erschienen.

Bereits die Einleitung ist eine lebhafte Einladung, gespickt mit Hobbit-Metaphern, den Autoren in die Welt Mittelerdes und dem dort zu findenden philosophischen Gedankenguts zu folgen. Das Buch verfolgt den Ansatz, Populärkultur als Anreiz zu nutzen, um den „Lesern die Ideen der großen Philosophen näherzubringen“ (S. 13). Es geht auch gleich philosophisch los, mit Platons Höhlengleichnis, das natürlich, ganz abgesehen von der Höhlenparallele, hervorragend auf einen Bildungs- und Reiseroman wie den Hobbit passt. Das Buch besteht aus 17 Kapiteln, die von ebenso vielen unterschiedlichen Autoren verfasst wurden. Dementsprechend sind sie auch von unterschiedlicher Qualität, Tiefe und Genauigkeit. Im Folgenden gehe ich kurz auf einige davon ein.

Etwas befremdet hat mich im ersten Kapitel „Der abenteuerlustige Hobbit“ von Bassham ein Zitat von Lance Armstrong zum Thema „Bilbo und die Tugenden“ (S. 23). Auch wenn Armstrong möglicherweise zur Zeit der Erstauflage des Buches seine Titel noch nicht aberkannt bekommen hatte, ist die Wahl eines des Dopings verdächtigten Sportlers in Verbindung mit den Tugenden jedenfalls fragwürdig. Es geht im Anschluss um die Tugend der Disziplin, um das harte Training eines Sportlers. Etwas später im Kapitel verquickt Bassham Sekundär- und Realwelt, indem er davon spricht, dass Bilbo Seneca zitiert hätte, bevor der Philosoph überhaupt gelebt habe (S. 26). Auch die Wahl des Endzitats von Theodore Roosevelt über Sieg und Niederlage (S. 27f), dem Bilbo laut dem Autor ganz zustimmen würde, erscheint nicht ganz gelungen, da Tolkiens Helden nie mit der Prämisse des Sieges ins Abenteuer oder in die Schlacht zogen.

Das zweite Kapitel von Michael Brannigan beschäftigt sich mit dem Hobbit und Taoismus. Das Tao bietet sehr gute Ansätze, Tolkiens Werke tiefer zu ergründen, man sollte es allerdings nicht bis ins letzte Detail durchexerzieren. Branningan schreibt z.B., dass Smaugs Gier der Natur des Tao widerspricht und er deshalb nicht eins mit seiner Natur sein kann (S. 33). Aber liegt es nicht in der Natur eines (westlichen) Drachens, sich raffgierig zu verhalten?

Besonders gelungen, da es für mich viele neue Denkanstöße enthielt, finde ich das Kapitel von Bronson über das Wandern im Wandel der Zeit und über Inspiration. Ein weiteres Highlight ist Dennis Knepps Kapitel über Bilbo als Kosmopolit, in dem die Relevanz der Texte und der dahinterstehenden Philosophie besonders deutlich wird. So bietet der Autor, z.B. auf S. 62 zum Thema Pluralismus nicht nur Beispiele aus der Welt Mittelerdes, sondern bringt sie in Bezug zu eigenen Erlebnissen in der realen Welt. Anna Minore und Bassham spannen im Kapitel über Habgier auch einen Bogen zur aktuellen Wirtschaftskrise. Amy Kinds Kapitel über das Paradoxon der Fiktion, die Philosophie der Rezeption fiktiver Texte und der Emotion die sie auslösen können, ist eines der tiefgründigsten des Buches und geht erfrischender Weise über die rein inhaltliche Ebene hinaus. Tom Grimwood schafft es, die Hermeneutik anhand der Rätselszene verständlich zu erklären. Interessanterweise fehlt Tolkiens eigene Aussage zum Thema Autorenintention (über Allegorie und Anwendbarkeit in der Einleitung zum Herrn der Ringe).

Einen unerwartet langen Ausflug in die Stochastik – die für Bilbos Entscheidungen (und alle Alltagsentscheidungen, in denen es nicht um Zeit oder Geld geht) allerdings keinerlei Nutzen bringt – gewährt Grant Sterling im Kapitel über Vorhersehung und freier Wille. Laura Garcias Kapitel „Stolz und Demut in Der Hobbit“ bietet einen etwas tieferen Einstieg in die philosophischen Hintergründe, so etwa Aristoteles Tugendethik, die man in manch anderem Kapitel etwas vermisst. Dafür fehlt im Kapitel über Kunst und Ästhetik von Philip Tallon jedweder Hinweis zum Arts & Crafts Movement, welches Tolkien augenscheinlich beeinflusste. Joe Kraus zeichnet Bilbo zunächst wunderbar als Parodie des gescheiterten romantischen Dichters in Bruchtal (S. 239) in „Ein Lied über Unschuld und Erfahrung“, später behauptet er allerdings über den Hobbit und den Ring: „Die Macht, zu sehen, ohne gesehen zu werden […] befreit ihn und ermöglicht es ihm, Gnade zu zeigen“ (S. 244f) – eine Aussage, die ich stark bezweifle, denn die Gnade liegt sicher in Bilbos Natur, nicht in der Macht des Rings.

Phil-hob_LANGInsgesamt scheint der Hobbit für manche Themenkomplexe nicht ganz so ergiebig zu sein, da immer wieder Beispiele aus dem Herrn der Ringe (das passende Philosophie-Buch dazu ist bereits 2003 von den selben Herausgebern veröffentlicht worden) herangezogen werden. Besonders auffällig ist das im, ansonsten sehr gelungenen, Kapitel über das Spielen von David L. O’Hara. Während die Beispiele, hier sogar aus dem Silmarillion, die Thematik natürlich wunderbar vertiefen, wird ein reiner Leser des Hobbits, oder gar ein Kinogänger, sicher nicht ganz mitkommen, wenn von Ilúvatars und Aulës Schöpfungen die Rede ist (S. 142). Auch finden sich einige Hobbit-Zitate, vor allem die Charakterisierung der Hobbits zu Beginn des Werks, in fast allen Kapiteln wieder. Durch den Aufbau als Artikelsammlung, lassen sich Wiederholungen natürlich nicht vermeiden, aber einiges hätte sich kürzer ausfallen, bzw. zusammengefasst werden, können. Alles in allem bietet das Buch aber auf jeden Fall einen spannenden Einstieg in die Welt der Philosophie.

 

Noch eine kurze Bemerkung zur Übersetzung: Aubron-Bülles macht seinen Job (fast) perfekt. Nur eine Anmerkung am Ende des Buches (zur S. 54), in der es um die Aussprache von Arkansaw geht, macht auf Deutsch wenig Sinn.

 

Rezensionsexemplar: Bassham, Gregory, Eric Bronson (Hg.). Die Philosophie bei „Der Hobbit“: Mit Bilbo, Gandalf und Thorin auf abenteuerlicher Suche. Weinheim: Wiley-VCH, 2013.

 

Marie- Noëlle Biemer studierte Anglistik, Russistik und BWL an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und Business Studies an der University of Bradford, UK. Sie arbeitet als Redakteurin bei einer englischsprachigen Fachzeitschrift in Frankfurt. Zu ihrem Lieblingsthema William Morris und dessen Einfluss auf J.R.R. Tolkien hat sie bereits zwei Artikel veröffentlicht. Als Pressesprecherin der Deutschen Tolkien Gesellschaft kümmert sie sich um Presseanfragen, –mitteilungen und die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins. Sie ist außerdem Redakteurin der DTG Website.

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>