Pages Navigation Menu

Literatur. Fantasy. Fandom.

„Der Hobbit: Eine unerwartete Reise“ – Kino der Brüche

Wie soll ich nur anfangen, mit meiner Rezension? Gleich nach dem Film bin ich ab zur Weihnachtsfeier meines eigentlichen Arbeitgebers und die Kollegen haben mich natürlich gleich nach meinen Eindrücken befragt. Es fing mit einem Schulterzucken an. Ja, schon, aber, irgendwie … Nach einem drei-Gänge Menü, einigen Gläsern besten Rotweins (sicher aus Dorwinion) und wunderbaren Gesprächen zu völlig anderen Themen bin ich immer noch nicht schlauer, wie ich den „Hobbit“ nun beschreiben soll.

Ich fang mal ganz weit vorne an, im Herbst 2011. Damals fand mein persönliches umfangreicheres letztes Update vor der Premiere statt, nämlich bei der Ring*Con, als ich die ersten beiden Produktionsvideos und einen Vortrag von DTG-Mitglied Stefan Servos zum Thema sah. Und den allerersten Trailer habe ich mir angeschaut. Seitdem nur noch Bilder im Kleinformat samt Überschriften, die sich durch den Konsum von Inhalt auf sozialen Netzwerken nicht vermeiden lassen. Von den ersten Rezensionen kannte ich auch nur die Überschriften. Der Spiegel titelte „Ganz großes Kino“ – was ich so nach dem heutigen Eindrücken nicht ganz unterschreiben kann. Auf jeden Fall ging ich heute als relativ unbedarfter Zuschauer auf Reisen in Peter Jacksons neuster Vision von Mittelerde, dank der freundlichen Einladung von Warner Brothers.

Im Spannungsverhältnis der Adressaten

Eine der größten Herausforderungen des Films ist sicher die Umsetzung einer Vorlage, die klar und deutlich als Kinderbuch angelegt ist, vor allem nachdem die Stimmung im Vorgängerwerk „Der Herr der Ringe“ meist sehr ernst und düster ist. Als Vorbereitung auf die Premiere, habe ich angefangen den Hobbit noch einmal zu lesen. Ich bin noch nicht ganz durch (die Zwerge sind gerade von Thranduil aufgegriffen worden), aber das reicht ja auch erst mal, denn der Film kommt nur bis zur ersten Rettung durch die Adler. Ich kann mich daran erinnern, dass meine erste Lektüre des Hobbits ein wenig enttäuschend war. Sie kam gleich nach dem Herrn der Ringe, zu Teenager-Zeiten, als ich einfach nur mehr von der sagenhaften Welt Mittelerdes erfahren wollte. Damals erschien mir das Buch irgendwie zu kindlich. Heute schaue ich mit anderen Augen auf den Text. Im Hobbit steckt viel mehr als auf den ersten flüchtigen Blick ersichtlich, vor allem eben viele Verweise auf die größere Mythologie Mittelerdes. Trotz des lustig daherkommenden Schreibstils, in dem der Erzähler den Leser oft direkt anspricht, mit an die Hand nimmt, sozusagen, geht es um fundamental wichtige und ernste Themen wie Mitleid, Vorherbestimmung, Gier und Freundschaft, um nur einige zu nennen. Tolkien schafft den Spagat zwischen Kinderbuch und Themen, die auch erwachsene Leser ansprechen. Wie sieht das nun bei Peter Jackson aus?

Sprunghaft, fällt mir dazu ein. Die Schenkelklopfer und lauten Lacher sind definitiv vorhanden, auch wenn einige Situationen und Charaktere für meinen Geschmack ein bisschen zu albern daherkommen. Radagast mit seinen Rhosgobel-Rennkaninchen ist so ein sehr gewöhnungsbedürftiges Beispiel. Aber der Film ist eben nicht FSK 6, sondern 12, und so können wir uns in der nächsten Szene gleich auf altgewohntes Gemetzel einstellen. Der ein oder andere nachdenkliche Moment des Innehaltens wird ebenfalls geboten. Und wer glaubt, singende Orks (übrigens sehr gelungen!) wären keine Option – wird enttäuscht. Für mich fügt sich das nicht wirklich zu einem harmonischen Ganzen zusammen. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb –ist der Film sehr unterhaltsam und weist keine Längen auf.

Der „Hobbit“-Look: Sind Zwerge die eitleren Elben?

2011 stand Stefan Servos mit einer Axt im Kopf auf der Bühne in Bonn und erklärte dem Saal Details zu den Charakteren der Zwerge. Die ersten Bilder waren erschienen und zeigten Thorin & Co. in ihrer ganzen Herrlichkeit, samt aufwendig geflochtener Bärte und Haare. Naja, hoffte ich, vielleicht haben die sich nur zum Foto-Shooting so aufgemotzt. Einem Elben traut man das natürlich zu, morgens extra früher aufzustehen und sich noch schnell die Haare zu flechten. Aber einem Zwerg? Bei Jackson tragen die Zwerge auch während der Reise ihre aufwendigen Frisuren – leider wird nie gezeigt, wer wem da morgens die Haare arrangiert …

Vom Look des Films war ich insgesamt eher enttäuscht. Die große Einstiegsszene, in der Bilbo in einer Rückblende von der Eroberung des Einsamen Bergs erzählt, ist so offensichtlich CGI, dass man sich wie in einem, zugegebenermaßen aufwendig designten, PC-Spiel oder aber in einem Pixar Animationsfilm fühlt. Insgesamt sind die Farben sehr grell und so sieht selbst das eher naturbelassene Auenland alles andere als naturalistisch aus. Auch die Massenszenen sind nicht wirklich gelungen. Vielleicht liegt es an der 3D-Technik, aber für mich wirkten die mittlerweile 10 Jahre alten Spezialeffekte im „Herrn der Ringe“ realistischer.

Jackson zeigt auch in diesem Film, dass es durchaus anders geht. Der animierte Gollum hat eindeutig eine Oscar-Nominierung verdient, ob nun als Nebendarsteller oder in der Kategorie Spezialeffekte. Der Rätselwettstreit mit Bilbo gehört auf jeden Fall zu den Highlights des Films, da der Hobbit nicht nur gegen Gollum antritt, sondern natürlich auch gegen dessen Alter Ego Sméagol. Das Gespräch der „drei“ ist herrlich, vor allem wenn Sméagol am liebsten selbst auf die von Gollum gestellte Frage antworten möchte. Ein weiteres solches Gesprächshighlight ist übrigens Bilbos „Guten Morgen!“ an Gandalf zu Beginn der Geschichte. Die spitzfindige Szene Tolkiens wird von Martin Freeman und Ian McKellen fantastisch umgesetzt.

Von neuen Leitmotiven und Schwerpunkten

Heimat, oder eher gesagt, der Verlust der Heimat, ist ein zentrales Motiv in Peter Jacksons „Hobbit“. Indem er Thorin in der anfänglichen Rückblende nach Erebor zur Zeit des Drachenangriffs versetzt, er somit beim Verlust seines Heims direkt dabei ist, und seinen seitherigen Weg als umherwandernder Schmied und Handwerker nachzeichnet, setzt er bewusst einen Schwerpunkt auf das Thema Heimat/-losigkeit. Der bis dahin gut behütete Bilbo bricht zunächst aus seinem gemütlichen Smial auf, um den Zwergen zu helfen einen Schatz zu erobern. Später will er seinen neuen Freunden vor allem die Rückkehr in die alte Heimat ermöglichen. Der kleine Hobbit mit dem großen Herzen, übrigens – wie nicht anders zu erwarten – brillant gespielt von Martin Freeman, darf auch schon etwas früher als im Buch sein Köpfchen und seinen Mut beweisen, was der Geschichte sehr gut tut.

Die Zwerge äußern außerdem noch vor Beginn der Reise Bedenken, dass sich andere Mächte auf den Weg zum Schicksalsberg machen und ihnen in ihrer Queste zuvorkommen könnten. Dabei wird schnell klar, dass sie dabei nicht nur an marodierende Orks oder die neue dunkle Macht in Dol Guldur denken, sondern zum Beispiel auch an Elben, zu denen Thorin nicht das geringste Vertrauen hat. In der Rückblende am Anfang sieht man, dass Thranduil – auf einem unsagbar schlechten CGI Hirsch reitend – und sein Elbenheer den Zwergen bei der Zerstörung Erebors nicht zu Hilfe gekommen sind. Die Angst vor Konkurrenz um den Schatz, die ersten Anzeichen der Drachenkrankheit, setzt also von Beginn an ein.

Die Psychologie der Orks

Sehr gelungen finde ich das tiefere Eindringen in die Psychologie der Orks. Sie sind nicht mehr nur bloße Statisten des Bösen, die kaum ein vernünftiges Gespräch führen können, sondern avancieren hier zu echten Anführern mit Köpfchen und eigener Motivation. Azog befindet sich auf einem persönlichen Rachefeldzug gegen seinen Erzfeind Thorin – womit der Angriff der Warge und Orks jenseits des Nebelgebirges auch plausibler erklärt wird, als mit dem eher zufälligen Treffen im Buch. Und der König unter dem Berg ist so geistreich, dass er einem fast leid tut, als er von Gandalf niedergestreckt wird.

Magische Momente über das Buch hinaus

Der Hobbit in drei Filmen? Da gab es schon vorab größere Irritationen. Die Geschichte gibt sicher viel her, aber bietet lange nicht so viel Stoff wie Der Herr der Ringe. Aber es wurde ja nicht nur Der Hobbit verfilmt. Wer tiefer in die Welt Mittelerdes eintaucht, sich z.B. die Anhänge des Herrn der Ringe oder gar die History of Middle-earth antut, der findet schnell heraus, dass Tolkien der Meister nicht-erzählter Geschichten ist. Er kannte die Hintergrundgeschichten seiner fiktiven Welt sehr genau, ist aber nie dazu gekommen, sie in aller Ausführlichkeit aufzuschreiben. Im Eintrag zum Jahr 2941 in den Annalen steht – neben der Queste der Hobbits: „The White Council meets; Saruman agrees to an attack on Dol Guldur, since he now wishes to prevent Sauron from searching the River. Sauron having made his plans abandons Dol Guldur.“ (S. 458) [Gerade keine deutsche Übersetzung zur Hand, deshalb in meinen eigenen Worten: „Der Weiße Rat trifft sich; Saruman stimmt einer Attacke auf Dol Guldur zu, da er Sauron jetzt an einer Suche am Fluss hindern möchte. Sauron, der seine Pläne geschmiedet hat, verlässt Dol Guldur.“] Ich kann mich genau daran erinnern, als ich den Eintrag zum ersten Mal gelesen habe. „Mann, wäre das eine geile Geschichte gewesen“, dachte ich – und nun bekommt man sie endlich erzählt!

Während des Aufenthalts der Zwerge und Bilbos in Imladris trifft sich der Weiße Rat. Saruman versucht die Bedrohung im Süden Düsterwalds noch herunterzuspielen, während Galadriel fleißig Gandalfs Gedanken liest. Man bekommt hier irgendwie den Eindruck, dass Galadriel dem Zauberer weitaus überlegen ist, was im Sinne der Vorlagen sicher nicht ganz korrekt ist, aber die Position Tolkiens starker Frauenfiguren schön untermauert. Apropos schön: Kate Blanchett in diesem scheinbar schlichten weißen Kleid dahinschreitend ist einfach unwiderstehlich!

Außerdem bekommen wir einen ersten Blick auf Dol Guldur und einen Cumberbatch-förmigen Schattenriss – leider ohne die entsprechende stimmliche Begleitung. Die Verfilmung kommt also, wie erhofft und angekündigt, von den Pfaden des Buches ab und erzählt Geschichten, auf die Tolkien Fans schon immer gewartet haben.

Fazit?

Tja, man muss mit den Brüchen leben können. Wenn man sich auf die schnellen Schnitte zwischen kindgerechter Unterhaltung und leichtem Horrorfilm einlässt und das Augenmerk eher auf die schauspielerischen Leistungen statt den Look des Films legt, wird man sich mit diesem Film sehr gut anfreunden können. Leider kein Aha-Erlebnis mit Gänsehaut-Garantie wie damals „Die Gefährten“, aber trotzdem unterhaltsames Kino mit kleinen bis mittelgroßen magischen Momenten.

Quelle:

Tolkien, J.R.R (1999): The Return of the King: Being the Third Part of The Lord of the Rings. London: HarperCollins.

Marie- Noëlle Biemer studierte Anglistik, Russistik und BWL an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und Business Studies an der University of Bradford, UK. Sie arbeitet als Redakteurin bei einer englischsprachigen Fachzeitschrift in Frankfurt. Zu ihrem Lieblingsthema William Morris und dessen Einfluss auf J.R.R. Tolkien hat sie bereits zwei Artikel veröffentlicht. Als Pressesprecherin der Deutschen Tolkien Gesellschaft kümmert sie sich um Presseanfragen, –mitteilungen und die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins. Sie ist außerdem Redakteurin der DTG Website.

Bild: © Warner Bros

0 0 0 0 0
  • http://www.tims-tolkien-tempel.de Garlond

    Danke!
    Das ist mal eine schöne Kritik, kein blah, wie super gut oder wie super schlecht der Film ist.
    Genau wie hier beschrieben sind auch meine Erwartungen an den Film.
    Einfach als eine Bereicherung der Geschichte und nicht als Ersatz fürs Buch.
    Für mich ist das eher so als würde man mit Freunden ein Buch lesen und sich hinterher darüber unterhalten, jeder hat da ja andere Vorstellungen beim lesen, und in diesem Fall ist es halt Peter Jackson der erzählt wie er das Buch empfunden hat, und er hat für seine Erzählung halt die Möglichkeit Bilder sprechen zu lassen.
    Es findet zwar bei dieser Erzählung kein Dialog statt, da ich ja nicht mit PJ darüber reden und ihm meine Ansichten erzählen kann.
    Aber das ist ja allein PJs Pech, so bleibt ihm meine Version vorenthalten.

  • http://www.thror.de Thror

    Tolle Rezension die mich noch gespannter auf den Film werden lässt! Vor allem, interessiert mich ob ich zu ähnlichen Schlüssen kommen werde.

    Vielen Dank!

  • Tinuvielas

    Hab’ den Film gestern gesehen und kann deine Kritik voll und ganz unteschreiben. Allein die Azog-Figur fand ich völlig übertrieben und überflüssig. Die Geschichte hätte keine derart aufgebauschte Verfolgungsjagd nötig gehabt. Und was die Effekte angeht: Man merkt doch schmerzlich, ,dass in diesem Film, anders als beim HDR, komplett auf Modellbau verzichtet wurde. So wird das Kino dem Computerspiel immer ähnlicher (und umgekehrt, was sicher das Merchandising vereinfacht).

    • Tinuvielas

      Ach ja, noch kurz als Ergänzung: Schön war doch auch die Szene mit den Motten im Bart… womit klar wäre, dass die Zwergenbärte so eine Art Rasta-Dauerfrisur sind… ;-)

  • http://www.tolkiengesellschaft.de Marie-Noëlle Biemer

    Danke für die netten Worte!
    Den Azog fand ich persönlich als filmisches Mittel, um die Handlung etwas zu verdichten nicht schlecht (s. auch “Die Psychologie der Orks”). Im Buch sind mir die Zufälle (“Out of the Frying Pan Into the Fire”) doch manchmal etwas heftig. Im Film wird die Bedrohung durch die Figur einfach noch etwas konkreter. Ich sehe das ähnlich wie Garlond: es braucht künstlerische Freiheit bei der Umsetzung – die für mich in diesem Fall Sinn gemacht hat (aber das kann man gerne anders sehen!). In den beiden letzten Teilen der “Herr der Ringe” Trilogie haben einige dieser Änderungen für mich damals gar keinen Sinn ergeben. Bisher bin ich davon verschont geblieben.
    Aha, Rastafari-Zwerge, das erklärt einiges … :)

  • Tinuvielas

    Dann poste ich hier auch mal vorab meine Rezension, die hoffentlich im Lauf des Tages bei zelluloid.de erscheint. Nur der Form halber sei vor minimalen Spoilern gewarnt (was allerdings für Buch-Kenner kaum relevant sein dürfte! ;-))

    Lang erwartete Rückkehr nach Mittelerde

    Dieser Film wird mal wieder Maßstäbe setzen, soviel zeichnete sich schon im Vorfeld ab – und zwar nicht nur wegen der bahnbrechenden doppelten Bildrate von 48 Bildern pro Sekunde, die ein deutlich dynamischeres und tiefenschärferes 3D-Erlebnis ermöglicht. Mindestens ebenso stilbildend wie die neue HFR-Technik dürfte aber die Art und Weise sein, wie Jackson die literarische Vorlage adaptiert. Erstaunlicherweise gelingt ihm dabei ein über weite Strecken überzeugender Kompromiss zwischen epischer Erzählung im Herr-der-Ringe-Stil und humorigem Kinderbuch-Abenteuer.

    Dabei punktet der Film zunächst einmal mit Altbewährtem aus der Ring-Trilogie: Wieder glänzen hervorragend gecastete und engagierte Charakterschauspieler, von denen man viele aus den Vorgängerfilmen kennt, und die im „Hobbit“ viele kleine, feine Dialogszenen haben. Wieder verzaubern die prachtvollen Landschaftsaufnahmen Neuseelands sowie die umwerfende Detailverliebtheit – und wieder ergeht sich Jackson in rasanten, computeranimierten Actioneinlagen, die sich so im Buch nicht finden (aber offenbar vom Publikum geschätzt werden). Immer wieder zitiert er zudem nicht nur wörtliche Passagen aus dem Buch, sondern auch die Vorgängerfilme – so z.B. wenn Gandalf (Ian McKellen) sich den Kopf am Leuchter stößt oder eine Motte als Boten in die Luft schickt.

    Auch sonst ist der Wiederererkennungswert für Mittelerde-Fans hoch: Wie im Herr-der-Ringe gibt es einen Schlachtenprolog, bei dem ein König vor den Augen seines Erben hingemetzelt wird; wieder treffen wir anschließend im Auenland unseren Hobbit-Protagonisten (zu Recht hoch gelobt für seine Darstellung: Martin “Watson” Freeman als Bilbo Beutlin), der, ohne es eigentlich zu wollen, mit dem Zauberer Gandalf und einer Truppe Gefährten auf eine Queste zu einem gefährlichen Berg zieht; wieder gibt es zwei übermütige Youngster im Stil Merrys und Pippins, die Zwergenbrüder Fili (Dean O’Gorman) und Kili (Aidan Turner), unter Insidern auch “Sexy Dwarves” genannt; wieder lässt Jackson einen Warg-reitenden, martialischen Orc-Antagonisten aufmarschieren und zur Verfolgung der Gefährten blasen; und wieder gibt es mit Thorin Eichenschild einen so charismatischen wie enigmatischen Krieger, der – wie seinerzeit Sean Beans Boromir – auf der Leinwand gebrochener und um einiges sympathischer angelegt ist als im Buch.

    Unterstützt wird das Gefühl der Rückkehr nach Mittelerde zudem durch den gemeinsamen Ausgangspunkt der Handlung – die Rahmenhandlung des “Hobbit” beginnt ebenso wie “Der Herr der Ringe” am Tag vor Bilbos Abschiedsparty in Beutelsend – sowie durch den unverwechselbaren Soundtrack Howard Shores, der die bekannten Themen variiert und dadurch jede Menge Parallelen herstellt.

    Verglichen mit dem “Herrn-der-Ringe” hat “Der Hobbit” als Film allerdings einen entscheidenden Vorteil: Die literarische Vorlage ist bei allen thematischen Parallelen kein über-tausendseitiges Epos, sondern ein schmales, linear als Ansammlung von Abenteuern und Irrwegen erzähltes Kinderbuch voller Märchenelemente, Reime, wundersamer Figuren und skurriler Einfälle. Sprich: eine Spielwiese für Jacksons bewährtes Team. Anstatt mühsam zu kürzen, konnten die Drehbuchschreiber (Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson und Guillermo del Toro, der zeitweilig als Regisseur vorgesehen war) die Geschichte nicht nur fast eins-zu-eins umsetzen, sondern auch mit den Handlungselementen spielen, die Figuren detailverliebt in Szene setzen und auf deren Vorgeschichten eingehen sowie den Plot durch Anleihen bei den Anhängen des “Herrn der Ringe” ergänzen. Und anstatt sich mit der Länge und der – natürlich nur für die Verfilmung problematischen – Wortlastigkeit des Hauptwerks herumzuplagen, das als komplexe, verschachtelte „Erzählung“ angelegt ist, konnten sie sich hier auf die überwältigenden Schauwerte der einfacher gestrickten Abenteuergeschichte konzentrieren.

    Und davon gibt es eine ganze Menge: sehr kleine und sehr große Orks (besonders gelungen die Szenen in Goblinstadt mit dem aufgedunsenen Ork-König, der wie eine Kreuzung aus Jabba-the-Hut und dem singenden Affenkönig aus dem Dschungelbuch daherkommt), parlierende Trolle, feiernde Elben und natürlich jede Menge Zwerge, die nicht nur Slapstick liefern, sondern als ernsthafte, ja tragische Protagonisten ihren großen Auftritt haben. Einen düsteren Bilderbuchhelden wie Thorin Eichenschild (Richard Armitage) hätte man Jackson nach dem seinerzeit als Witzfigur angelegten Gimli kaum zugetraut. Dazu die traumhaften Landschaften, die prachtvollen Kostüme (Gänsehaut: Galadriels erster Auftritt als eine Kombination aus beidem!) und finstere Festungen. Überhaupt die Räume: Von Bilbos Hobbithöhle im grünen Auenland-Idyll bis zur goldgefüllten Zwergenfeste im Einsamen Berg, vom luftigen elbischen Jugenstillidyll Rivendell bis zu den Bergwerkstollen und Hängebrücken der unterirdischen Orkstadt – dieser Film protzt mit einer Dreidimensionalität, die sich im atemberaubenden Finale mit den Riesen-Adlern noch einmal steigert – nur Fliegen ist schöner.

    Womit wir wieder bei der neuen HFR-Technik wären. Die funktioniert über weite Strecken tatsächlich gut, man vergisst mitunter, dass man eine 3D-Brille auf der Nase hat (so geschehen auf dem Weg zum Klo, der bei knapp 3 Stunden Spiellänge schon fast obligatorisch ist…). Jackson und Co. nutzen die 3D-Effekte über weite Strecken auch vergleichsweise dezent, und manchmal gelingen ihnen tatsächlich beeindruckende Effekte – vor allem dann, wenn die real gefilmte, großartige neuseeländische Landschaft ins Spiel kommt.

    Ein Nachteil ergibt sich allerdings für die Farbigkeit: Das Ganze gerät mitunter doch etwas bonbon-bunt. Das Auenland im Herrn-der-Ringe zum Beispiel wirkte realistischer, und auch die kitschige, pastellfarbene Rivendell-Totale im Thomas-Kinkade-Stil enttäuscht in diesem Film. Schmerzlich vermisst man zudem die aufwändigen Modellbauten, die den Totalen exotischer Schauplätze im Herrn-der-Ringe Tiefe gaben. So gut die CGI inzwischen auch ist, an echte Bilder kommt sie immer noch nicht heran, weniger wäre hier manchmal mehr gewesen. Dies gilt auch und vor allem für die digital aufgemotzen Action-Sequenzen – die schon in der Herr-der-Ringe-Trilogie überflüssigen, endlosen Warg-Attacken oder die Steinriesen, die mit ihrer glasklaren Optik doch sehr an Computerspiele erinnern und sich für den erwähnten Gang zum Klo anbieten: Man verpasst minutenlang nichts.

    Wahrhaft beeindruckend verspricht allerdings der heimliche Held der Hobbit-Trilogie zu werden, bei dem offensichtlich nicht an Bits und Bytes gespart wurde: der goldene Drache Smaug, von dem es am Anfang und am Ende je einen flüchtigen, wohlige Schauer erzeugenden ersten Eindruck gibt. Wenn Bilbos Unterhaltung mit Smaug im letzten Hobbit-Film auch nur annähernd so gut umgesetzt wird wie das wunderbare Rede- und Rätselduell zwischen dem kleinen Hobbit und Gollum (wieder in Hochform: Andy Serkis im Motion-Capture-Anzug) in diesem ersten Film, dann wird das vermutlich eine Szene sein, die Kinogeschichte schreibt – und erneut eine CGI-Figur, die Maßstäbe setzt.

  • Ciriel

    Ich bin schon sehr gespannt auf den Film und weiss gar nicht, wie ich das noch bis Samstag aushalten soll. ;)

  • http://www.tolkiengesellschaft.de Marie-Noëlle Biemer

    Danke, Anja Stürzer (wer sich fragt, wer Tinuvielas eigentlich ist), für das Teilen Deiner Eindrücke. Den Tipp für die Pinkelpause find ich übrigens prima! :)

  • Liriel Peredhil

    Danke an euch beiden für diese sehr aufschlussreichen Rezensionen! Auf jeden Fall bin ich nun doch gespannt wie ein Flitzebogen auf den Film. ;-)

  • Hans-Eugen

    Ich freue mich sehr auf den Film auch wenn die Befürchtug groß ist, dass man da etwas Seele wird vermisse müssen.