Pages Navigation Menu

Literatur. Fantasy. Fandom.

Kein 'neues' Tolkienbuch – aber mehr als lesenswert! 'Die Kinder Húrins'

Hinweis: Am Ende des Textes befinden sich inhaltliche Spoiler.

“Ein Kommentar von Marcel Bülles.”
Dreißig Jahre nach der Veröffentlichung des Silmarillion, vierunddreißig Jahre nach dem Tod des Autors und über fünfzig Jahre nach der Veröffentlichung des Herr der Ringe scheint mit Die Kinder Húrins der Abschluß einer langen literarischen Reise gekommen zu sein.

Vorab: Die Medien, allen voran Spiegel-Online.de, schreiben wieder hanebüchenen Unsinn über Die Kinder Húrins, daß sich die Balken biegen. Handelt es sich um ein ‘neues’ Buch aus der Hand J.R.R. Tolkiens? Nein. Der Sohn und Verwalter seines literarischen Erbes, Christopher Tolkien, hat mit diesem Buch aus fünf verschiedenen Publikationen eine zusammenhängende Geschichte geschaffen (eine sehr schöne Zusammenfassung gibt es im Blog von Professor Michael Drout zu lesen.) Neu ist daran, wie Christopher Tolkien selbst im Anhang schreibt, praktisch nichts.

Warum also dieses Buch kaufen? Dafür gibt es gerade für die deutschen Fans mehr als nur einen Grund. Der erste Vorteil ist die simple Tatsache, daß bis heute nur Teile der History of Middle-earth, einer zwölfbändigen Edition der Texte Tolkiens (mit Ausnahme des Hobbits und kleinerer Werke), übersetzt wurden – um genau zu sein, lediglich die ersten beiden Bände. Doch die Narn i Hîn Húrin ist an Stellen zu finden, die es auf deutsch nicht gibt. In den Lays of Beleriand etwa findet sich ein tausende Zeilen umfassendes Gedicht im Stabreim. Die Form des Epos? In Deutschland auf jeden Fall. Große Teile der Erzählung finden sich zwar in den Nachrichten aus Mittelerde, doch das ist noch lange nicht alles.

Der zweite Vorteil sind die unglaublich stimmigen Bleistiftzeichnungen, die sich an Kapitelanfängen befinden und die vielen atemberaubenden Bilder, die Alan Lee so meisterhaft umgesetzt hat. Wer Húrin auf seinem Sitz hoch oben über Morgoths Festung sieht, der hat ein Bild vor Augen, das in seiner Grausamkeit kaum passender sein kann. Alleine Bilder und Zeichnungen lohnen sich mehr als genug. Hinzu kommen erläuternde und zusammenfassende Worte Christopher Tolkiens zu Textgeschichte und den Teilen der Erzählung, die er hat umpositionieren müssen, um einen zusammenhängenden Text zu erreichen.

Aber wenn es sich dann doch nur um denselben Text handelt, den man schon hätte lesen können, wenn man alle Bücher zu Tolkien bereits im Original gelesen hat – oder wenn Die Nachrichten aus Mittelerde schon so nah am Endprodukt sind – oder wenn man, ganz ehrlich gesagt, nicht wirklich viel vom Silmarillion gehalten hat, warum dann dieses Buch?

Es kommt nicht von ungefähr, daß Christopher Tolkien den jetzigen Zeitpunkt wählt, um dieses Buch herauszubringen, genau dreißig Jahre nach der Veröffentlichung des Silmarillion. Vor zwölf Jahren hat er mit dem Projekt begonnen, es aber erst in den Jahren des Filmhypes beim Verlag erwähnt, vor zwei Jahren fertiggestellt und erst in den letzten beiden Jahren die Feinheiten abgestimmt, die zur Veröffentlichung eines so interessanten Buchs notwendig sind.

Die Kinder Húrins scheint der Versuch, endlich wieder den Büchern das Interesse gelten zu lassen. Höchste Geheimhaltungsstufe bedeutete die Veröffentlichung, man mußte Stillschweigen schriftlich garantieren,vor dem 17. April durfte nichts über das Buch geschrieben werden wenn man denn eins der begehrten Rezensionsexemplare bekommen wollte. So entstand bald ein durchaus beachtliches mediales Interesse, die üblichen Verrisse langweiliger, pathos-behafteter, rückwärtsgerichteter Fantasy allenthalben.

Was aber übrig bleibt ist der Versuch die Geschichte zu erzählen, die Tolkien wohl am meisten am Herzen lag, der er am meisten Zeit widmete, die er wie keine andere entwickelte, veränderte, überarbeitete. Wer den Herr der Ringe und den Hobbit mag, aber am Silmarillion scheiterte, wird jetzt vielleicht einen Einstieg in das Erste Zeitalter finden. Kein wissenschaftlicher Apparat, kein elbisches Telefonbuch (wenn auch Túrins zahlreiche Namen eine andere Sprache sprechen mögen) – die tragischste Geschichte, die man vielleicht im Leben gelesen hat. Ödipus war einmal. Túrin ist der Charakter, dessen Schicksal oder Ungeschick soviel Mitleid oder Zorn beim Leser hervorruft wie kein anderer. Und mit Tragik meine ich die einzig relevante Definition von Tragik: es muß eine tragische Notwendigkeit im Spiel sein. Es gibt keine tragischen Autounfälle. Würden die Leute vernünftig fahren, gäbe es keine. Nein, Túrin kann seinem Schicksal nicht entrinnen, von Morgoth verflucht, selbst voll Zorn und Haß, Jähzorn. Das Schicksal nimmt seinen Lauf … und der Meister des Schicksals wird am Ende vom Schicksal gemeistert.


Spoiler

Mîm geht zu den Orks und verrät Túrin.
Andróg rettet Beleg, nachdem er versucht hatte, Mîm zu töten.
Gwindor hat bei seiner Flucht aus Angband eine Hand verloren.
Christopher läßt Húrins Reise nach Nargothrond und Doriath aus. Er findet Morwen

Nach dem Kapitel “Túrin in Doriath” gibt es mehr Änderungen zu den Nachrichten aus Mittelerde

Die Karte ist kleiner, es fehlt ihr der Osten Beleriands und sie enthält kleine Korrekturen.

Die Hardbackausgabe von Klett-Cotta enthält alle Zeichnungen und Bilder von Alan Lee.

Fehler

“Panzer, Schwert und Schild für einen von meiner Größe, Herr”, antwortete Túrin. “Und mit deiner Erlaubnis erhebe jetzt Anspruch auf den Drachenhelm meiner Väter.” S. 89. Es fehlt ein ‘ich’.

Mablung, der mächtige Maulwurf (S. 226) ist natürlich eine fehlerhafte Übernahme aus der Übersetzung von Hans J. Schütz. Das Wort im Originial ist ‘vole’, nicht ‘mole.’ Als Glaurung über die Brücke Nargothronds zurückkriecht, versteckt Mablung sich dort wie eine kleine Maus, nicht wie ein Maulwurf.

Die Zeichnung auf S. 310 enthält einen Rechtschreibfehler: Aman Obel (sic!), es heißt aber Amon Obel.

Diskutieren kann man Schütz’ Übersetzung der Passage in Doriath, als Morwen sich weigert, auf den Rat Thingols zu hören, bei ihm zu bleiben und nicht nach Nargothrond zu gehen. In den Unfinished Tales steht:

“If she is to be held here, you must hold her with strength. Yet maybe thus you will overthrow her mind.” (S. 113, Unwin & Hyman, 1982).

Schütz übersetzt dies mit: “Wenn sie hierbleiben soll, musst du sie mit Gewalt zurückhalten. Doch vielleicht kannst du auf diese Weise ihren Starrsinn besiegen.” (S. 215, Klett-Cotta, 2007.)

Es erscheint mir sinniger davon auszugehen, daß Melian fürchtet, Gewalt könnte Morwens Willen brechen oder sie gar in den Wahnsinn treiben.

P.S.: In den Anhängen wird ein Teil der Stabreimversion der Kinder Húrins übersetzt – gibt es endlich Hoffnung auf die längst fällige Übersetzung der Lays of Beleriand?

0 0 0 0 0